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  • Kritik: Alternde Mafiosi und ein Killer mit fernöstlichem Tiefgang

    Einen ungewöhnlicheren Profikiller als dieses tapsige Schwergewicht mit dem "Künstlernamen" Ghost Dog hat es im Kino noch selten gegeben. Er ist der tragische Held in Jim Jarmuschs neuem Film "Ghost Dog - Der Weg des Samurai".

    Wir sehen einen immer etwas müde wirkenden, trotz seiner stattlichen Figur kindlich pummeligen Schwarzen, der mitsamt etlichen Zuchttauben in einer Art Dachhütte auf dem desolaten Haus einer anonym bleibenden US-Großstadt haust. Offenbar verlässt er diesen Ort nur selten, insbesondere dann, wenn ihm eine Taube mit der Botschaft für einen neuen Auftrag zuflattert.

    Zwischen diesen Jobs, nichts als bestellter Mord, liest Ghost Dog mit Inbrunst in dem Buch "Hagakure", der japanischen Fibel für das rechte Tun eines Samurai. Der lebt, kämpft und tötet nicht nach Gutdünken, sondern achtet strikt Prinzipien und Regeln. Treu ergeben ist Ghost Dog deshalb auch seinem ständigen Auftraggeber Louie. Der, schon ein älterer Herr, ist in der Hierarchie der allesamt im Rentenalter befindlichen Mafiosi zwar nur ein kleines Licht. Doch Louie hat einst den Schwarzen aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet und kann sich seitdem darauf verlassen: "Das Dasein eines Samurai besteht, in einem Satz zusammengefasst darin, mit Leib und Seele seinem Herren untertan zu sein."

    Ein neuer Auftrag, den Ghost Dog mit gewohnter Präzision und Kaltblütigkeit zum Abschluss bringt, hat gleichwohl Folgen. Als er einen kriminellen Zeitgenossen vom Erdendasein erlöst, gibt es eine Zeugin der Tat, ausgerechnet die Tochter des todkranken Mafia-Bosses Vargo. Der verlangt den Tod des Killers, die Dinge nehmen ihren Lauf. Als Ghost Dog, von Forest Whitaker mit grandiosem, lauerndem Gleichmut verkörpert, in die Dachbehausung zurückkehrt, haben seine angegrauten Jäger unter den Tauben ein schreckliches Gemetzel angerichtet. Der Großstadt-Samurai weiß, dass es nun Ernst wird. Konsequent geht er seinen Weg bis zum blutigen Finale. Das ist die Geschichte.

    Aber was Jarmuschs Streifen wie alle Werke dieses bedeutenden amerikanischen Filmemachers auszeichnet und sehenswert macht, ist die unvergleichliche Art, wie er eine solche Geschichte zeigt. Da werden originelle Figuren präsentiert, die im Gedächtnis bleiben, da werden Situationen entwickelt, die ganz anders inszeniert und gelöst werden als im normalen Hollywood-Film. Und es gibt eine intelligente, kalkulierte Verbindung von Musik und Bildern, die Rap und Hip-Hop auch für den zum Genuss machen, der sonst bei solchen Tönen rasch die Ohren verschließt. Jarmusch mischt souverän die verschiedensten Kinogenres, Action-Elemente sind ebenso enthalten wie witzige, ironische, melodramatische Einschübe.

    Das hat stets Tiefe: Wenn der ausschließlich englisch sprechende Killer Freundschaft zu einem nur französisch sprechenden Einwanderer aus Haiti schließt, ergeben sich komische Momente. Andererseits mögen sich die beiden Außenseiter auch deshalb, weil sie sich nicht verstehen. Bei aller bewundernswerten Lässigkeit der Inszenierung mündet diese unabwendbar in einer Tragödie, die den Zuschauer anrührt. Die Kunst, eigentlich zutiefst Widersprüchliches ohne Verlust an Spannung und Glaubwürdigkeit zu einem visuellen Erlebnis zu mischen, ist im heutigen Kino nur wenigen so gegeben wie Jim Jarmusch. "Ghost Dog - Der Weg des Samurai" wird wohl kaum in die Multiplexe gelangen. Aber es lohnt sich, für diesen Film auch einen längeren Weg ins Filmkunst-Kino auf sich zu nehmen.

    Wolfgang Hübner, AP

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