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  • Kritik: Bertrand Bliers "Mein Mann"

    Man mag ihren Worten kaum Glauben schenken: Mit direktem Blick in die Kamera erzählt Marie (bekam verdientermaßen den Silbernen Bären der diesjährigen Berlinale: Anouk Grinberg) feierlich von ihrer Arbeit, die sie unendlich liebt, dem Glücksgefühl, das sie durchströmt, wenn sie den Männern ihre Liebesdienste zuteil werden läßt. Hat einer kein Geld, macht sie es umsonst. Marie ist eine Hure, eine mit Herz und Heiligenschein. Vielleicht auch eine gute Fee. Wer weiß das schon.

    Das Spiel geht weiter: Voller Mitgefühl über das menschliche Elend, das da vor ihr im naßkalten Hausflur liegt, nimmt Marie, die Herrscherin über Lust und Leben, den dreckstarrenden Clochard Jeannot (köstlich: Gérard Lanvin) bei sich auf und macht ihn, rasiert und gebadet, zu "ihrem Mann", zum Luden, dem sie künftig alles Geld abliefern will.

    Ab hier ist es mit der Märchenstunde abrupt vorbei. So viel Selbstaufgabe mag man eh nicht glauben. Die heile Welt ist dem Untergang geweiht. Denn Bertrand Blier, der den altruistischen Liebesakt eben noch als sakrale Handlung feierte, läßt Jeannot ganz plötzlich einen Seitensprung begehen: mit der kindlich-naiven Maniküre Sanguine (Valéria Bruni-Tedeschi). Er bezahlt sie gut, mit dem Geld von Marie. Und bringt ihr bei, wie man im horizontalen Gewerbe erfolgreich wird.

    Als die Polizei auftaucht und Jeannot gnadenlos ins Gefängnis wirft, ist es mit dem letzten Rest von vorgetäuschter Idylle vorbei. Jeannot schweigt, Marie leidet. Und Sanguine versteht die Welt von vornherein nicht so ganz.

    Spätestens ab hier bestätigt sich der Verdacht: Blier meint nicht ernst, was er uns vorspielen ließ. Er hält dem Zuschauer einen Vexierspiegel vor und amüsiert sich über unsere Unsicherheit, was wir nun glauben dürfen oder nicht. "Mein Mann" ist kein Melodram, sondern eine kleine, doppelbödige Satire auf das Leben mit seinen Widersprüchen, auf das Verhältnis von Mann und Frau. Als Jeannot für fünf Jahre hinter Gitter wandert und Marie im Handumdrehen ein bürgerliches Leben mit zwei Kindern beginnt, das im Gegensatz zu früher unter andauernden finanziellen Problemen leidet, bleibt Blier auch hier niemals ernst. Er überzeichnet die Handlungen und Dialoge seiner Figuren und verwandelt so augenscheinliche Tragik in leise Komik.

    "Man darf meine Filme nie ernst nehmen, obwohl sie ernst gemeint sind", mahnt Bertrand Blier augenzwinkernd. Wann es sich also um Wahrheit oder Lüge handelt, überläßt Blier dem Zuschauer.

    "Mein Mann" (Frankreich) 1996: 105 Minuten. Frei ab 16 Jahren. Regie und Drehbuch: Bertrand Blier. Kamera: Pierre Lhomme. Darsteller: Anouk Grinberg, Gérard Lanvin, Valéria Bruni-Tedeschi, Sabine Azéma, Olivier Martinez, Mathieu Kassovitz.

    Copyright: , 20.6.1996

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