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  • Kritik: Über die Suche nach Liebe

    Pierre Richard als skurriler Kapitän

    Die Himmelskörper sind an allem Schuld. Sonne und Mond, die sich einmal sogar verfinstern, tauchen ein namenloses georgisches Bergstädtchen in ein verklärendes Sommerlicht und scheinen damit die Bewohner zu verhexen. Sie tun das nicht nur mit der 14-jährigen Sybille (Nuza Kuchianidze), die dort die Ferien bei ihrer Tante Martha verbringt, sondern auch mit dem gleichaltrigen Mickey (Shaco Iashvili), der sich auf der Stelle in sie verliebt, und dessen Vater Alexander (Evgeni Sidichin), den wiederum die frühreife Sybille begehrt.

    Aber auch der Fabrikwächter Pjotr, die Ballerina Veronica, ein Schuldirektor und ein geheimnisvoller Kapitän begeben sich auf die Suche nach Liebe. Wie sie alle dabei überwiegend Schiffbruch erleiden, schildert die georgische Regisseurin Nana Djordjadze in ihrer Tragikomödie "27 Missing Kisses", die bei den Festspielen in Cannes ein Überraschungserfolg war und bereits an mehr als 40 Länder verkauft worden ist.

    Der Film, der in Georgien, Griechenland, Deutschland und Amerika gedreht wurde, besticht durch unverkennbar osteuropäisches Flair. Das Städtchen mit seinen romantisch verkommenen Häusern und Plätzen, die üppige Vegetation der wilden Bergwelt und die Einfachheit des Daseins der Menschen wirken zeitgenössisch und zeitentrückt zugleich. Das Ungestylte dieser Lebensumstände entspricht dem ungekünstelten Charme der Darsteller. Über allem Geschehen scheint der Zaubergeist von Shakespeares "Sommernachtstraum", aber auch die Luft der Komödien Tschechows mit ihren gestörten Figuren zu schweben.

    Die Regisseurin mischt das Magische allerdings mit dem Handfesten. So sagt der verträumte Sterngucker Alexander zwar über Sybille, sie sei "vom Mond gefallen", doch die 14-Jährige, von Nuza Kuchianidze als hübscher und verwegener Kobold gezeichnet, sehnt sich nicht nur nach Romantik. Sie zeigt gern ihren blanken Busen und will von Alexander Sex. Das verletzt den Sohn Mickey, der vor lauter Liebe zu Sybille prompt Durchfall bekommt.

    Glück und Leid, Poesie und Profanität liegen für die beiden pubertierenden Hauptpersonen und den verwitweten Vater ebenso dicht beieinander wie für die übrigen Einwohner des Städtchens. Die erfahren ihr Eheleben allesamt als unerfüllt, und als im Kasino der örtlichen Rüstungsfabrik der alte Erotikfilm "Emmanuelle" gezeigt wird, kommt es zu Ehebrüchen mit grotesken und sogar tödlichen Konsequenzen.

    Eine Sonderrolle spielt in dem sonst mit osteuropäischen Schauspielern besetzten Film Pierre Richard ("Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh"). Der französische Star überzeugte bereits 1996 in Djordjadzes "Die Rezepte eines verliebten Kochs" als Lebenskünstler im Georgien der 20er Jahre. Jetzt ist Richard ein skurriler Kapitän, der mit einem verrosteten alten Schiff auf Rädern mitten in der Stadt landet, Rotwein trinkt, Baguette isst und auf Französisch über das Leben und die Menschen räsonier. Am Ende findet er dennoch wieder den Weg ins feuchte Element, und auch die übrige Gesellschaft scheint in den Alltag zurückzukehren.

    Ulrike Cordes, dpa

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