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  • Kritik: Carax' erster Film seit acht Jahren beeindruckt trotz Klischees

    Pierre ist jung und reich. Der Erfolgsautor trägt weiße Hemden, lebt sorgenfrei mit seiner Mutter in einem Schloss in der Normandie und plant die Hochzeit mit der - natürlich blonden und schönen - Verlobten Lucie.

    Doch eine geheimnisvolle Fremde zieht ihn in ihren Bann: Isabelle behauptet, eine uneheliche Tochter seines Vaters zu sein, eines Diplomaten. Pierre bricht mit seinem Leben, versucht sich mit Isabelle in Paris, in einer fremden, düsteren Welt durchzuschlagen und beginnt die Arbeit an einem "großen Buch über die Wahrheit". Doch wie ein Ertrinkender im Sog taumelt der Scheiternde unaufhaltsam dem Abgrund entgegen.

    Acht Jahre nach den grandiosen Film "Die Liebenden von Pont Neuf" meldet sich der französische Regisseur Leos Carax mit einer Verfilmung von Hermann Melvilles Roman "Pierre oder im Kampf mit der Sphinx", ab 9. Dezember in den Kinos, zurück. Und "Pola X" mutet dem Besucher in 134 Minuten einiges zu: Das Melodram strotzt vor Klischees, und die Dialoge liegen bisweilen nahe der Schmerzgrenze. Minutenlang lässt Carax die monologisierende Isabelle mit Pierre durch den nächtlichen Wald laufen; ein militanter Sektenführer, der in einer verlassenen Fabrik ohrenbetäubende Rocksymphonien dirigiert, irrlichtert durch den Film; Inzest, Obsession, Verrat, Unreife und die Suche nach der absoluten Wahrheit werden thematisiert - ja geht es denn nicht eine Nummer kleiner?

    Doch dann wäre es kein Carax-Film geworden, nicht der Film eines Regisseurs, der die "Liebenden von Pont Neuf" in einer maßlosen, dreijährigen und budgetsprengenden Produktion schuf und sich danach in der "Hölle" wähnte, der seine Werke im Abstand von mehreren Jahren vorlegt, der Dreharbeiten als "Naturkatastrophen" bezeichnet und für den jeder Film sein letzter sein kann.

    "Pola" steht für die Anfangsbuchstaben des französischen Romantitels "Pierre ou les Ambiguites" (Pierre oder die Zweideutigkeiten): "Ich wünschte, ich wäre ein Maler und könnte jeden Film einfach 'Ohne Titel' nennen und nur mit einem Datum versehen", sagt Carax. Erstmals hat der Regisseur nach mehreren Variationen der "Boy meets Girl"-Konstellation einen Roman verfilmt, ein von der Literaturkritik lange verrissenes Werk, das Melville gleich nach "Moby Dick" schrieb.

    In dem verstörend-düsteren Film zieht sich Guillaume Depardieu als Pierre achtbar aus der Affäre, wenn auch sein Niedergang äußerlich mit Perücke, falschem Bart, wehendem Mantel und Hinken am Stock dick aufgetragen ist - Depardieu wird im Verlauf seines Niedergangs seinem berühmten Vater immer ähnlicher. Catherine Deneuve gibt gewohnt brillant die Mutter Pierres, die ihren Sohn eigentlich für sich behalten will. Als Halbschwester Isabelle reißt Katerina Golubeva Pierre aus seiner vermeintlichen heilen Welt in die Welt des Zweifels und in den Untergang; ihre Liebesszene mit Pierre nannte die Pariser Tageszeitung "Liberation" "eine der schönsten, die jemals gefilmt wurden".

    Trotz aller offensichtlicher Schwächen ist "Pola X" ein Film, der in seiner oft über das Ziel hinausschießenden Absolutheit beeindruckt, und der meilenweit von gängiger Konfektionsware im Kino entfernt ist. "Warum machen wir Filme?", fragt sich Carax: "Oft, weil keiner da ist, mit dem man sprechen kann."

    Uwe Gepp, AP

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