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  • Kritik: Bachs Musik als Kinofilm

    Wer Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe hört, die Augen schließt und in das Meisterwerk hineintaucht, vor dessen innerem Auge erscheinen unweigerlich zahllose Bilder. Melancholisch ergreifend, festlich schreitend und beschwingt jubelnd bannt das Klangwerk den Hörer und nimmt ihn zwei Stunden lang mit auf eine assoziative Reise.

    Der Filmemacher Bastian Clevé hat seine innere Bilderreise nach außen gekehrt: Der Regisseur des Flüchtlingsdramas «So weit die Füße tragen» (2001) drehte zu Bachs berühmter Messe 27 zusammen gehörige Kurzfilme - ein mehr als ehrgeiziges Wagnis. Von kommenden Donnerstag (15.6.) an ist es im Kino zu sehen, zunächst in Hamburg und Leipzig, dann in weiteren Städten.

    Als Mischform aus Spiel-, Musik- und Animationsfilm versteht sich «Klang der Ewigkeit», und als solche kommt der Film mitunter abstrakt, dann wieder sehr gegenständlich daher. So schwebt die Kamera in einem der Kurzfilme zum Kyrie erhaben durchs Weltall, vorbei am Roten Planeten zur Erde, wo sie den Blick des Kinogängers durch nächtliches Schneetreiben über Dörfer und Städte hinweg führt und durchs Fenster eines frühneuzeitlichen Schlafzimmers, in dem soeben ein Kind geboren wurde. Behutsam begleiten die Streicher der Internationalen Bachakademie und des Bachkollegiums Stuttgart die Szene, wenn die Mutter ihr Neugeborenes zum ersten Mal auf den Arm nimmt. Mensch und Schöpfung erscheinen als Teile eines ewigen, göttlichen Plans.

    Wenn wenig später die Gächinger Kantorei zum Christe eleison anhebt, fliegt ein Adler vorbei an schneebedeckten Gipfeln. Wunder der Schöpfung und der Musik treffen aufeinander, wenn der König der Lüfte vor stahlblauem Himmel an einem hell funkelnden Gipfelkreuz vorbeizieht - auch wenn hier die Grenze zum Kitsch nicht weit ist: In solchen Sequenzen gelingt es Clevé, etwas von der Eindringlichkeit Bachscher Musik auf der Leinwand zu spiegeln.

    Viele der übrigen Kurzfilme lenken jedoch einfach nur ab von der musikalischen Pracht der h-Moll-Messe. Das barocke Werk allein fordert derart viel Aufmerksamkeit beim Hören, dass sein Eindruck verfliegt, wenn zugleich den Augen zu viel geboten wird. Und so ist es zwar eindrucksvoll und erstaunlich, wenn Breakdancer sich zu festlicher Blasmusik verrenken, wenn zum Gloria ein zerstörtes Kloster von unsichtbarer Hand aus Ruinen aufersteht, wenn sich zum Laudamus te ein Brautpaar küsst und Menschen auf der Berliner Mauer zum Osanna in excelsis tanzen. Doch der Kinobesucher wird durch beide Kanäle - Hören und Sehen - mit Eindrücken nur so überschüttet. Musik und Bilder lenken gegenseitig voneinander ab, es ist Zuviel des Guten.

    Viele Kurzfilme sind zu verspielt, als dass der Zuschauer noch der Musik folgen könnte. Etwa wenn eine Folge zahlloser Gesichter im Sekundentakt ineinander übergehend erscheint und schließlich Bach selbst fröhlich in den Kinosaal lächelt. Und wenn bunte Computerbilder in Kaleidoskopen immer wirrer werden, sieht der Zuschauer schlicht billige Bilder zu kostbarer Musik.

    Mehr als 20 Jahre arbeitete Johann Sebastian Bach (1685-1750) an seiner h-Moll-Messe, einer seiner bedeutendsten kirchenmusikalischen Schöpfungen. Lässt sich aus einem musikalischen Meisterwerk ein filmisches machen? Zumindest ein nicht alltägliches Erlebnis, wirbt die Produktionsfirma. Doch das ist die h-Moll-Messe auch ohne die neuen Bilder. Und so ergreift der «Klang der Ewigkeit» den Kinogänger vor allem dann, wenn er die Augen schließt.

    Burkhard Fraune, dpa

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