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  • Kritik: Amüsantmelancholisch

    Eine Unke hüpft vor ein Auto und verursacht einen Unfall, der gerade noch glimpflich abläuft. Eineinhalb Stunden später das gleiche Bild, diesmal mit tödlichem Ausgang.

    Der überraschende Schluss des deutsch-polnischen Films «Unkenrufe» bringt zwei starke Leitmotive noch einmal zusammen: die Unke und der Tod. Die Verfilmung der gleichnamigen Günter-Grass-Erzählung (1992) versteht sich als werkgetreue Literaturverfilmung. Gleichzeitig gelingt es ihr, interessante eigene Akzente zu setzen.

    Danzig (heute Gdansk) im Jahr 1989: Ein deutscher Professor für Kunstgeschichte, Alexander Reschke (Matthias Habich), und eine polnische Restauratorin, Aleksandra Piatowska (Krystyna Janda), beide um die 60 und verwitwet, gründen eine «Deutsch-Polnische Friedhofsgesellschaft». So wollen sie den einst aus Danzig geflohenen und vertriebenen Deutschen die Möglichkeit geben, auf einem Friedhof in der ehemaligen Heimat die letzte Ruhestätte zu finden. Dass die in der Verhangenheit verhaftete Friedhofsidee absurd ist und letztendlich scheitern muss, davor warnt immer wieder die Unke als Künderin kommenden Unheils.

    Habich («Der Untergang») und Janda sind die ideale Besetzung für das Liebespaar; können den Verletzungen, Missverständnissen und Ängsten der Protagonisten überzeugend Ausdruck verleihen. Dem Zuschauer wird schnell klar, dass dieser Film viele Facetten hat. Er ist zugleich Liebesgeschichte, Drama über die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen, Kritik am Kommerziellen und melancholisches Stück über Heimatverlust. Diese ernsten Themen stimmen nachdenklich. Dank der einfallsreichen Erzählweise gelingt der Geschichte darüber hinaus aber noch mehr: Mit Humor, leiser Ironie und satirischer Schärfe gewürzt ist sie sehr amüsant.

    Die Autoren Klaus Richter («Comedian Harmonists»), Pawel Huelle und Cezary Harasimowicz haben es geschafft, die komplexen Erzählstränge des 250 Seiten starken Buches in eine flüssige Geschichte zu wandeln. Dafür standen sie in engem Kontakt mit Literaturnobelpreisträger Grass. «Was mir nicht gefallen hat, darauf habe ich aufmerksam gemacht und darauf ist auch gehört worden», berichtete der 77-Jährige bei der Weltpremiere in Danzig über die Zusammenarbeit mit den Autoren.

    Die auffälligste Änderung in dem Streifen betrifft die Erzählerrolle: Der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Mitschüler des Professors, fehlt in der Filmversion. Stattdessen ist es die alte, resolute und eigenwillige Marktfrau Erna Brakup (Dorothea Walda), die über dem Geschehen steht, Ereignisse kommentiert und voraussieht. Reschke hat Recht, wenn er zu ihr sagt: «Erna, Du bist auch eine Unke.» Ihre faszinierende Figur gibt der Geschichte auch eine magische Ebene. Gedreht wurde die Ziegler-Produktion von Ende September bis Mitte November 2004 in Litauen, Italien sowie Köln, Düsseldorf und Bochum. Regie führte der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Pole Robert Glinski.

    Es dauert nicht lange, bis der Versöhnungsfriedhof mehr und mehr vermarktet wird. In der Überzeichnung des florierenden Geschäftes liegt eine besondere Stärke des Films: Leichen werden wie am Fließband von Deutschland nach Danzig umgebettet, die Angehörigen sollen mit Werbespots zum Hotelurlaub in der Nähe der Gräber angelockt werden, für künftige «Kunden» werden Altersheime errichtet. So siegt die Kraft des Kommerziellen über rein ideelle Absichten. Ausgezeichnet besetzt ist in diesen Szenen vor allem eine Nebenrolle: Joachim Król spielt einen Kirchenmann im Aufsichtsrat der Friedhofsgesellschaft.

    Der Streifen, der viele schöne Bilder von Danzig bietet, setzt auf ein ironisches Spiel mit Klischees, wie ein Deutscher oder ein Pole zu sein hat, um diese Vorstellungen so in Frage zu stellen. Literaturnobelpreisträger Günter Grass hofft, dass der Kinofilm beitragen möge «zur Annäherung zwischen Deutschen und Polen, zum besseren Verständnis».

    dpa

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