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  • Kritik: Bomben, Kunst und Comingout

    Ein durchgestyltes Einfamilienhaus, eine attraktive Frau und zwei wohl geratene Söhne - für Roland Spatz scheint alles perfekt. Doch Alain Gsponsers deutsche Tragikomödie «Das wahre Leben» fängt da an, wo das alte Leben des Managers aufhört: Am Tag seiner Entlassung.

    Der 30-jährige Jungregisseur Gsponsers, der im Dezember den Nachwuchsregiepreis in Baden-Baden bekommen hat, lässt seine Figuren dabei mit Würde und Witz untergehen. Mit Ulrich Noethen und Katja Riemann als Ehepaar Spatz sowie Hannah Herzsprung als Nachbarstochter hat der Schweizer Regisseur eine sehenswerte Gesellschaftssatire inszeniert.

    Wie ein Kartenhaus bricht das Leben der Familie zusammen, als Vater Spatz seinen gut bezahlten Job in der Pharmaindustrie verliert und fortan seinen Ehrgeiz in den Haushalt steckt. Während der 15-jährige Sohn Bomben im verschlossenen Kinderzimmer bastelt, hat sein älterer Bruder Charles bei den Geländeübungen der Bundeswehr sein Coming-out.

    Mutter Sybille flüchtet in ihre Galerie und verkauft Penisskulpturen aus Acryl an verschreckte Kunsttouristen. Trotz der absurden Handlung und der überzeichneten Charaktere findet sich der Zuschauer in den hervorragend und amüsant gespielten Figuren wieder. Katja Riemann («Die Apothekerin») spielt die coole Übermutter und resignierte Ehefrau, die ihre Kinder vor den cholerischen Wutausbrüchen ihres Mannes schützt und ihre Freizeit der Problemtochter der Nachbarn widmet.

    Mit resoluter Stimme und witzigen Sprüchen schlägt Katja Riemann Wege abseits vom Weibchen-Image ein. Ulrich Noethen, der in den vergangenen Monaten durch seine Engagements in «Der Untergang» und Dani Levys Hitler-Parodie «Der Führer» auf Nazi-Rollen abonniert war, spielt den hilflosen Pedanten exzellent. Ein fahriger Hobbybastler, der mit Akku-Bohrer und Vorschlaghammer das Haus in eine Baustelle verwandelt und die Söhne durch seine plötzliche Anwesenheit nervt.

    Im Nachbarhaus spielen sich währenddessen Dramen ab. Künstlerisch talentiert, aber von ihren Eltern nicht weiter beachtet, trinkt Florina Krüger (Hannah Herzsprung) Unmengen Whiskey, schmeißt Pillen ein und spricht vom Selbstmord. Eine starke Rolle für Hannah Herzsprung, die mit der Rolle der Florina auf den 40. Hofer Filmtagen im Oktober als die Entdeckung des Festivals gefeiert wurde.

    Nach und nach fällt jeder aus seiner Rolle. So wälzt sich der biedere und überkontrollierte Familienvater nackt und wie von Sinnen in bunten Ölfarben. Immer schneller werden die Bilder, um dann den Höhepunkt des Chaos' genüsslich festzuhalten. Die Familie scheint sich am Ende mit dem «wahren Leben» abgefunden zu haben und strahlt trotz des fulminanten Zusammenbruchs ihrer Existenz etwas wunderbar Tröstliches aus.

    dpa

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