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    Idar-ObersteinIdar-Oberstein: Schmuckfabrik Bengel unterwegs zum lebendigen Industriedenkmal

    Verglichen mit dem stärker industriell geprägten Nachbarn NRW, sind in Rheinland-Pfalz Industriedenkmäler recht dünn gesät. Doch gibt es darunter welche von beträchtlicher Bedeutung. Etwa die Sayner Hütte in Bendorf, deren Gießhalle als frühester Industriebau mit tragender Gusseisenkonstruktion gilt. Oder die „Uhrenketten und Bijouteriewarenfabrik Jakob Bengel“ von 1873 in Idar-Oberstein.

    Als würden gleich die Arbeiter der „Uhrenketten und Bijouteriewarenfabrik Jakob Bengel“ den Werksaal betreten: So gut sind die Maschinen in der Schmuckfabrik noch erhalten.
    Als würden gleich die Arbeiter der „Uhrenketten und Bijouteriewarenfabrik Jakob Bengel“ den Werksaal betreten: So gut sind die Maschinen in der Schmuckfabrik noch erhalten.
    Foto: Stiftung Industriedenkmal

    Was am Nahe-Ufer wie eine vom Zahn der Zeit kräftig angenagte Manufaktur aussieht, ist nach Ansicht von Experten ein außerordentliches Zeugnis vergangener Industriekultur.

    Mit seiner original erhaltenen Baustruktur und teils noch funktionstüchtigen Ausstattung aus 130 Jahren ermöglicht das Industriedenkmal Bengel tiefe Einblicke in Technik-, Ästhetik-, Wirtschafts- und Arbeitsgeschichte der Idar-Obersteiner Schmuckbranche. Dass es das Ensemble aus Fabrik (1873), Arbeiterwohnhaus (1890) und Fabrikantenvilla im Jugendstil (1910) heute noch gibt, ist einer Initiative der Urenkelin des Firmengründers zu danken: Christel Braun rief vor gut zehn Jahren die späterhin kommunalisierte Bengel-Stiftung ins Leben.

    Dach und Fundamente mit Landeshilfe saniert

    Ohne diese Institution wäre die nach langem Niedergang in den 1990ern stillgelegte Schmuckfabrik wohl dem Verfall preisgegeben. Das Dach war marode, die Fundamente begannen abzusacken. Die Stiftung wurde – zusammen mit dem Freundeskreis Bengel Denkmal e. V. – zum Motor für den Erhalt und eine neue Perspektive als „lebendiges Industriedenkmal“. Dach und Fundamente sind inzwischen mit Landeshilfe saniert. Damit ist die Basis gelegt für weitere Entwicklungen, an deren Ende bis 2016 dieses „Industriedenkmal von nationalem Rang“ (so urteilt die Landesdenkmalpflege) als lebendes Industriemuseum Besucher von hierzulande und anderwärts faszinieren soll.

    Für den 18./19. August haben Stiftung und Freundeskreis ein Wochenende der offenen Tür ausgerufen. Dessen Programm umreißt exemplarisch den seit 2001 erreichten Stand. An beiden Tagen wird es fortlaufend Führungen für Gruppen mit maximal 15 Teilnehmern geben. Denn anders sind etliche Abschnitte der alten Fabrik (noch) nicht begehbar. Treppenhäuser, Werkstätten, Maschinensäle sehen aus, als hätten die Arbeiter gerade Feierabend gemacht. Als seien hier eben noch Uhrketten, Gürtelschnallen, Handtaschenbeschläge und jener Modeschmuck im Art-déco-Stil gefertigt worden, mit dem das Haus Bengel im frühen 20. Jahrhundert international stark vertreten war.

    So interessant der authentische Zustand ist: Bis die heutigen (Sicherheits-)Anforderungen für einen frei zugänglichen Besucherbetrieb erfüllt sind, bedarf es noch einiger Jahre und etlicher Hunderttausend Euro. Stiftungsvorsitzender Willi Lindemann skizziert die nächsten Schritte der Planung: Einrichtung eines besucherfreundlichen Eingangsbereiches; Einbau technischer Installationen nach modernem Sicherheitsstandard; Ausstattung der Fabriksäle mit „Aktionsinseln“, wo diverse Gewerke der einstigen Produktion real demonstriert werden können. Doch soll durch diese Maßnahmen der historische Gesamteindruck möglichst wenig gestört werden.

    Seit einigen Jahren schon wird die Fabrikantenvilla für wechselnde Ausstellungen zeitgenössischen Autorenschmucks genutzt. Die Brückenfunktion zwischen Geschichte und Moderne ist Teil des Nutzungskonzeptes für das Industriedenkmal. An besagtem Wochenende der offenen Tür eröffnet hier eine Schau mit Arbeiten von 18 israelischen Schmuckkünstlern der Gegenwart. Parallel gibt es in einem für Ausstellungen hergerichteten Trakt der Fabrik zwei schmuckgeschichtliche Präsentationen.

    Da wären einmal Neuerwerbungen aus der Art-déco-Epoche der Firma Bengel: 120 Schmuckstücke, die einst von Idar-Oberstein aus in alle Welt gingen. 2011 sind sie vor allem in Großbritannien wieder ausfindig gemacht und mit Unterstützung der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz sowie der Kreissparkasse Birkenfeld zurückgekauft worden. Die Neuerwerbungen werden jetzt erstmals vorgestellt – und bilden mit anderen Teilen der Bengel'schen Sammlung den Grundstock für die spätere Dauerausstellung im Industriedenkmal.

    Besondere Wechselschau: Männerschmuck von der Nahe

    Ein Beispiel für künftig anvisierte Wechselschauen ist die zweite Ausstellung: „Männerschmuck von der Nahe“ zwischen 1870 und 1920. Bestückt mit Leihgaben fünf örtlicher Traditionsunternehmen, wird hier ausgebreitet, was Mann einst tragen konnte, wenn ihm der Sinn (oder Geldbeutel) nicht nach echten Diamanten und Gold stand. Auf Hochglanz legierte, mit Halbedelsteinen ausstaffierte Krawattennadeln, Manschettenknöpfe, Uhrkettenanhänger, Rauchutensilien: Oft in Handarbeit gefertigt, ging der „unechte“ Schmuck in hohen Auflagen beispielsweise an Ausstattungsboutiquen in den Badeorten Europas.

    So ist das alte Bengel-Ensemble einerseits Industriedenkmal per se. Andererseits entwickelt es sich zum lebendigen Anschauungszentrum für die Kulturgeschichte der Schmuckfabrikation im Nahe-Raum. Die bisherigen Fortschritte sind beachtlich; bis zum wünschenswerten Endausbau aber braucht es noch einen langen Atem.

    Das Programm zum Wochenende der offenen Tür am 18./19. August im Industriedenkmal Bengel findet sich unter: www.jakob-bengel.de

     Die beiden Ausstellungen dauern von 18. August bis 4. Oktober 2012. Öffnungszeiten (auch für Fabrikführungen): im August/September Dienstag – Sonntag 10 – 16 Uhr, im Oktober Dienstag – Freitag 10 – 16 Uhr. Info-Telefon: 06781/27030

    Von unserem Redakteur

    Andreas Pecht

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