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  • Kritik: Carrey glänzt in bizarrer Tragikomödie

    Wie ist es, wenn man von jemandem, den man liebt, einfach aus dem Gedächtnis gelöscht wird? Diese Frage stellten sich einmal in einem Pariser Café der französische Musikvideo-Regisseur Michel Gondry und ein befreundeter Künstler. Am Ende kam der Film «Vergiss mein nicht!» heraus, in dem Jim Carrey seine wohl beste ernste Rolle abliefert und der in Amerika schon jetzt als Oscar- Kandidat gehandelt wird. Auch Kate Winslet konnte sich endlich aus dem Schatten ihrer «Titanic»-Rolle befreien und erntete begeisterte Kritiken.

    Die Geschichte ist auf den ersten Blick schnell erzählt. Der schüchterne, in sich gekehrte Joel Barrish (Carrey) wird von seiner impulsiven, lebenshungrigen Freundin Clementine (Winslet) verlassen und leidet schrecklich. Schlimmer noch, eines Tages wagt er endlich einen Versöhnungsversuch und muss feststellen, dass sie durch ihn wie durch einen Fremden hindurchsieht. Von Freunden erfährt Joel, dass sich Clementine die gesamte Erinnerung an ihn löschen ließ.

    Und in der Nacht kommen zwei Techniker ...

    Da beschließt Joel, es ihr gleich zu tun. Bei der Firma Lacuna, die mehr an eine schäbige Zahnarztpraxis als an eine Brutstätte modernster Technologie erinnert, muss er alles abgeben, was ihn an Clementine erinnern könnte. Und in der Nacht kommen zwei Techniker zu ihm nach Hause, um sie komplett aus seinem betäubten Hirn auszuradieren. Joels Körper ist paralysiert, aber sein Verstand ist wach, und er erlebt mit, wie sein Gedächtnis sich in Luft auflöst. Alte und neue Erinnerungen vermischen sich miteinander und mit der Realität zu bizarren Konstruktionen. Als auch die schönen Momente mit Clementine dran sind, weiß Joel definitiv: Er will sie behalten.

    Und damit beginnt eine atemlose Jagd durch Joels Gehirn, in der er verzweifelt versucht, seine Clementine in irgendeinem Winkel der Vergangenheit vor den unerbittlichen Verfolgern zu verstecken. Der in Hollywood nach dem Erfolg von «Being John Malkovich» schwer angesagte Drehbuchautor Charlie Kaufman sorgte für verwirrende Augenblicke. «Die Clementine, mit der Joel ständig in seinem eigenen Kopf spricht, ist überhaupt nicht Clementine. Sie ist seine Erinnerung an sie und damit eigentlich er selbst», so eine Kostprobe seiner Überlegungen.

    Das Leben ist unheimlich, die Liebe zerbrechlich und kostbar

    Kaufman gelang ein Beziehungsdrama im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Zeit auf beliebige Details zu verschwenden, skizziert er in wenigen Zügen die Tragödie einer zerfallenden Beziehung: Sie redet zu viel, er zu wenig, kleine Unzufriedenheiten wie Haare auf der Seife werden riesig und verdrängen alles andere, beide fühlen sich eingesperrt und haben sich nichts mehr zu sagen. Unter dem Strich der Erinnerungen bleibt jedoch die Botschaft: Das Leben ist unheimlich, die Liebe zerbrechlich und kostbar.

    Deutscher Titel «Vergiss mein nicht!» ist viel zu banal

    Der deutsche Titel «Vergiss mein nicht!» ist viel zu banal für diese Geschichte. Im Original heißt der Film «Eternal Sunshine of the Spotless Mind», in etwa «ewiger Sonnenschein des unbekümmerten Geistes», eine Zeile aus «Eloise an Abelard» des Dichters Alexander Pope. Ebenso falsch sei es, wenn der Film als romantische Komödie verkauft wird, kritisierte Gondry in einem Interview. «Das ist er einfach nicht.» Es sei schon lustig, dass er, der jahrelang Werbekampagnen für Firmen wie Levi's machte, keine Kontrolle über die Vermarktung seiner eigenen Kinofilme habe. «Selbst das Foto von Jim Carrey auf dem Plakat ist nicht aus dem Film und nicht von mir. Sie wollten unbedingt, dass er auf dem Poster lächelt.»

    Ungewöhnlicher Film mit ungewöhnlichen Mitteln

    Gondry griff für einen ungewöhnlichen Film zu ungewöhnlichen Mitteln. So verzichtete er auf das übliche Kommando «Kamera läuft», und die Schauspieler wussten oft nicht, ob und von wo sie gerade gefilmt werden. Dies habe vor allem Carrey irritiert, der zunächst seine Energie verschwendet fühlte, sagt Gondry. Winslet mit ihrer energiegeladenen, fragilen und überwältigend liebenswerten Clementine war dagegen von Anfang an eine treue Komplizin des Regisseurs. Sie unterbrach Carrey mitten im Satz, Schlug auf ihn ohne Vorwarnung ein oder verschwand plötzlich. «So sind seine überraschten Reaktionen in vielen Szenen wirklich echt», sagt Gondry.

    Problem: Carreys natürliches Temperament zu zügeln

    Ein weiteres Problem sei gewesen, das natürliche Temperament Carreys zu zügeln, der zunächst wie gewohnt improvisieren wollte. «Als ich ihn bat, sich an den Text zu halten, war er etwas gekränkt. Witzigerweise habe ich am Ende in mancher Szene seine Sätze für den Film genommen, weil sie besser waren als Charlies», räumt Gondry ein. Die Montage der fertigen Filmaufnahmen dauerte elf Monate. Unmittelbar nach dem Ende der Dreharbeiten wurde der Regisseur selbst von seiner Freundin abserviert und dachte nach eigenem Bekenntnis auch an die Vorzüge einer Gehirnsäuberung.

    dpa

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