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  • Kritik: Bernd Eichingers riskante Literatur-Verfilmung

    Wer ist eigentlich dieser seltsame Stanislaus Nagy, der sich in der Praxis der Frankfurter Psychiaterin Cora Dulz mit einer Mischung aus Dreistigkeit und Charme aufführt? Cora, emanzipierte Frau mit herzkrankem und potenzschwachem Ehemann, ist hin- und hergerissen von ihrem Patienten. Der erzählt ihr von Begegnungen mit der längst toten Stimmgöttin Maria Callas, überredet sie zu einer Nacht im Kaufhaus und lockt sie in eine erotische Falle, aus der Cora aber - enttäuscht und wütend - entkommen darf. Mal behauptet Nagy, 32 Jahre zu zählen, mal vertraut er ihr an, weit älter zu sein. Ist er ein Irrer - oder ist er gar der Teufel?

    Wer das wissen will, sollte ins Kino gehen, um sich Bernd Eichingers Regiedebüt bei der Literatur-Verfilmung "Der große Bagarozy" anzuschauen. Vielleicht ergeht es ihm dann 105 Minuten wie Cora, die nicht loskommt von diesem geheimnisumwitterten Frechling, der irgendwo in der Mainmetropole in einer schäbigen Wohnung haust und plötzlich auf der Bühne eines Kabaretts als der "große Bagarozy" Zauberkunststücke vorführt. Was folgt, ist ein so furioses wie kurioses Finale, in dem Coras tellerleckender Mann erschossen wird, ein weißer Pudel für Verwirrung sorgt und auf einer Mainbrücke alles ein vieldeutiges Ende findet.

    Es geschehen in diesem 105-minütigen Film eine Menge seltsamer Sachen, selten sind Realität und Illusion, Wahrheit und Lüge voneinander zu scheiden. Das hat vielen Lesern gefallen, denn Helmut Kraussers Romanvorlage gleichen Titels war ein Verkaufserfolg. Eichinger, Chef der kürzlich an den Neuen Markt der Börse gegangenen Münchner Constantin-Film, hat sich nicht nur die Filmrechte daran gesichert, sondern zeichnet auch als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent bei diesem Zehn-Millionen-Projekt verantwortlich.

    Als Hauptdarsteller kann er zwei zumindest hier zu Lande bekannte Namen vorweisen: Corinna Harfouch spielt die Psychiaterin, Til Schweiger verkörpert den undurchsichtigen Nagy. Eichinger hat gesagt: "Ich habe das Drehbuch eigentlich für die beiden geschrieben. Und wenn sie gesagt hätten, wir wollen das nicht machen, dann hätte ich auch diesen Film nicht gemacht." Was die einmal mehr wunderbar eigenwillig, trotz der reichlich konstruierten Geschichte jederzeit glaubwürdig agierende Harfouch betrifft, hat der 49-jährige sicher recht. Was indessen seinen liebsten Schützling Schweiger betrifft, sind Zweifel angebracht.

    Denn dem coolen Mädchenschwarm geht jegliche Dämonie ab, folglich muss er sie spielen, oder Licht, Maske und Kamerastellung für den entsprechenden Eindruck beim Zuschauer nachhelfen. Was wäre das für eine Rolle für einen Mario Adorf oder Klaus Kinski in ihren besten Zeiten gewesen! Schweiger gibt sich gewiss alle Mühe. Aber er ist und bleibt ein Typ von heute - ohne Geheimnis, ohne doppelten Boden, ohne jede Abgründigkeit. Und er wird dazu von der Harfouch an die Wand gespielt. Ihr Auftritt allein ist das Eintrittsgeld schon wert.

    Ob eine große Zuschauerzahl trotz der himmlisch schönen Callas-Arien und etlichen gelungenen Szenen der verwirrenden Handlung etwas abzugewinnen weiß, darf mit Spannung und Zweifeln abgewartet werden. Eichinger hat jedenfalls bei seinem Regiedebüt eine ganze Menge gewagt und präsentiert Kino, wie er es mag. Der deutsche Film braucht riskante Produktionen, diese ist eine. Was an ihr misslungen erscheint, ist zumindest interessant, meist auch unterhaltsam misslungen. Das ist mehr, als sich von vielen anderen einheimischen Erzeugnissen sagen lässt.

    Wolfgang Hübner, AP

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