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  • Kritik: Brenda Blethyn und Michael Caine: herausragend komisch

    Dieses Filmpaar ist ordinär, selbstsüchtig und gierig, und es ist umwerfend grandios. Brenda Blethyn und Michael Caine spielen in der britischen Komödie "Little Voice" abgetakelte Typen jenseits der 50.

    Mari quasselt und keift ohne Punkt und Komma vor sich hin; ihre ausufernde Figur zwängt sie mit breitem Gürtel auf Taille. Gerade hat sie wieder eine Eroberung gemacht: Der Showagent Ray Say hat sich mit ihr eingelassen, und sie glaubt, doch noch den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Der wiederum stößt auf die Entdeckung, die ihm doch noch zur großen Karriere verhelfen könnte: Maris Tochter, genannt L.V., Little Voice.

    Den Spitznamen hat sie bekommen, weil sie wenig und nur sehr leise mit piepsiger Stimme spricht. Die äußerst scheue junge Frau (Jane Horrocks) lebt in ihrem Zimmer unter dem Dach in ihrer eigenen Welt. Sie trauert um den Vater, der sie vom Foto an der Wand tröstend ansieht und ihr seine Schallplattensammlung hinterlassen hat. Sie hört die Hits von Billie Holliday, Shirley Bassey, Judy Garland, Marilyn Monroe und Marlene Dietrich rund um die Uhr, um sich abzuschotten gegen den Lärm und die nicht endenden Vorwürfe der Mutter.

    Als Ray Say entdeckt, daß sie die Gesangsstars perfekt imitieren kann, wittert er das große Geschäft. Er muß sie überreden, im Nachtclub von Mr. Boo aufzutreten. Gleichzeitig lernt L.V. einen jungen Mann kennen, der sich zu ihrer stillen Art hingezogen fühlt. Auch Billy (Ewan McGregor), der die Telefonleitung im Haus repariert hat, kapselt sich ab, wenn er sich mit seinen Brieftauben beschäftigt.

    Den beiden so gegensätzlichen Männern gelingt es, L.V. aus ihrem Kokon zu befreien. Sie läßt sich zu einem großen Auftritt im Nachtclub überreden. Wie unter Zauber verwandelt sich das unscheinbare, zutiefst verschüchterte Mädchen in eine kokette Femme fatale oder schillernde Diva. Sie schmettert dem Publikum guttural wie Shirley Bassey "Hey Big Spender" entgegen und verzaubert es mit Judy Garlands Träumerei "Somewhere over the Rainbow".

    Doch für die Befreiung von Little Voice ist der Bühnenerfolg nur der Auslöser, nicht die Erfüllung. Sie hat eigentlich nur für ihren Vater gesungen, der ihr als Geist im Publikum erschienen ist. Was zunächst wie eine moderne Aschenputtel-Version aussieht, wird schließlich doch in die Realität zurückgeholt.

    Wie Regisseur Mark Herman aber in der Welt der ärmlichen nordenglischen Hafenstadt ergreifendes Gefühlskino zaubert, macht ihm so leicht keiner nach. Schon in "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" hat Herman Poesie und Humor, Tragödie und Musik exzellent gemischt. Auch in "Little Voice" wird die Musik zur Überlebensstrategie im harten Alltag der Arbeiterklasse. Im Abspann ist zu lesen, daß L.V.-Darstellerin Jane Horrocks alle Songs selbst gesungen hat.

    "Little Voice" sei eigentlich eine traurige Geschichte über Egoismus und Gier, meint Herman. Gerade daraus kann er aber den hinreißenden britischen Humor entwickeln, der in der Darstellung von Brenda Blethyn und Michael Caine geradezu unübertrefflich wird. Beide wurden dafür mit einer Oscar-Nominierung belohnt.

    Blethyn und Caine spielen mit sichtlichem Vergnügen und Mut zur Lächerlichkeit: Mari hält sich für den Mittelpunkt der Welt und terrorisiert ihre Tochter von früh bis spät, und zugleich ist ihre verzweifelte Einsamkeit hinter der grellen Fassade spürbar. Und Ray Say ist für den großartigen Michael Caine endlich wieder eine mit einem Golden Globe ausgezeichnete Paraderolle als Mischung aus schmierigem Hallodri und liebenswürdigem Charmeur.

    Inge Treichel, AP

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