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  • Kritik: 007 im freien Flug

    ist schon der fünfte James Bond, aber er ist der erste, der etwas zustande bringt, was keiner bisher konnte:

    Er kapert sich in St. Petersburg einen sowjetischen Panzer a. D., fährt damit durch die belebten Straßen der ehrwürdigen russischen Metropole und legt so die sich ihm in den Tankweg entgegenstellenden historischen Bauten (zumindest die Pappmache- und Styropor-Nachbildungen) in Trümmer.

    Dieses Abenteuer, bei dem Bond, James Bond, natürlich wieder ein weltgefährliches Schurkenpaar verfolgt, ist nicht bloß eine steigernde Variante der Bondschen Autoverfolgungsjagden, in denen Film für Film lackiertes Blech zu Schrott verwandelt wird, ohne daß der Held um Führerschein und Leben bangen müßte - schlimmstenfalls ist, nachdem auf der Parforcefahrt alles in Scherben fiel oder in Flammen aufging, der Schlips verrutscht und wird von Bond, James Bond, mit einem einzigen, männlich eleganten Ruck zwischen seinem makellos gebliebenen, blütenweißen Hemdkragen zurechtgezogen.

    Nein, das ist nicht neu und einzigartig. Neu ist, daß Bond, James Bond, St. Petersburg zu Bruch fahren kann, weil Petersburg nicht mehr Leningrad heißt und ihm daher nicht mehr die geballte Sowjetmacht mit KGB und KPdSU und ruhmreicher Roter Armee in den panzersteuernden Arm fällt.

    gibt es seit 1962, also seit über einer Generation, und der zweite (von 1963) hieß ganz und gar nicht zufällig "Liebesgrüße aus Moskau" und zeigte, daß der perfide Klassenfreund nicht schläft.

    schwammen von Anfang an auf den Wellen des Zeitgefühls wie Champagnerkorken. Leicht, leichtsinnig und nie von der Zeitstimmung ernsthaft gefährdet. 1962 war die Kuba-Krise, die gefährlichste Zuspitzung des Kalten Krieges, und von da an konnte es nur besser werden: Die Weltpolitik begann zu tauen, und Bond schwamm, wie gesagt, mit.

    Anders als die Bond-Romane des strammen Antikommunisten Ian Fleming hatten die Filme von vornherein ein Augenzwinkern für die Rote Gefahr. Im Luxusrausch der sechziger Jahre glaubte niemand in seiner tiefsten Konsumenten-Seele, daß sowjetische Raketen so köstliche Dinge wie einen zwölf Jahre alten Whisky, die musts von Cartier, ein Ferienhotel in Miami Beach oder einen Luxusschlitten von Aston Martin gefährden, geschweige denn besiegen könnten.

    Bond, James Bond, das war die westliche, genauer gesagt: westeuropäische Lebensart, very british, jedenfalls wie sich der kleine Moritz und der breite Mann auf der Straße das "Britische" vorstellen. Natürlich war das nicht nur mit spöttischem Chauvinismus gegen "die Russen" gerichtet, sondern auch gegen die Holzfällermentalität aus US-Übersee.

    Also auch gegen jene baumlangen Kerle, die zwar wacker die Welt beherrschten und im richtigen Augenblick "Ich bin ein Berliner!" sagten. Die aber die feinen Unterschiede zwischen einem "geschüttelten" und einem "gerührten" Martini-Cocktail nicht kannten. Bond, James Bond, das war Euro-Snobismus zu stark reduzierten Preisen; Window-shopping für alle, ein Schaufenster-Bummel durch Bond Street.

    Jetzt, 1995, ist natürlich alles anders, die Zeiten von Bond und Bond Street scheinen vorbei, die musts von Cartier gibt es in St. Petersburg - wo uns der Film stolz eine Filiale zum Beispiel von IBM präsentiert. Wer will und das bißchen Geld hat, wird sich auch in Moskau einen Rolls kaufen und einen Drink schütteln lassen können. Und nicht nur das.

    Die Romane des Ur-Autors Fleming sind für die bisherigen Bond-Filme ohnehin bis auf das letzte i-Tüpfelchen und das hinterletzte Komma ausgeflöht worden. Inzwischen saugt man sich Bond aus dem Finger, das heißt: aus dem Computer.

    Vom kläglichen, inzwischen mild verklärten Ende des Kommunismus bezieht der Film seine schönsten Szenen (und seinen Vorspann): Er zeigt einen Entsorgungspark, in dem all die gipsernen und steinernen Zeugen der Sowjetmacht stehen: Lenins en masse und en detail, mit gereckten Armen und gerecktem Kinn; über die kämpferisch optimistische Entschlossenheit der gestürzten und geschleiften Denkmäler hat sich der Mehltau von Melancholie und Vergeblichkeit gelegt.

    In der Tat: Die oft beschworene rote Weltgefahr existiert nicht mehr - auch nicht mehr als bedrohlicher Hintergrund der Bond-Serie. Wenn wir Zeitgenossen ängstlich nach Moskau blicken, dann in der Furcht, der Präsident aller Reußen könnte, na sdorowje!, mit Wodka seiner geschundenen Leber und seinem geschundenen Rußland zuviel zumuten.

    Daß derselbe in feuchtfröhlicher Laune nicht nur seinen Außenminister eben mal ab- und wieder eingesetzt hat und daß er ein rotes Telefon mit gefährlichen Knöpfen besitzt, fördert eine neue unbestimmte Furcht:

    Wer spielt, im schlimmsten Fall, mit den Alarmknöpfen des ungeheuren militärischen Potentials, das die Sowjetunion noch reichlicher als Lenin-Statuen hinterlassen hat? Mafiosi, rechtsradikale Generäle, der Geheimdienst, Trickser und Geschäftemacher? Der neue Bond, James Bond, lebt von dieser schleichenden Furcht, ist also wieder, wie alle seine Vorgänger, ein Sektkorken auf der Woge der Zeit.

    Natürlich arbeiten die Schurken, ein abtrünniger britischer Geheimagent 006 (Sean Bean), der russische General Ourumov (Gottfried John) und die - wie sagt man? - betörend und gefährlich schöne Xenia (Famke Janssen), wieder auf private Rechnung. Aber sie benutzen dazu "Goldeneye", den Schlüssel zu einem sowjetischen Waffensystem, das mit elektromagnetischen Strahlen alles, was es soll, auslöschen kann - also auch Datenbanken mit Kontoauszügen und Steuerbescheiden.

    Denn darauf beruht der teuflische Plan: Mit der Hilfe eines Internet-Virtuosen und begnadet freakigen PC-Hackers, des Programmierers Boris Grishenko (Alan Cumming), soll in London sämtliches Geld per Computer-Order auf das Konto der Weltverschwörer transferiert werden.

    So könnte der Westen, den es im Unterschied zum Osten immer noch gibt, ebenfalls zum Kollaps gebracht werden - wenn Bond, James Bond, nicht das Schlimmste zu verhüten wüßte.

    Das frei vagabundierende Militärpotential in schurkischen, wenn auch ideologiefreien Händen; Computertechnik, die sich in böser Perfektion am Internet, an Datenautobahnen und dem Tele-Banking schadlos hält, um Europa auch ohne Währungsunion in eine gräßliche Krise zu stürzen: Man sieht, "Goldeneye" ist auf der Höhe der Zeit.

    Das gilt auch auf dem Sektor der Emanzipation. Denn der notorische Macho Bond steht unter dem Kommando einer Chefin: "M", der legendäre Boß des britischen Geheimdienstes, ist inzwischen eine Frau, gespielt von Dame Judi Dench, die mit martialischem Charme eines klarmacht: Hochgeschlafen zu diesem Job hat sie sich nicht. Solche Mätzchen überläßt sie ihren männlichen Untergebenen.

    Und was die Sexualität anlangt, so hat Bond, ganz Sohn eines neuen Zeitalters der Prüderie und Aids-Furcht, alle frivolen Betthupfer-Manieren abgelegt: Man liebt nur einmal.

    Schnell wird er zum ritterlichen Beschützer einer russischen Programmiererin, die den perfiden Überfall auf das sibirische Kommando-Zentrum des "Goldeneye"-Programms überlebt und um ihr Leben durch die verschneite Taiga kriecht: Rußland ist auch nach Ende der Sowjetmacht vor allem ein kaltes Land. Wenn auch in St. Petersburg die Gartenlaube inzwischen zum westlichen Puff verwandelt ist.

    So sind Gottfried John, der bolschewistischer aussieht, als es das Klischee erlaubt, und Famke Janssen, die eine hinreißende Megäre sexueller Urgewalt spielt, wobei sie Männer wie Nüsse zwischen ihren schönen Schenkeln knackt, die gefährlichen Relikte einer bösen Zeit.

    Sie werden durch den abtrünnigen 006-Agenten neu motiviert. Der hat ein halb verbranntes Gesicht und hält nichts mehr vom aufopferungsvollen, entsagungsreichen Dienst für die britische Krone. Die nächstliegende Begründung, er habe alles über Charles und Di gelesen, trägt er nicht vor und begnügt sich mit Geld- und Machtgier an sich.

    Obwohl der neue Bond-Film allen feinen Schwingungen des Zeitgeistes auf das gröbste Rechnung trägt, wirkt er wie ein explosives Relikt der "Superman"-, "Starwars"- oder "Terminator"-Filme.

    Weil er sich deren Pyromanie, die Freude, Feuersbrünste und gewaltige Explosionen hautnah filmen zu können, hemmungslos zu eigen macht, wirkt der Film eines nicht: nämlich umweltfreundlich. Und so verfehlt er die Zeit, wo sie am empfindlichsten und am empfänglichsten ist, beim Schonen der Natur.

    So beginnt der Film nach guter, alter Bond-Sitte nach dem Vorspann mit einer guten alten Autojagd (Bond fährt diesmal einen BMW, der aber, außer daß er schnell und elegant ist, waffentechnisch nicht viel hermacht). Um einander sexuell zu imponieren und auch um sich aufzugeilen, liefern sich Film-Held und Film-Schurkin eine kurvenreiche Autojagd nach gehabtem Schema: Radfahrer, Lastwagen und Schafherden spritzen in letzter Minute beiseite. Im Zeitalter der Staus und überfüllten Straßen wirkt dergleichen nur noch wie von vorgestern; das Auto als filmerogene Zone hat ausgespielt.

    Wohl und Wehe der Bond-Filme hängen vom Darsteller Bonds ab. Da haben Bond-Veteranen wie Sean Connery und auch Roger Moore mythologische Pionierarbeit geleistet, gegen die schlecht anzustinken ist.

    Der neue Bond sieht, darin weiß sich die Frauenwelt mit der Männerwelt einig, hinreichend viril und doch zivilisiert aus: Pierce Brosnan hat sich, Ire, wie Connery Schotte war, ähnlich wie Moore seine Sporen in einer Detektiv-TV-Serie verdient. Die meiste Zeit des Films blickt er ein wenig grämlich. Wie ein Dressman, der mit energischer Würde im Gesicht für ein Eau de Toilette seinen Mann steht.

    Dafür kann er nicht viel, denn vor lauter Feuerzauber und Explosionsgetöse bleibt dem neuen Bond, James Bond, nicht viel Raum und Zeit, seinen männlichen Charme und seine guten Manieren auszuspielen.

    Dem harten Mann, der sämtliche Feuerstürme ohne die geringsten Brandwunden im Gesicht und am Anzug überlebt, werden kaum die kurzen Dialog-Gefechte zugebilligt, mit denen Connery und Moore brillieren durften: der eine, Connery, indem er schmuddlig grinste, bevor er seine Tatze um eine Eurasierin, Brünette oder Blondine legte; der andere, Moore, indem er blasiert die Augenbraue liftete, bevor er für Königin und Vaterland in Bett und Auto stieg und bravourös sein Champagnerglas schwenkte.

    Dazu ist jetzt keine Zeit mehr. Aber vielleicht ist der Grundfehler ein anderer: In der rasanten Eingangsszene an einem gewaltigen Staudamm irgendwo in der riesigen Sowjetunion (sie existiert im Vorspann noch) betätigt sich James Bond als Bungee-Springer an langem Gummiseil. In einer atemraubenden Perspektive wird gezeigt, wie Bond in den Abgrund stürzt, eine Harpune in den Felsen schießt und sich abzuseilen beginnt.

    So weit, so James-Bond-gemäß. Doch kurz darauf werden 007 und sein Kumpel 006 von den Russen geschnappt. 006 wird, scheinbar, getötet. 007 kann fliehen. Und im Auto jagt er über eine Piste einem Flugzeug hinterher. Erwischt es nicht mehr, bevor es über einer Riesenschlucht entschwebt. Da wirft sich Bond im freien Fall dem Flugzeug hinterher. Und wie Superman oder Batman kann er fliegen.

    Die Lust, so etwas im Trick zeigen zu können, hat das Filmteam wohl zu dieser Szene verführt. Aber in Wahrheit ist sie das traurige Ende der Bond-Figur. Der überlebte zwar auch in den bisherigen Filmen alles, ob blond oder braun, ob Laserstrahl oder Maschinenpistole. Aber er tat es nach den strapazierten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und den Regeln der Physik.

    Jetzt, da er von Anfang an fliegen kann, ist er ein Comic-Held geworden. Und somit ist er, allen Anstrengungen zum Trotz, aus der Zeit gefallen.

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