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  • Kritik: Ang Lees gelungene Romanverfilmung "Der Eissturm"

    Frankfurt/M (AP) Am Ende des Kinojahres 1997 kommt noch ein großartiges Werk auf die deutschen Leinwände: Ang Lees Romanverfilmung "Der Eissturm" führt in unerbittlich genauen Bildern zurück in das Mittelklasse-Amerika Anfang der siebziger Jahre, als Vietnam-Krieg und Watergate-Desaster eine siegesgewohnte Nation verunsicherten und auch Eheleute der Mittelschicht sich im organisierten Partnertausch erprobten. Lee zeigt ohne Moralisieren eine Welt im Umbruch, Traditionen und Sitten in Auflösung. Wie er das macht, beweist erneut die Meisterschaft des Regisseurs von "Sinn und Sinnlichkeit" und "Das Hochzeitsbankett".

    Nach der Romanvorlage von Rick Moody und dem in Cannes ausgezeichneten Drehbuch von James Schamus wird die Geschichte einiger Menschen in New Canaan im US-Staat Connecticut nördlich von New York erzählt. Im November 1973 bietet die im Mittelpunkt stehende Familie Hood nur nach außen ein halbwegs harmonisches Bild. In Wahrheit betrügt Vater Ben seine frustrierte Frau Elena mit Nachbarin Janey, die indessen vom schnellen Sex mit dem phantasielosen Mann schon gelangweilt ist. Die frühreife Tochter Wendy bringt die Jungs von nebenan in erste erotische Verwirrungen, der im Internat lebende Bruder Paul ist unglücklich verliebt.

    Bewundernswert dicht, präzis und diskret weiß der aus Taiwan stammende Regisseur die ebenso aufgeheizte wie sinnentleerte Atmosphäre jener Zeit zu vergegenwärtigen. "Der Eissturm" ist ein Film ohne Mätzchen und Gags, ohne künstliche Aufgeregtheiten, ohne falschen Ton. So erbarmungslos die Verstrickungen der handelnden Personen in eine Epoche entwerteter Werte auch gezeigt werden, Lee hat doch immer Erbarmen mit Menschen, die unfrei in der Jagd nach fast absoluter Freiheit werden. Erschütternder Höhepunkt ist der Tod eines phantasievollen Jungen in jener Nacht, in der sich die Älteren mit kindischem Spiel in schalen Quick-Sex flüchten.

    Wie schon bei seinen früheren Filmen konnte Lee ein glänzendes Darstellerteam zusammenbringen, angeführt von Kevin Kline in der Rolle Ben Hoods und Sigourney Weaver als Gespielin Janey. Die immer besser im Kino herauskommende Joan Allen, in den New Yorker Theatern längst eine profilierte Darstellerin, spielt die betrogene Ehefrau mit stiller Bitternis. Das eigentliche Ereignis des Films sind aber die Leistungen der jugendlichen und kindlichen Schauspieler: Toby Maguire als Paul, die von der "Addams Family" bekannte Stupsnase Christina Ricci als Wendy, Elijah Wood und Adam Hann-Byrd als Nachbargebrüder agieren bewegend glaubwürdig.

    "In 'Der Eissturm' fordern die gesellschaftlichen Regeln, daß man böse ist, und dennoch sind die Menschen letztendlich gar nicht so böse - sie wollen immer noch gut sein", sagt Lee über seinen Film. Für Drehbuchautor Schamus ist es auch die ganz persönliche Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration, die sich auf der Suche nach Selbstverwirklichung im Gestrüpp der Begehren und Verletzungen bis zum Verzweifeln verirrte: "All jenes Leid, das die Kinder in der 'Der Eissturm' erleben, ist uns als der Generation der jungen Erwachsenen, die in den siebziger Jahren großgeworden sind, zweifellos immer noch vertraut."

    Von AP-Korrespondent Wolfgang Hübner

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