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  • Kritik: Berührendes Drama um ein Wunderkind

    Er träumt davon, sich einfach ins Flugzeug zu setzen, den Motor anzulassen und abzuheben - hinein in den blauen Himmel und in ein freies, ungebundenes Leben.

    Ein Überflieger ist der hochbegabte Vitus schon als Kind, aber seine phänomenalen musikalischen und mathematischen Talente werden irgendwann zur schweren Bürde. Es muss doch neben dem ewigen Üben und Studieren noch etwas anderes geben.

    Der Schweizer Regisseur Fredi M. Murer erzählt in wohltuend ruhigem Rhythmus und mit stillem Humor die nicht immer harmlose Geschichte eines extrem begabten Kindes, das eigentlich nur als Mensch geliebt und nicht als Kuriosum bestaunt werden will. Diese seltsam beschwingte Tragikomödie scheint dabei, natürlich auch dank der Musik, immer ein wenig über dem Boden der Realität zu schweben. Märchenhafte Elemente verbinden sich mit einer leisen, aber beharrlichen Kritik an den schier unumstößlichen Normen der Leistungsgesellschaft.

    Als Kind wird Vitus (Theo Gheorghiu) von seiner ehrgeizigen Mutter (Julika Jenkins) auf Partys wie ein Zirkuspferd vorgeführt, während sein Vater (Urs Jucker) zwar Verständnis für den Jungen aufbringt, aber einfach keine Zeit hat. Der etwas skurrile Hörgeräteakustiker ist viel zu beschäftigt mit seiner Karriere. Immer öfter flüchtet Vitus zu seinem verwitweten Großvater (großartig: Bruno Ganz), einem kauzigen Schreiner, der allein in seinem verwunschenen Bauernhaus lebt.

    Hier findet der Wunderknabe Ruhe. Die beiden spielen Schach, essen zusammen Nudeln, oder der Einsiedler schreinert Flügel aus Holz für seinen Enkel. Und wenn Vitus gut gelaunt ist, dann lässt er seinen Opa beim Schach gewinnen. Draußen in der Welt dagegen wird das heranwachsende Genie immer mehr zum Außenseiter. Eines Tages stürzt er vom Balkon. Als Vitus im Krankenhaus erwacht, scheinen seine Fähigkeiten allesamt verflogen zu sein: endlich ein «normaler» Teenager. Aber dies ist längst nicht der Schlussakkord dieser fantastischen Geschichte.

    Das Wunderkind in Murers «Vitus», der zu den erfolgreichsten Schweizer Filme der letzten Jahre zählt, wird gespielt von einem Wunderkind. Der 1992 geborene Theo Gheorghiu studiert seit fünf Jahren an der «Purcell School» in London, hat bereits mehrere Preise bei renommierten Klavierwettbewerben gewonnen und gab sein Konzertdebüt während der Dreharbeiten zu «Vitus» in der Zürcher Tonhalle mit Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Für die Rolle erwies sich Theo Gheorghiu auch deshalb als ideal, weil er schauspielerisches Talent besitzt und Schweizerdeutsch spricht.

    Gespräche sind ebenso wichtig in diesem Film wie die Musik. In seinem Großvater hat Vitus eine Geistesverwandten gefunden. Zusammen drehen sie wie zwei Gangster ein großes Ding an der Börse und bilden so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft, ein Bollwerk gegen die Zumutungen der Welt.

    Bruno Ganz glänzt wieder einmal ganz unwiderstehlich mit seinem subversiven Charme. Ein echter Philosoph, ein Vagabund des Herzens, der Liebesbriefe schreibt und an Luftballons hängt und seinen Hut über den Fluss wirft: man muss Neues wagen.

    Johannes von der Gathen, dpa

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