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  • Kritik: Bewegendes Drama äthiopischer Flüchtlinge

    Was macht die Identität eines Menschen aus? Sein Glaube? Seine Herkunft? Sein soziales Umfeld? Und wie groß muss die Liebe einer Mutter sein, wenn sie ihr Kind wegschickt, damit es überleben kann?

    Im Spannungsfeld dieser Fragen bewegt sich «Geh und lebe», der neue Film von Radu Mihaileanu («Zug des Lebens», 1998). Der aus Rumänien stammende, aber vor einem Vierteljahrhundert vor dem Ceaucescu-Regime nach Frankreich geflohene Regisseur und Drehbuchautor riskiert damit eine Gratwanderung.

    Ausgangspunkt seiner Geschichte ist die «Operation Moses»: Mitte der 80er Jahre holte der israelische Geheimdienst tausende äthiopischer Juden, die so genannten Falashas, nach Israel. Der Film steigt ein mit Dokumentaraufnahmen aus riesigen Flüchtlingslagern im Sudan. Dorthin hatten sich Hunderttausende Afrikaner aus von Hunger und Dürrekatastrophen heimgesuchten Ländern geflüchtet. Bilder von erschreckender Aktualität, in die der Film überblendet.

    Mihaileanu greift aus dem Massenelend die Schicksale zweier Mütter heraus: Die eine, eine äthiopische Jüdin, hält mit unbewegter Miene ihr sterbendes Kind im Arm. Die andere, eine äthiopische Christin, sagt zu ihrem neunjährigen Sohn «Geh!» und schickt ihn mit der anderen auf die Reise ins Gelobte Land, in das nur Juden dürfen. Die stumme Verzweiflung des Jungen, der nicht versteht, warum seine Mutter ihn nicht mehr bei sich haben will und warum er sich als Jude ausgeben soll, gehört zu den rührendsten Filmszenen überhaupt.

    In dem Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen, fließen anfangs nur Tränen. Viele Israelis lassen die schwarzen Juden aus Afrika versteckten bis offenen Rassismus spüren. Um die Nicht-Juden, die sich unrechtmäßig ins Land gemogelt haben, zu entlarven, müssen die Flüchtlinge Befragungen über sich ergehen lassen, die unangenehm an Ariernachweise erinnern. Selbst denen, die den Test bestehen, wird ihr Name, ihre Identität genommen. Der kleine traurige Schwindler heißt von nun an Schlomo.

    Seine Zweitmutter stirbt kurz nach der Ankunft in Israel. Und Schlomo ist dazu verdammt, ein fremdes Leben zu leben - das aber immer mehr sein eigenes wird. Eine liebevolle Adoptivfamilie nimmt sich seiner an (hervorragend: Yaël Abecassis als leidenschaftliche Adoptivmutter), er entwickelt einen engen Bezug zum jüdischen Glauben, trotz der Vorurteile, mit denen er als vermeintlicher Falasha und Schwarzer immer wieder zu kämpfen hat. Aber seine Mutter, die er verleugnen muss, kann er nicht vergessen. Immer wieder hat er Schuldgefühle, und es quält ihn die Frage, warum sie ihn damals fortgeschickt hat. Eine Frage, die sich rational beantworten, emotional aber nicht verarbeiten lässt.

    Sonja Puhl, dpa

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