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  • Kritik: Auf den Schultern die Last der ganzen Welt

    Volker Schlöndorffs befremdliche Verfilmung von Michel Tourniers 'Der Unhold'

    Ganz am Ende, in den allerletzten Bildern, erscheint Abel Tiffauges, der Mitläufer, doch noch als Held. Aus der brennenden Burg Kaltenborn schleppt er einen kleinen Jungen. Noch sind Abels Augen verbunden, das Kind auf seinen Schultern leitet ihn; erst auf dem Weg durch einen eisigen Bach verliert der Mann seine Augenbinde. Das Wasser wird zum Symbol der Reinigung, der Taufe und des erneuerten Lebens. Abel, der 'Unhold' - in Michel Tourniers Romanvorlage ist er der Märchenriese 'Oger' - verwirklicht endlich das Ideal, das sich leitmotivisch durch den ganzen Film zieht: das Bild von Christophorus, der mit dem Kind auf seinen Schultern die Last der ganzen Welt zu tragen glaubt.

    Am Anfang waren es die Reiterkämpfe im Internat 'St. Christophorus'; später, als Abel schon seine Autowerkstatt in Paris betrieb, hat er die kleine Martine nach einem Unfall auf den Armen getragen, bis ihre Mutter empört eingriff. Das ist die andere Seite von Abels Traumbild: die Faszination für den physischen Kontakt mit kindlichen Körpern, eine Leidenschaft, deren erotische Untertöne ihm nur vage bewußt werden.

    Abel Tiffauges ist ein verwirrter Mann in verwirrenden Zeiten. Im Internat hat ihn ein Brand vor einer empfindlichen Bestrafung gerettet. Daß dabei sein Freund ums Leben kam, hält er für einen Akt des Schicksals, das später noch eindeutiger einzugreifen scheint. Vor einer ungerechtfertigten Verurteilung als Kinderschänder bewahrt ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs; statt ins Gefängnis muß Abel an die Front und bleibt bis gegen Kriegsende in deutscher Gefangenschaft.

    Weil er alles für vorherbestimmt hält, fügt sich Abel widerstandslos in den Lauf der Welt; statt zu leiden, verhält er sich als abwartender Beobachter und entdeckt mit seinem Fatalismus unverzüglich die Wege, die zu persönlichen Vorteilen führen. Schon während der Zeit im Gefangenenlager findet er das Paradies seiner Kindheitslektüre, eine Jagdhütte, in die er sich immer wieder unbemerkt zurückzieht. Sogar ein Elch taucht in seinem 'Kanada' auf, ein blinder Riese, der sich von ihm füttern läßt. Das Tier, von den Einheimischen als 'Unhold' bezeichnet, wird zur Metapher für Abels Existenz.

    Michel Tournier geht in seinem Roman, der noch weit monströser ist als Volker Schlöndorffs Adaption, noch einen Schritt weiter. Das Kind, das Abel am Ende auf seinen Schultern zu retten versucht, berichtet von Auschwitz, von der Schatzkammer, die sie 'Kanada' genannt hätten. Die Erzählung des kleinen jüdischen Jungen läßt Abel ahnen, wie eng seine Utopie stets mit dem Bösen verbunden war.

    Als Kriegsgefangener hat er den Deutschen eifrig gedient, als Faktotum in Görings Jagdhof und dann in der SS-Schule auf Burg Kaltenborn. Abel wurde zum Kinderfänger, der im weiten Umkreis den Nachwuchs rekrutierte, nachdem die älteren Schüler als Kanonenfutter an die Front geschickt wurden.

    Was Schlöndorff persönlich an der Adaption von Tourniers 'Erlkönig' - der Roman wurde vor rund 25 Jahren geschrieben - interessiert hat, ist bereits nach wenigen Minuten zu erkennen: Er muß darin auf einen ganzen Kosmos von Figuren und Motiven gestoßen sein, die bislang sein eigenes Werk geprägt haben. Das Internatsleben in St. Christophorus wirkt wie eine Fortsetzung von Törless. Später wird immer offenkundiger, daß Abel Tiffauges eine eher im Irrealis beschriebene Kunstfigur ist, die der Welt mit dem Blick eines Außenstehenden begegnet. Selbst wenn er sich einläßt auf die jeweilige Umgebung, so entwickelt er dabei keine persönliche Haltung. Er bleibt ein Fremder, der seine Arrangements mit den Umständen trifft.

    Darin gleicht - darauf wurde schon beim Erscheinen des Romans verwiesen - Tourniers Held dem Oskar Matzerath von Günter Grass. Beide heben sich auch physisch ab von ihrer Umwelt; der eine ist ein Zwerg, der andere ein Riese. Abel wird, wie Oskar in der Blechtrommel, zum Zeitzeugen. Er läßt sich involvieren, nimmt aber nicht wirklich Anteil und wird sich, wenn es um persönliche Schuld geht, immer unbelastet fühlen.

    Schlöndorff und sein Co-Autor Jean- Claude Carri�re haben notgedrungen versucht, etwas Klarheit in die wild wuchernden Konfusionen der Vorlage und in die zahlreichen Brüche der Erzählperspektive zu bringen. Vermutlich waren diese Eingriffe notwendig, und dennoch wirkt der Film nun wie ein Torso, in dem auch die Stilmittel hurtig wechseln.

    An der Front taucht in den Reihen der Franzosen eine flinke Karikatur de Gaulles auf; Göring erscheint als hysterischer Fatzke; Professor Blättchen, der Rassenforscher auf Kaltenborn, agiert als irre Knallcharge. Die stilistischen Wechsel - von puren kabarettistischen Elementen bis zur komplexen Symbolik - funktionieren nur als Reflex auf die Vorlage.

    Die Rolle des Animalischen, von Tournier vor allem in Abels Verhältnis zur Natur mit einer kompliziertenVerflechtung der Motive beharrlich durchgespielt, kommt in der Adaption mitunter daher wie eine Mischung aus Märchen und Tierfilm. Und manche Episode, sogar manches einzelne Bild, erklärt sich weniger durch den Kontext der Inszenierung als durch die Lektüre ihrer Vorlage.

    Vor diesem Hintergrund wird auch John Malkovich in der Titelrolle zum Problem. Einst ein Virtuose der fast unmerklich eingesetzten schauspielerischen Mittel, heute ein Star, verläßt er sich genau auf das, was wir von ihm kennen. Damit verfestigen und verengen sich seine Möglichkeiten; er überrascht nicht mehr. Man sieht einem wunderbaren Schauspieler zu, der noch in den wahnwitzigsten Momenten darauf bedacht ist, John Malkovich zu bleiben.

    Das dient dem Film wenig, der - und darin trifft er sich mit seiner Vorlage - wie ein erratischer Block, ein bißchen rätselhaft und unmotiviert, in dieser normierten Kinolandschaft auftaucht. Man kann darüber streiten, ob Der Unhold ein gegenwärtig wirklich notwendiges Werk ist. Eine große Qualität aber hat es auf jeden Fall: Es befremdet.

    H. G. PFLAUM DER UNHOLD, D/F/GB 1996 - Regie: Volker Schlöndorff. Buch: Jean-Claude Carri�re und Schlöndorff nach Michel Tourniers Roman Der Erlkönig. Kamera: Bruno de Keyzer. Production Designer: Ezio Frigerio. Schnitt: Nicolas Gaster. Musik: Michael Nyman. Mit John Malkovich, Armin Mueller-Stahl, Gottfried John, Marianne Sägebrecht, Volker Spengler, Heino Ferch, Dieter Laser, Agn�s Soral. Verleih: Tobis. 117 Minuten.

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    Bettina Tollkamp

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