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  • Kritik: An Jugendlieben rührt man nicht

    Frankfurt/Main - Große Jugendlieben verklären sich in der Erinnerung. Sollen sie jedoch wiedererweckt werden, verlieren sie allen Zauber. Diese Erfahrung hat schon mancher gemacht, allerdings selten zum Preis von 60 Millionen Dollar. So teuer war nämlich die Herstellung des amerikanischen Films "Mit Schirm, Charme und Melone", der am 27. August in die deutschen Kinos kommt.

    Produzent Jerry Weintraub wollte unbedingt die legendäre britische TV-Kultserie der sechziger Jahre auf die Leinwand bringen, er sparte nicht an Geld noch großen Namen. Nun muß er hinnehmen, daß daß sein Herzensanliegen in England wie den USA von den Kritikern geschmäht und, was viel schmerzlicher ist, von den Zuschauern gemieden wird.

    Das ist nur zu verständlich. Denn was Regisseur Jeremiah Chechnik nach einem Drehbuch von Don Macpherson unter dem sprichwörtlich gewordenen Titel der Abenteuer des Gentleman John Steed und der Lederlady Emma Peel präsentiert, ist gleich in vielerlei Weise mißglückt: Das betrifft insbesondere die letztlich schon fast alles entscheidende Besetzung der beiden Hauptrollen. Mr. Steed in allen 187 Folgen der von 1961 bis 1978 produzierten Serie war der unverwechselbare Patrick Macnee. Mit trockenem britischem Humor, einer unstillbaren Vorliebe zu Champagner sowie eben Schirm und Melone wurde der inzwischen 76jährige Schauspieler populär.

    Wie er mit sympathischer Arroganz aberwitzige Verschwörungen gegen das Königreich vereitelte, ohne je ins Schwitzen zu geraten, gefiel weltweit. Aber noch mehr gefielen den Zuschauern an den Bildschirmen die 51 Serienfolgen, in denen Diana Rigg jene Emma Peel verkörperte. Die "Agentin aus Langeweile" war ein Geschöpf von faszinierend unnahbarer Erotik, kühler Intelligenz, dazu ausgestattet mit einem schlanken Katzenkörper in Lackmantel und Endlosstiefeln, der in zwei Karate-Aktionen vier Schurken aufs Kreuz zu legen vermochte. Die mittlerweile 60jährige profilierte englische Bühnendarstellerin Rigg schuf in dieser Rolle zwischen 1965 und 1967 eine unvergeßliche Diva und Ikone der Pop Art.

    In die Fußstapfen solcher Kultfiguren wie Mr. Steed und Mrs. Peel zu treten, zumal auch noch auf der übergroßen Leinwand, hätte wohl auch andere als Ralph Fiennes und Uma Thurmann überfordert. Aber der "Englische Patient" und das "Pulp-Fiction"-Girlie sind wahrlich Fehlbesetzungen der peinlichen Sorte. Fiennes, ein hervorragender britischer Schauspieler, wirkt mit Schirm, Melone und konservativ geschnittenen Maßanzügen so locker wie ein Häftling in Hand- und Fußfesseln. Und die langbeinige Amerikanerin Thurman versetzt mit einfältigem Mienenspiel und aufgesetztem Sexy-Getue alle in tiefste Depression, die jemals Diana Rigg in dieser Rolle erlebt haben.

    Dazu agiert auch noch der ansonsten so grandiose Sean Connery auf banalsten Kasperle-Niveau als ein Bösewicht, der mit diabolischen Wettermanipulationen die Regierung Ihrer Majestät erpressen will. Der Film schwankt stilistisch zwischen Parodie, Action und surrealem Märchen hilflos hin und her. Eine schlüssige Konzeption ist nicht zu erkennen, in vielen Szenen gähnt eine seltsame Leere. Um so grotesker der teure Aufwand an Garderobe, Tricks und ausgetüffelten Kulissen bei der Kinofassung von "Mit Schirm, Charme und Melone". Doch was nutzen all die Dollarmillionen, wenn sie Charme, Witz und Geist des originellen Originals ersticken statt wiederzubeleben?

    Ganz selten nur blinkt in dem Film, dessen Rahmenhandlung so konstruiert und unwichtig ist wie auch schon in den Fernsehfolgen, etwas von den wunderbaren Absurditäten des Vorbilds auf. Zum Beispiel wenn die Runde der Verschwörer in knallbunten Teddybärkostümen um den Tisch hockt oder der unsichtbar bleibende Archivar im Ministerium vom alten Haudegen Macnee gespielt wird. Ob Produzent Weintraub und Regisseur Chechnik die boshafte Ironie gerade dieser Szene bewußt war, darf bezweifelt werden. Denn hier sagt der Held des Originals auf die feine britische Art: Bei dieser Katastrophe laß ich mich besser nicht blicken. Es könnte fast ein guter Rat an die Zuschauer sein...

    Wolfgang Hübner, AP

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