Jeder Fan ist anders: Eine Typologie
Fast könnte man meinen, Deutschland hat keine Bürger mehr, sondern nur noch Fans. Auf den Massenfotos vom Public Viewing verschwimmt das Volk zu einer schwarz-rot-goldenen Masse. Doch es gibt feine Unterschiede, wie unsere kleine Fan-Typologie zeigt.
Von unserem Redakteur Tim Kosmetschke
Rheinland-Pfalz. Am kommenden Samstag um 16 Uhr stehen sie wieder alle bereit, haben ihre Trikots übergezogen, sich die Wangen angepinselt, recken Schals und Fahnen in die Lüfte - alles in Schwarz-Rot-Gold. Wenn die deutsche Mannschaft spielt, ist das inzwischen ein Pflichttermin auch für jene, die noch nie ein Bundesligastadion von innen gesehen haben. In WM-Zeiten treten Fußballfans in Horden auf. Doch nicht alle sind gleich. Eine Fan-Kunde.
Der WM-Fanatiker: Er hat seinen Jahresurlaub am Stück genommen und sich sein persönliches WM- Studio eingerichtet, dessen Herzstück ein teurer Plasmabildschirm ist. Der WM-Fanatiker sitzt vier Wochen lang auf dem Sofa und schaut sämtliche Spiele, Analysen, Zusammenfassungen. Er tut sich sogar Waldis WM-Club an. So erlangt er zwar eine erstaunliche Expertise und kann über die Vorzüge sämtlicher drei Palacios-Brüder referieren. Allerdings hat er niemanden zum Zuhören. Seine Freundin macht Urlaub auf Mallorca, seine Kumpel gehen lieber zum Public Viewing, weil die Wohnung des Fanatikers nicht mehr gemütlich ist. Pizzakartons und leere Bierflaschen liegen überall herum. Aber am nächsten Mittwoch ist ja spielfrei, da könnte er dann doch mal aufräumen.
Der Turnier-Fan: Bundesliga ist ihm zu langweilig. Da dauert es ja 34 Spieltage, bis feststeht, zu wem man halten muss. Aber wenn WM ist, dann entdeckt er den Fußballfan in sich, schmeißt sich ins Kostüm und reserviert schon vormittags die besten Plätze vor der Großbildleinwand - für seine Kumpels, mit denen er "immer total gern Fußi schaut". Er guckt ausschließlich die Spiele der Deutschen, erkennt aber auf dem Platz ausschließlich Philipp Lahm ("Weil er so klein ist") und Oliver Kahn ("Oder wie heißt der Torwart noch gleich?").
Der Oberlehrer: Er ist das Gegenstück zum reinen WM-Fan. Er kennt sich aus und hält sich auch nicht mit Belehrungen zurück: "Nein, das war kein Abseits, es ist eine neue Spielsituation entstanden." Oder: "In meinen Augen klares Handspiel. Ich habe eine aktive Bewegung zum Ball gesehen." Er nervt alle damit, dass er sein angelesenes Fachwissen auch an unpassenden Stellen anbringt: "Bei Bayern spielt Ribery ja links, bei den Franzosen muss er im Zentrum ran", klärt er bei der Begegnung Schweiz gegen Honduras auf.










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