Professorin zeigt Kostenzwänge bei Jugendämtern auf
Koblenz - Zwingt der immer größere allgemeine Spardruck Jugendämter dazu, zu Hause gefährdete Kinder weniger oft anderswo in professionelle Obhut zu geben? Kathinka Beckmann, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Fachhochschule Koblenz, ist davon überzeugt. Im Oktober 2008 hat sie den Verein "Jede Woche 3" mit Sitz in Düsseldorf gegründet, damit Kindern in Gefahr geholfen wird, obwohl die Kassen der Kommunen leer sind. Der Verein betreibt Lobbyarbeit bei Politikern und will die Öffentlichkeit aufklären.
Die 35-jährige Vorsitzende Beckmann denkt nach eigener Aussage an Kinder wie zum Beispiel Tom, die bei ihren Familien leben müssten, obwohl Fachleute und sogar die eigene Mutter sagten, dass ein Umzug in ein Heim besser wäre. Doch aus Kostengründen habe das zuständige nordrhein-westfälische Jugendamt in Toms Fall gesagt, das vom eigenen Vater als Sex-Objekt an Skatkumpels verhökerte Kind müsse zu seiner Mutter zurück. Die habe aber den Jungen eigentlich gar nicht wieder aufnehmen wollen. Doch das sei eben billiger als ein teuerer Heimplatz, berichtet die Professorin.
Die Gründungsmitglieder des Vereins "Jede Woche 3" sind Richter, Rechtsmediziner, Kriminalbeamte, Sozialpädagogen, Jugendamtsmitarbeiter und Studenten aus ganz Deutschland. "Jede Woche 3" geht auf eine Kriminalstatistik zurück. 2007 kamen bundesweit 173 Jungen und Mädchen aufgrund von Gewalt in den eigenen vier Wänden ums Leben: durch Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch. Und das sind statistisch gesehen jede Woche etwas mehr als drei tote Kinder. Beckmann, die jahrelang als Sozialpädagogin gearbeitet hat, meint, viele Fälle hätten sich vermeiden lassen.
In ihrer Doktorarbeit hat die 35-Jährige einen Zusammenhang zwischen den kommunalen Finanzhaushalten und den Entscheidungen von Jugendämtern festgestellt: Je kleiner der Etat, desto schwerer täten sich Jugendämter damit, massiv gefährdete Kinder und Jugendliche aus ihrem familiären Elend in eine professionelle Betreuung zu geben. Der Grund liegt für sie auf der Hand: Ein Heimplatz sei rund fünfmal teurer als eine ambulante Betreuung.
Weil der Kostendruck auf die Kommunen immer weiter steige, sagt Beckmann, werde in Jugendhilfeeinrichtungen am Personal gespart. Statt die betroffenen Kinder aus ihren Familien zu holen, komme daher gegenwärtig nur für einige Stunden pro Woche eine sozialpädagogische Fachkraft und sehe nach dem Rechten.
Zahlen vom rheinland-pfälzischen Statistischen Landesamt in Bad Ems scheinen Beckmanns Behauptungen zu belegen. Im Jahr 2001 bekamen 336 Familien im Land sozialpädagogische Familienhilfe, 2006 waren es schon 733 Familien. Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses erhielten 2001 insgesamt 1429 Jungen und 1052 Mädchen. Die Vergleichszahlen aus dem Jahr 2006 gingen hingegen leicht zurück (1408 Jungen und 1005 Mädchen).



















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