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  • Kritik: Altmeister Chabrol studiert Machtspiele

    Macht verändert den Menschen, egal, mit welchen Zielen er sie erlangt. Diese simple Wahrheit zu erforschen, war dem französischen Regie-Altmeister Claude Chabrol einen fast zweistündigen Film wert.

    Der inzwischen 76-Jährige inszenierte mit «Geheime Staatsaffären» einen so vorhersagbaren wie fesselnden Film über Korruption und ihre Verfolgung und das Wesen von Macht über andere Menschen.

    Von Chabrol, der seit den 50er Jahren in mehr als 60 Filmen Regie führte, ist seine tiefe Abneigung gegen das Bourgeoise bekannt, und seine Filme haben schon seit langem bevorzugt einen durchdringenden Enthüllungs-Ton. Diesmal geht es aber nicht - wie zuletzt in «Die Brautjungfer» oder «Blume des Bösen» - um die Verlogenheit des kleinbürgerlichen Milieus hinter der vornehmen Fassade. In «Geheime Staatsaffären» zielt der Mitstreiter der französischen Nouvelle Vague gleich viel höher: in die Führungsetagen riesiger Konzerne.

    Der Film beginnt damit, dass Monsieur Humeau die Vorzüge der Macht eines Konzernchefs mit einem Karussell gestylter Sekretärinnen genießt. Ganze drei Minuten lang - dann wird er ganz unglamourös direkt vor dem Firmenhochhaus von rauen Männern in Lederjacken in Gewahrsam genommen.

    Der Vorwurf lautet Korruption und persönliche Bereicherung, und ein sich müde wehrender Humeau («Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?») landet vor der zähen Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman, auch als «Die Piranha» gefürchtet. Die junge Frau (Isabelle Huppert) hat sich vorgenommen, den Sumpf der Korruption gründlich trockenzulegen und geht dabei alles andere als charmant vor. «Sie versteht die Regeln nicht», sagt einer der nach Humeaus Verhaftung aufgescheuchten einflussreichen Industriellen. Immerhin sei Geld das Öl im Getriebe der Politik.

    Um es kurz zu fassen: Die Richterin lässt noch weitere Manager verhaften, sie durchsucht Büros und beschlagnahmt Unterlagen, doch ihr Kampf scheint zum Scheitern verurteilt. Einzelne Gegner kann man besiegen, aber das System reformiert sich im Hintergrund. Wie bei der sagenhaften Hydra wachsen für jeden abgeschlagenen Kopf neue nach. Das hätten wir auch vorher sagen können, warum sollte man sich also noch eine zweistündige Illustration dazu ansehen?

    Ein Grund ist Isabelle Huppert. Sie spielt die knallharte, verletzbare Richterin so wenig eindeutig, dass der Zuschauer die ganze Zeit überlegen muss, ob er sie eigentlich mag. Am Anfang ist sie einem schon ganz sympathisch, mit ihrem Wahrheitsdrang und Gerechtigkeitssinn. Doch allmählich wirkt sie beinahe schon besessen von ihrer Mission. «Warum ausgerechnet ich?», fragt Humeau sie irgendwann. «Um ein Exempel zu statuieren», antwortet die Richterin, ohne mit der Wimper zu zucken. «Für sie persönlich ist es nicht so schlimm, aber Frankreich wird es gut tun.»

    «L'Ivresse du Pouvoir», etwa: «Rausch der Macht» heißt der Film im Original. Und das trifft das Wesen der Geschichte viel eher als der deutsche Titel. Schließlich ist Jeanne Charmant ganz im Gegensatz zu ihrem Namen auf ihre Weise ebenso machttrunken wie ihre Gegenspieler, die gepflegten Herren mit obligatorischer Zigarre und altmodischen Frisuren. Mögliche Ähnlichkeiten mit dem wirklichen Leben sind nicht etwa zufällig: Für das Drehbuch wurde die echte Affäre um den Mineralölkonzern Elf Aquitaine studiert.

    Andrej Sokolow, dpa

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