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  • Zeitreise im Westerwald: Hachenburg verfilmt seine Stadtgeschichte

    Hachenburg. Acht Jahrhunderte in nur 90 Minuten: In Hachenburg im Westerwald geht es im Schnelldurchlauf durch die Geschichte. Zur 700-Jahr-Feier der Stadt wird die Historie der einst kleinen Waldsiedlung für das Kino verfilmt.

    Bei jedem Schritt knirschen die Schottersteine unter den schwarzen Lederstiefeln. Langsam läuft Fritz in Richtung Bahnsteig. Seine dunklen Kniestrümpfe enden in einer karierten Hose. Braune Hosenträger über dem Hemd sorgen für den richtigen Sitz. Eine beigefarbene Schirmmütze aus Leinenstoff schützt den jungen Mann vor der Mittagssonne. Es ist ein warmer Spätsommertag im Jahr 1914. Außer dem kleinen Rucksack über seiner linken Schulter hat Fritz kein Gepäck für die lange bevorstehende Reise bei sich. Er hat sich freiwillig als Soldat für den Weltkrieg gemeldet. Es geht an die Westfront.

    98 Seiten Drehbuch, 500 Schaupieler

    „Schnitt!“, schallt es laut über den kleinen Hachenburger Bahnhof. „Fritz, Franz, ihr müsst schneller gehen“, ruft ein Mann, Turnschuhe an den Füßen, eine Zigarette in der einen, das Drehbuch in der anderen Hand. Seit rund einem halben Jahr schon dirigiert Regisseur Thomas Sonnenschein Wochenende für Wochenende Laienschauspieler herum. Im Auftrag der Stadt Hachenburg, die sich zur 700-Jahr-Feier in zwei Jahren einen Film über die Stadtgeschichte gewünscht hat. Insgesamt 98 Seiten Drehbuch gilt es dafür umzusetzen. 500 Menschen aus Hachenburg und der Region spielen mit.

    „Kamera?“ „Läuft.“ „Ton?“ „Läuft.“ „Szene: 115, 1, 2, Bitte schön!“ Alles noch einmal von vorn. Ein Chor setzt ein. Ein zweites Mal läuft Fritz zusammen mit Franz über die Schottersteine in Richtung Bahnsteig.

    Fritz aus dem Jahr 1914 heißt eigentlich Jonas Isack und kommt aus dem acht Kilometer entfernten Örtchen Heuzert. Der 20-jährige Zahntechniker-Azubi ist heute zum ersten Mal am Set dabei. „Mein Freund Alex hat mir von dem Filmprojekt erzählt“, er zeigt auf einen jungen Mann mit Kniestrümpfen und Schirmmütze. „Er hat schön öfter an anderen Drehtagen mitgespielt und mich gefragt, ob ich nicht auch Lust hätte.“ Als Statist wollte Jonas Isack eigentlich dabei sein, dann wurde kurzerhand eine kleine Sprechrolle daraus. In einem Gespräch soll er zwei Sätze sagen, einen Antisemiten spielen. Komisch sei das. „Man kann sich nicht vorstellen, heute so zu reden“, versucht er etwas schüchtern zu erklären. Vorstellen, wie die Szene nachher im fertigen Film aussehen soll, kann er sich auch noch nicht so richtig.

    Monatelange Recherchen

    Etwa so wie die Dokumentationen, die man aus dem Fernsehen kennt, soll der Film werden, erklärt Thomas Sonnenschein. „Ein Mix aus 15 Prozent Erzählung und 85 Prozent gespielten Szenen.“ Viele Hachenburger haben alte Landkarten, Fotos und auch original Filmmaterial aus ihren Kellern und von den Dachböden beigesteuert. Eineinhalb Jahre lang hat der 43-jährige Sonnenschein die Geschichte der Stadt recherchiert, das Drehbuch vor Start der Produktion vom ehemaligen Hachenburger Stadtarchivar überprüfen lassen. „Selbst er war verblüfft, was wir da alles zusammengetragen hatten“, grinst Sonnenschein stolz.

    Der Männerchor singt lauthals sein Abschiedslied für die mutigen Hachenburger, die gemeinsam in den Krieg ziehen wollen. Fritz und Franz stehen mittlerweile auf dem Bahnsteig, unterhalten sich für die Kameras. „Schnitt!“ Alle Augen am Set sind gen Himmel gerichtet. Ein Propellerflieger dreht über dem Hachenburger Bahnhof seine Runden. „Das versaut uns den Ton“, seufzt Thomas Sonnenschein. Erneut alles auf Anfang. „Wir haben nur noch ein paar Minuten, dann kommt der Zug.“

    Die Idee, die Stadtgeschichte zum 700. Geburtstag Hachenburgs zu verfilmen, hatte Kulturreferentin Beate Macht. „Mit so etwas habe ich allerdings nicht gerechnet“, sagt sie und staunt, als sie an diesem Tag das Set am Bahnhof betritt. Sie selbst stand bereits für andere Szenen vor der Kamera, auch ihr Nachwuchs hat kleine Rollen übernommen. „Wir wollen erreichen, dass die Hachenburger wissen, wo sie herkommen, ihre eigene Geschichte kennen“, sagt Macht.

    Beim Casting mehr Bewerber als Rollen

    Dass das Interesse daran groß ist, hat sich schon beim Casting vor Beginn der Dreharbeiten gezeigt. 124 Rollen berühmter Persönlichkeiten wie zum Beispiel Konrad Adenauer hatte Filmmacher Sonnenschein zu besetzen. Beworben hatten sich viele mehr. „Die Resonanz ist bis heute überwältigend“, sagt er. Woche für Woche melden sich mehr Menschen, die wie Jonas Isack irgendwo von dem Filmprojekt gelesen oder gehört haben und ein Teil davon sein wollen – wenn auch nur als Statist. Manche kämen dafür sogar mehr als 100 Kilometer gefahren, aus Trier, Köln, Wiesbaden oder Frankfurt. Die meisten aber stammen aus Hachenburg und den umliegenden Westerwälder Verbandsgemeinden.

    Es riecht stechend nach Kleber. In der Maske auf dem Parkplatz neben den Gleisen werden Schnurrbärte angeklebt, mit ein paar Sicherheitsnadeln die letzten Kniffe an Kleidern und Mänteln getan, während ein paar Meter entfernt Sonnenscheins Regieanweisungen über den Bahnsteig hallen. Bequeme Schminksessel und große Spiegel gibt es hier keine. Die Maske besteht im Westerwald aus dem leer geräumten Kofferraum eines großen Vans, einer Kleiderstange mit alten Kostümen und einer Menge Kartons mit Schuhen, Gürteln, Taschen und anderen Accessoires. Friseurinnen und Visagistinnen aus der Region haben sich freiwillig gemeldet und sorgen für das zeitgemäße Make-up.

    Etwas mehr als 80 Prozent der Szenen von „Hagenberg“, wie der Streifen über die Hachenburger Stadtgeschichte heißen wird, sind bereits im Kasten. „Wir beginnen im Jahr 1182 mit dem Bau der Burg auf dem Hagenberg“, erklärt Sonnenschein den Titel. Dort thront heute das bekannte Hachenburger Schloss. 1314 wurde aus der kleinen Siedlung im Westerwald dann eine Stadt. Mittlerweile ist das Drehbuch im 20. Jahrhundert angekommen. Die 600-Jahr-Feier der Stadt wurde gerade wegen Ausbruch des ersten Weltkrieges abgesagt, viele junge Männer brechen wie Jonas Isack als Fritz freiwillig vom Bahnhof zum Sammellager nach Montabaur auf. 58 Hachenburger kamen nach dem Krieg nicht wieder in den Westerwald zurück.

    Dreharbeiten mit Zügen, Kindern und Tieren

    „Schnitt!“, brüllt Thomas Sonnenschein. „Kurze Pause und alle zurück vom Bahnsteig.“ Es ist 13 Uhr. Die Regionalbahn ins hessische Limburg fährt in Hachenburg ein. Die Passagiere schauen neugierig durch die Scheiben. Schauspieler in altmodischen Kleidern stehen eben nicht an jeder Haltestelle herum. „Mein Zug passt nicht ganz so gut in die Kulisse, oder?“, lacht die Zugführerin aus dem Fenster der Lok. Der Schienenverkehr muss weiterrollen – trotz Drehgenehmigung für die Filmarbeiten.

    An insgesamt 80 verschiedenen Orten werden die rund 200 Szenen für „Hagenberg“ gedreht. So manche entpuppte sich als echte Herausforderung: wenn zum Beispiel an dem für den Film historisch bedeutsamen Platz heute ein Kinderspielplatz steht. „Das wird nach der Postproduktion alles aber nicht zu sehen sein“, grinst Thomas Sonnenschein. Ebenso wenig wie die aufwendigen Arbeiten mit Kindern und Tieren. Ein halbes Jahr ist der jüngste „Hagenberg“-Darsteller erst alt, 70 Pferde, außerdem Esel, Ziegen, Hunde, Eulen, Ratten, Schweine und Schafe waren schon am Set zu Gast – zum Großteil untrainierte Haustiere, Laien wie die menschlichen Schauspieler auch.

    „Noch einmal die Szene!“, ruft Regisseur Sonnenschein. „Dann muss der Chor weg.“ Der Männergesangsverein hat noch andere Termine. Die „Hagenberg“-Dreharbeiten laufen wie bei allen Beteiligten nebenher. Bis die Sonne untergeht wird an diesem Tag noch gedreht, werden Szenen wiederholt und Regionalzüge vorbeigelassen. „Wir stemmen hier ein Mammutprojekt mit ganz kleinen Mitteln“, sagt Sonnenschein. 40 000 Euro hat er zur Verfügung, „ein Budget, für das andere Filmproduzenten nicht mal einen halben Drehtag anfangen“. Doch er ist sicher, die Mühe lohnt sich und wird alle stolz machen, wenn der Film zur 700-Jahr-Feier der Stadt 2014 im Hachenburger Kino gezeigt wird und auf DVD erhältlich ist.

    „Kamera?“ „Läuft.“ „Ton?“ „Läuft.“ „Szene: 115, 1, 3, bitte schön!“ Es ist wieder 1914. Wieder singt der Chor. Und wieder macht sich Fritz auf den Weg in Richtung Bahnsteig, knirschen die Schottersteine unter seinen schwarzen Ledersohlen.

    Von unserer Redakteurin Anna Lampert

     

    Dreharbeiten in Hachenburg: Stadtgeschichte kommt ins Kino
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