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  • Kritik: Blick in die zwischenmenschliche Hölle

    Einsamkeit und Isolation

    Während der "Hundstage" sind auch tagsüber die Rollläden heruntergelassen. In den Häusern und Wohnungen entladen sich aufgestaute Aggressionen, kommt es zur Triebabfuhr. Ulrich Seidl hat weder seine Darsteller geschont, noch schont er sein Publikum. Sein Episodenfilm führt geradewegs in die zwischenmenschliche Hölle. Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde er dafür im vergangenen Jahr mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

    Damit keine Wolke den Blick auf das Hässliche unter der Sonne verschleiert, hat Seidl ausschließlich bei blauem Himmel gedreht. Es gibt auch für das Auge nichts Versöhnliches in diesem steinernen Niemandsland. Was sich unter Seidls gnadenlosem Blick entblößt, offenbart schockierende Innenansichten - jeder Blick ein Schmerz, jede Szene eine Grenzüberschreitung.

    Anna belästigt Autofahrer. Auf Parkplätzen von Supermärkten nötigt sie sich als Anhalterin auf, leiert ihre Top Ten der besten Werbespots herunter und bedrängt die Fahrer und Fahrerinnen mit distanzlosen Fragen. Was sich wie ein Toleranztest mit versteckter Kamera ausnimmt, entspringt dem pathologischen Drang, in die Intimsphäre von Fremden einzudringen. Ein Jahr lang hatte sich die Schauspielerin Maria Hofstätter auf diese Rolle vorbereitet und Behinderten-WGs besucht. So kam sie schon als Anna zum Set, bemüht, "dass ich als Schauspielerin nicht negativ auffalle". Der Zuschauer, das war Seidls Anspruch, sollte keinen Unterschied zwischen Profis und Laien erkennen.

    "Hundstage" ist nach einer Reihe von Dokumentationen (darunter "Tierische Liebe" über den Hund als Beziehungsersatz) Ulrich Seidls erster Spielfilm. "Hier ging es darum, noch extremer zu sein und authentische Milieuwidergabe mit reiner Fiktion zu verbinden", sagt der Filmemacher. Er hat sein Konzept bis an die Grenzen des Erträglichen ausgereizt. Da ist auch die Komik so grausam wie im wirklichen Leben.

    Ein alter Querulant wiegt abgepackte Ware nach und reklamiert zu leicht Befundenes im Supermarkt. Zur Feier seines 50. Hochzeitstages lädt er seine Haushälterin ein. Die zieht wunschgemäß ein Kleid seiner verstorbenen Frau an und bietet ihm zu später Stunde einen Striptease. Manches würde man lieber nicht sehen müssen, doch Seidl zwingt zum Zuschauen. Dabei degradiert er uns nicht zu gemeinen Voyeuren, sondern zwingt zur Auseinandersetzung. Mit Intim-Ritualen bereitet sich eine verhärmte Lehrerin auf den Besuch ihres um 20 Jahre jüngeren Zuhälter-Freundes vor. Es ist das Vorspiel zu einer Nacht sexueller Demütigung und Gewalt. Männer agieren ihren Hass auf Frauen in unkontrollierter Gewalt aus, um anschließend in Selbstmitleid zu zerfließen: von den Weibern immer wieder verletzte Psychopathen.

    Die Hundstage sind ein Katalysator für soziale Pathologien. Seidls Film behält in der Hitze den kühlen, dokumentarischen Blick auf die Kriegsschauplätze. Vor den Häusern ist es leer. Wie auf einem Edward Hopper-Motiv liegen zwei Menschen reglos auf Liegestühlen in ihrer weißen Parzelle. So illustriert Seidl Einsamkeit und Isolation an der urbanen Peripherie. Was, so sagt er, soll man schon über Glück erzählen?

    Ricarda Schrader, dpa

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