Letzte Post aus Stalingrad lässt Hunsrücker Familie nicht ruhen
Hunsrück - Anfang Januar 1943 trifft bei Familie Mayer in Ellern ein Brief ein – Feldpostnummer 31619 D. Endlich wieder eine Nachricht von Sohn Otto aus Stalingrad! Die Schrift ist kaum lesbar. „Für heute habe ich noch kein Brot gegessen – keins da“. Es ist der letzte Brief eines 20-Jährigen, wenig später wird die Schlacht bei Stalingrad verloren sein. Das bis heute ungeklärte Schicksal von Otto Mayer lässt die Familie aber bis heute nicht ruhen.
Vielleicht wollte der junge Mann seine Eltern nicht zu sehr ängstigen, die den Verlauf der Schlacht gebannt vor dem Volksempfänger verfolgen: „Sitzen nun einmal drin. Daran gibt’s ja nun nichts mehr zu ändern“, schreibt Otto Mayer am 3. Januar aus dem Kessel von Stalingrad. Doch zwischen den Zeilen lässt sich die Verzweiflung erahnen, die den jungen Mann erfasst hat.
Denn längst hat sich der Ring um die 6. Armee zugezogen, gibt es kein Entkommen mehr aus der Hölle Stalingrad. Der nächste Brief ist die einzige Verbindung zur Heimat, die er nie wiedersehen wird. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. „Meine Pläne über das spätere Leben sind voll und ganz klar.“ Der große Traum von der Landwirtschaft. Doch es wird keine Zukunft geben. Der Brief ist sein letztes Lebenszeichen. Danach verliert sich Mayers Spur im Dunkel der Geschichte – bis heute.
Sieben Jahrzehnte voller Ungewissheit
Erfroren? Verhungert? Erschossen? Sein Schicksal wird die Familie nie mehr loslassen. Sieben lange Jahrzehnte. „Meine Oma hat die Ungewissheit krank gemacht“, sagt der gleichnamige Neffe des Verschollenen. „Sie ist daran zerbrochen.“ Die Mutter kann nicht loslassen. Bis zu ihrem Tod 1971 bleibt das Kinderzimmer ihres ältesten Sohnes unangetastet. Falls der Otto kommt. Der soll ja schließlich den Hof erben. Doch Otto kommt nicht. Dutzende Anfragen an Behörden bleiben erfolglos – eine qualvolle Erfahrung.
Und so begleitet der vermisste Onkel auch Otto Mayer junior von Kindheit an. „Stalingrad war bei uns immer Thema“, sagt er. Jahr für Jahr. „An Weihnachten flossen bei meinen Großeltern immer Tränen.“ Als das Haus nach deren Tod abgerissen wird, tauchen in den Schubladen plötzlich die alten Feldpostbriefe auf. Für den Inhalt interessiert sich zunächst niemand. Erst jetzt, 70 Jahre nach der Schlacht, lässt Otto Mayer junior die 45 schwer entzifferbaren Dokumente „übersetzen“ – und ist erschüttert. „Der Inhalt der Briefe hat mich tief berührt. Ich war noch nie so zufrieden und dankbar mit meinem Leben wie nach dem Lesen.“
Rückblick: Mayer zieht im Sommer 1942 begeistert in den Krieg. „Er war ein Draufgänger“, vermutet sein Neffe. Weiß er, was ihn in Russland erwartet? Sicher nicht. Mit seinen 20 Jahren steht er für eine ganze Generation junger Deutscher – verführt, verheizt, verraten. Am 13. Juli trifft er vor Stalingrad ein. „Das werdet ihr wohl auf der Karte finden“, schreibt er. „Sonst geht es mir ja noch ganz gut, was ich auch von euch hoffe.“ Noch sind die Deutschen auf dem Vormarsch. Noch beklagt er sich über die Hitze und die staubigen Straßen. „Ich sehe aus wie ein Müller.“
Doch die Euphorie wird sich bald verflüchtigen – und mit ihr die Hitze. „Gestern war ich mit dem Fuhrwerk noch mal in der Stadt. Aber von Stadt ist ja gar keine Rede mehr, alles ein Trümmerhaufen“, heißt es am 2. November. Da hat längst der russische Winter Einzug gehalten. „Der eisige Wind, der von der Wolga raufzieht, hat's in sich“, klagt er zwei Wochen später. „Im Allgemeinen ist es ja ruhig in diesem Frontabschnitt. Der Russe hat sich hier schon den Kopf eingerannt.“ Ein Trugschluss. Es ist der 19. November. Der Tag der sowjetischen Gegenoffensive.




















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