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    Widerstand: Gegner wie Belegschaft erlebten Wechselbad

    Mülheim-Kärlich - Neuwieds früherer Oberbürgermeister Manfred Scherrer (72, SPD) und der Diplom-Sozialpädagoge Joachim Scheer (62) gehören zu den alten Kämpen, die das Aus des Atommeilers vor den Gerichten erstritten haben.

    Dunkle Wolken lagen im Streit vor Gerichten oft über dem Meiler. Er „rauchte“ denn auch nicht viel länger als ein Jahr lang.
    Dunkle Wolken lagen im Streit vor Gerichten oft über dem Meiler. Er „rauchte“ denn auch nicht viel länger als ein Jahr lang.
    Foto: dpa

    Das kostete Kraft und dauerte Jahrzehnte. An jenen Augusttag vor 25 Jahren, als das Atomkraftwerk wieder ans Netz ging und (für kurze Zeit) Strom liefern konnte, erinnern sich die beiden nicht mehr sofort. So geht es auch dem stellvertretenden Kraftwerksleiter Kurt Sesterhenn (57), der vor 25 Jahren für den Brandschutz zuständig war und den 1. März 1986 viel besser vor Augen hat, weil damals der Reaktor zum erstem Mal „kritisch wurde“. Aber danach sollten für die Beschäftigten noch viele Wechselbäder zwischen Hoffen und Bangen zwischen Abschalten, Konservieren, Anfahren und Wiederabschalten folgen.

    Für Scherrer und Scheer auf der anderen Seite war der Tag rückblickend auch nur eine Episode – im langen Kampf zwischen dem Baubeginn von 1975 und dem 2004 beginnenden Abriss der Anlage, die auf einem alten Vulkanschlot gebaut und 1988 stillgelegt worden ist – wegen der Erdbebengefahr und eines plumpen „Schwarzbaus“. Denn der Reaktor war klammheimlich um 70 Meter verschoben worden, damit er auf stabilerer Erdscholle stand. Der 1988 vor dem Bundesverwaltungsgericht siegreiche Anwalt Gerd Klöckner kommentierte seinen Erfolg danach bescheiden: „Es war einfaches Baurecht. Ich kann auch nicht in einem Stadtteil eine Genehmigung haben und in einem anderen Stadtteil bauen.“

    Bei anderen Teilgenehmigungen und beim 1998 vor dem Bundesverwaltungsgericht ebenfalls gescheiterten neuen Genehmigungs-anlauf ging es auch um komplizierte atomrechtliche Fragen. „Da war es anfangs gar nicht einfach, Anwälte zu finden“, erinnert sich Scherrer. Als Stadtratsmitglied und späterer Oberbürgermeister hatte er mit seinem Engagement gegen das Atomkraftwerk daheim großen Rückhalt: „Die Neuwieder fühlten sich richtig bedroht“, während sich die Bevölkerung auf der anderen Rheinseite mehrheitlich auf wirtschaftliche Gewinne mit dem Energieriesen RWE freute. Das hatte dem damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl (CDU) bei der Standortwahl in einem Kreis mit CDU-Landrat geholfen. In seinem Kabinett hatte nur der Finanzminister Johann-Wilhelm Gaddum (CDU) 1974 davor gewarnt, dass Rheinland-Pfalz mit diesem Reaktortyp zum „Versuchskaninchen“ wird.

    Damals war nicht nur die CDU auf Atomkurs. Auch unter den Genossen der Mainzer Landtagsfraktion fühlte sich Scherrer anfangs in einer Außenseiterrolle. „Dies änderte sich erst mit dem Störfall von Harrisburg (1979) und erst recht nach der Tschernobyl-Katastrophe (1986)“, wie er sich erinnert. Den Rechtsweg kürzte dieser GAU nicht ab: „25 Jahre lang klagte die Stadt Neuwied.“ Denn hier wirkt der Kühlturm je nach Standort „wie mitten in der Stadt“. Die Bürgerinitiativen und Privatkläger gegen den Atommeiler wurden anfangs auch belächelt, zumal an der Klagefront zunächst nur eine Frau stand – die 1986 verstorbene Lehrerin Helga Vohwinkel. Aber sie hatte auch den Rentner Walter Thal im Tross. Und der erreichte 1988 vor dem Bundesgericht den Stillstand des Atomkraftwerks.

    Joachim Scheer gehörte damals schon zur Anti-Mülheim-Kärlich-Bewegung, kam zeitweise auch in Beugehaft: Er weigerte sich 1983, für RWE-Kosten aufzukommen. Alle Privatkläger waren überfordert, allein die Anwälte und „vor allem die teuren Gutachten zu bezahlen“. Spenden halfen. Dankbar denkt der Lahnsteiner Scheer auch an den guten Wissensaustausch mit der Stadt Neuwied zurück. Denn der Streit ging ja nach 1988 weiter, das kostete nicht nur viel Geld, „sondern auch in der Freizeit unglaublich viel Kraft“, so Scheer. Aber: Er ist immer noch unermüdlich aktiv, hat Akten sofort greifbar und auch für eine öffentliche Beteiligung beim Abriss gekämpft. Weil Ministerin Eveline Lemke (Grüne) dazu keine Möglichkeit sieht, gibt es einen Kompromiss: eine mehrstündige öffentliche Infoveranstaltung am 22. September.

    Von unserer Redakteurin Ursula Samary

     

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