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  • Kritik: Absturz beim Cyber-Spaß

    Mit viel Aufwand und erschreckenden Gewaltszenen inszenierte Kathryn Bigelow den High-Tech-Alptraum "Strange Days": eine Vision aus der nahen Zukunft, in der Voyeurismus das einzige Vergnügen ist

    Das geht schief, das geht schief, keucht der an der Kasse und ballert in den Laden. Panische Schreie, Polizeisirenen, los, raus hier, brüllt ein anderer, durch die Hintertür, hoch die Treppen, Schüsse von unten, weiter, raus auf die Dächer, schrille Alarmglocken, los, spring auf das andere Dach, schreit einer, nein, du zuerst, los, spring!

    Selten hat in letzter Zeit ein Film mit soviel Tempo begonnen. Und selten ist einer so abgestürzt. Kathryn Bigelows Thriller "Strange Days" startet in den Straßen von Los Angeles mit einer Videoaufzeichnung der nahen Zukunft: Ein Gerät namens "Squid", das aussieht wie ein drahtiges Spitzenhäubchen, filmt, was sein Träger sieht und, der Clou, was er empfindet - im Falle des mißglückten Überfalls hämmernde Angst, dann den Tod. Auf einem "Clip" gespeichert, werden diese Sinnes-Attacken für andere "Squid"-Träger zum ultimativen Überwältigungs-Kino: Sie sehen, was der andere sah, fühlen, was er fühlte. Dokumentation und virtuelle Realität, alles unter der Haube.

    In den letzten "Strange Days" unseres Jahrtausends blüht der Schwarzhandel mit den Clips, weil sie Kitzel ohne Gefahr versprechen, Pornographie ohne schlechtes Gewissen, sexuelle Abenteuer ohne Treuebruch. Ihr emsigster Dealer ist der schmierige Ex-Cop Lenny (Ralph Fiennes), der sich zu Hause selbst das Häubchen aufsetzt und Erinnerungen an seine Ex-Freundin abdudelt.

    Die Regisseurin nennt ihren Film "eine Parabel über den Drang, zwanghaft beobachten und zusehen zu müssen". Und eine Weile spielt sie sehr geschickt mit ihrer Idee, daß die Wirklichkeit von ihrer Simulation weit übertroffen wird. Lange allerdings hält sich die 44jährige Amerikanerin nicht mit philosophischen Spielchen auf. Sie donnert ihren Film zu mit Zitaten aus Hollywoods SF-Fundus und Anspielungen auf das zeitgenössische Amerika. "Retinal Fetish" heißt die supercoole Bar, in der Selbstdarsteller Performances zwischen Nihilismus und Nebbich veranstalten. Ein Tempel der Reizüberflutung: Nazis im Peitschenlook, hysterische Rocksängerinnen in apokalyptischen Minis, die Säle sind dunkel und dampfen von Gier und Erschöpfung. In der Silvester-Hysterie, die Ende 1999 wohl auch auf uns zukommt, wirkt alles wie von gestern.

    Die Regisseurin: "Der Film saugt uns alle in sich auf." Und kotzt uns gleich wieder aus. Unerträglich sind Bigelows vor Sensationslust bebende Gewalt-Szenen: Ein Vergewaltiger, mit Haube auf dem Kopf, setzt seinem Opfer auch eine auf, damit das arme Mädchen gleichzeitig seinen Rausch mitbekommt. Jede Frau, die allein in ihrer Wohnung gezeigt wird, endet als verstümmelte Leiche. Andere Frauen werden geohrfeigt, daß sie in die Knie gehen, und sind obendrein geschlagen mit Sätzen wie: "Ich liebe es, wie deine Augen mich sehen."

    Ein geradezu wollüstig politisch-unkorrektes Werk. Der "Peeping Tom" fürs Digitalzeitalter: Glotzen, brüllt der Film seinem Publikum entgegen, wollt ihr doch selber! Seht, wohin das führt! Zartbesaitete sollten gar nicht erst hinschauen.

    Und die Abgebrühten wird stören, daß diese Mega-Gewalt zusammenfällt mit Supereinfalt. Das ganze Fin-de-siècle-Getue, all der High-Tech-Schnickschnack dienen bloß dazu, eine lächerliche Eifersuchtsgeschichte zu erzählen. Am Ende sind die seltsamen Tage vorüber, ein guter Bulle räumt auf, und es bleibt müdes Staunen. Als hätte man eine Rakete bestiegen, um darin Tee zu trinken.

    Copyright: STERN, 1996

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