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  • Vom Schnitzelkrieg, der keiner ist

    Betzdorf. Muslimen versehentlich Schwein serviert: Eine alte, längst abgearbeitete Geschichte wird derzeit von Boulevard-Medien wieder hochgekocht.

    Große Zeile, nix dahinter…, meinen viele Betzdorfer und ärgern sich über „Bild“.
    Große Zeile, nix dahinter…, meinen viele Betzdorfer und ärgern sich über „Bild“.
    Foto: Screenshot bild.de

    Von unseren Redakteuren Stefan Nitz und Peter Seel

    Betzdorf - Eine Schule in der 12 000 Einwohner zählenden Stadt Betzdorf (Kreis Altenkirchen) ist derzeit beinahe wehrlos der Macht des Boulevards ausgesetzt. Der TV-Sender RTL berichtete am Montag zur besten Sendezeit in „Extra“ elf Minuten lang vor 3,8 Millionen Zuschauern reißerisch von einem Schnitzelkrieg, der in Betzdorf tobt. „Bild“ griff am Mittwoch ausführlich den Fall auf und stellte eine Lehrerin als vermeintliches Opfer der aktuellen Multikulti-Diskussion dar.

    Am Mittwoch sprangen weitere überregionale Medien auf den Zug. Doch dieser war eigentlich schon vor gut sieben Monaten abgefahren. Und viele Betzdorfer ärgern sich nun darüber, dass die kalten Schnitzel in einem anderen Zusammenhang nicht nur aufgewärmt, sondern besonders heiß gebraten werden.

    Was war passiert? Im Februar teilte die Lehrerin Ursula Emde (59) an der Christophorus-Ganztagsgrundschule versehentlich verbotenes Schweinefleisch statt erlaubtes Rind- oder Hühnerfleisch an muslimische Kinder aus. Eltern waren erbost und beschwerten sich. Unsere Zeitung berichtete, ohne das Versehen unnötig aufzubauschen. Damit sich die Wogen glätten konnten, stellte Schulleiter Alexander Waschow nach eigenen Angaben die Lehrerin für zwei Tage frei.

    Weil sie diese Freistellung als Suspendierung empfand, unterrichtete Ursula Emde seitdem nicht mehr an der Schule und meldete sich krank. Sie sagt, ihr sei nahegelegt worden, in besagten zwei Tagen darüber nachzudenken, sich „auf eigenen Wunsch“ an eine andere Schule versetzen zu lassen.

    „Eine Suspendierung hat es nie gegeben“, betont Schulrätin Marie-Luise Hees-Groß, die die Boulevardberichterstattung kritisiert: „Die Situation in Betzdorf hat sich längst wieder beruhigt. Nun wird wieder Unruhe in die Schule getragen.“ Ähnlich klingt Eveline Dziendzol, Pressesprecherin der ADD in Trier: „Der Bericht hat für RTL wohl in die Zeit gepasst.“ Betzdorfs Bürgermeister Bernd Brato ist sauer: „Einen solchen Streit gab und gibt es nicht, die Muslime haben damals besonnen reagiert. Das habe ich RTL auch gesagt. Vielleicht haben die das ja deshalb rausgeschnitten.“ Die betroffene Lehrerin indes findet die derzeitige Boulevard-Berichterstattung in Ordnung.

    Was Betzdorfer Bürger, Schule und Stadt besonders ärgert, ist die nachträgliche Verquickung des Vorfalls mit der aktuellen Multikulti- und Integrations-Debatte. Denn: Im Februar war weder das umstrittene Buch von Ex-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin auf dem Markt noch hatte Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede den Islam als Bestandteil von Deutschland erwähnt.

    Eine Erklärung bietet das Medienwatchblog bildblog.de an, das den Fall auch auf seiner Seite aufgegriffen hat: "Seit in Deutschland (mit tatkräftiger Hilfe von "Bild") eine sogenannte Debatte über die angeblich mangelnde Integration von Ausländern tobt, versucht die Zeitung täglich, den Untergang des Abendlandes herbei zu schreiben."

    Kurzzeitig war das Thema auch auf dem Weg auf die landespolitische Bühne: Wie die Grünen Rheinland-Pfalz in ihrem Blog schreiben, hatte sich die rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner in einer inzwischen gelöschten Erklärung auf der CDU-Seite geäußert. Sie hatte darin kritisiert, ein zensierter Speiseplan in der Kantine leiste der Integration einen Bärendienst. "Selbstverständlich muss es in einer deutschen Schule möglich sein, dass auch Schweinefleisch zur Auswahl steht“, hieß es.

    Die Türkisch Islamische Gemeinde Betzdorf hatte den Vorfall im Frühjahr ganz unaufgeregt kommentiert: "Bei uns ist das kein Thema." Der Vorsitzende Ömer Köse hatte unserer Zeitung erklärt: "Wegen einer solch kleinen Sache lassen wir uns die Freundschaft mit den Deutschen nicht kaputt machen.“ Er hatte damals befürchtet, dass bestimmte Leute eine Chance in dem „kleinen Fehler“ sehen, um die Freundschaft zwischen Türken und Deutschen kaputt zu machen. „Diese Chance werden wir ihnen nicht geben. Egal, ob es Leute auf türkischer oder deutscher Seite sind.“

     

    Der RTL-Beitrag: "Wie muslimisch ist Deutschland?"

    Der Bild.de-Artikel: "Deutsche Lehrerin von Moslems weggemobbt!"

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