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    Rheinland-Pfalz. Mehr als jeder zweite Patient im Land kommt bei einem Schlaganfall zu spät in die Klinik. Eine Operation ist spätestens nach viereinhalb Stunden nötig sonst droht eine Behinderung.

    Schlaganfall: Eine schnelle Reaktion kann Leben retten
    Schlaganfall: Eine schnelle Reaktion kann Leben retten

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

    Es gibt Patienten, berichtet Dr. Dieter Pöhlau, die gehen mit einem leicht tauben Arm ins Bett und wachen am nächsten Morgen mit einer halbseitigen Lähmung wieder auf. Pöhlau, Chefarzt der neurologischen Abteilung an der Kamillus-Klinik in Asbach (Kreis Neuwied), kann dann meist nicht mehr viel tun. Er kann die Folgen des Schlaganfalls lindern, für den Patienten erträglich machen. Doch die Lähmung wird größtenteils bleiben. Der Mediziner weiß: Der Schlaganfall gehört zu den am meisten unterschätztesten Erkrankungen. "Das Problem ist, dass er meist nicht wehtut. Viele haben noch nicht einmal Kopfschmerzen."

    Genau das macht den Schlaganfall so tückisch, denn jede Minute zählt. Viereinhalb Stunden umfasst mittlerweile das Zeitfenster, das Neurologen wie PD Martin Eicke, Chefarzt am Klinikum in Idar-Oberstein, haben, um die Schädigungen am Gehirngewebe möglichst gering zu halten. Ein Drittel der Schlaganfallpatienten sterben innerhalb von sechs Monaten nach dem Hirninfarkt, ein weiteres Drittel bleibt behindert, aber ein Drittel übersteht die Erkrankung ohne schwerere Folgen.

    Durchblutungsstörungen sind für 80 Prozent der Schlaganfälle verantwortlich. In den übrigen Fällen kommt es zu einer Blutung im Hirn, ausgelöst etwa durch zu hohen Blutdruck. Wird das Blutgerinnsel im Hirn des Patienten spätestens viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall aufgelöst beziehungsweise die Blutung im Hirn gestoppt, dann ist die Chance, alles unbeschadet zu überleben, 40 Prozent höher, als wenn keine Therapie stattfindet. Ideal ist jedoch eine Behandlung schon in den ersten 60 bis 90 Minuten nach dem Schlaganfall. Dann, haben Studien ergeben, steigen die Chancen für Patienten gegenüber jenen, die erst nach viereinhalb Stunden behandelt werden, um weit mehr als 50 Prozent, sagt Prof. Dr. Johannes Wöhrle, Chefarzt am Brüderhaus in Koblenz.

    28 Stroke Units im Land

    Wer jedoch in die Statistik der rheinland-pfälzischen Krankenhäuser schaut, der kommt zu einer nüchternen Erkenntnis: Nur knapp 8 Prozent der Patienten wurden 2013 eine Stunde nach ihrem Schlaganfall in einem Krankenhaus aufgenommen. Laut der von der Techniker Krankenkasse herausgegebenen Statistik kam nur knapp jeder vierte Schlaganfallpatient innerhalb von zwei Stunden in eine Klinik. In einem Zeitfenster von vier Stunden waren es immerhin schon 44 Prozent, unterhalb von sechs Stunden 53 Prozent. Es ist also davon auszugehen, dass die Mehrheit der Schlaganfallpatienten in Rheinland-Pfalz zu spät behandelt werden.

    Immerhin kommen laut der Statistik 77 Prozent der Patienten gleich in einer Stroke Unit. Im Land gibt es insgesamt 28 solcher speziell ausgerüsteten Schlaganfalleinheiten, 6 überregionale oder zentrale, zu denen die in Idar-Oberstein und Koblenz zählen, sowie 22 regionale oder dezentrale, zu denen die in Asbach gehört. Ob zentral oder dezentral, das entscheidet sich nach der Breite der beteiligten Disziplinen. "Solch eine Stroke Unit besteht aus einem eingespielten Team", sagt Dr. Eicke. "Wir haben neun Betten, wo alle Patienten ständig überwacht werden." Neben einem großen Ärzteteam - Radiologen, Neurologen und Internisten - gehören zu jeder Einheit auch Spezialisten für die spätere Rehabilitation wie Ergotherapeuten oder Logopäden.

    Längst sind die Stroke Units im Land, die 24 Stunden einsatzbereit sind, auch besser mit dem Rettungsdienst verzahnt. Es gibt laut Prof. Wöhrle regelmäßige gemeinsame Schulungen. Und gerade wird die Checkliste für den Rettungsdienst überarbeitet, in der es um die Abläufe und Symptome bei Schlaganfallpatienten geht. Wöhrle ist aber besorgt über die sich verschärfende Lage bei der Notarztversorgung im Flächenland Rheinland-Pfalz - gerade mit Blick auf Schlaganfallpatienten. Allerdings werde der Notarzt nur gebraucht, wenn der Schlaganfall Auswirkungen auf Herz und Kreislauf hat. Ansonsten könne jeder Rettungsassistent Patienten ausreichend versorgen.

    Hirninfarkt rechtzeitig erkennen

    Aus Sicht der drei Schlaganfallspezialisten hängt daher viel davon ab, ob Patienten und ihre Angehörigen die Symptome eines Hirninfarkts richtig erkennen (siehe Kasten) und dann auch schnell Hilfe holen. Typische Symptome sind: plötzlich auftretende halbseitige Lähmungen der Arme und/oder Beine und/oder einer Gesichtshälfte, Sprach- und/oder Sehstörungen, Schwindel, Übelkeit und Bewusstlosigkeit.

    Betroffene sollten keine falsche Scham zeigen: "Mir ist jeder Fehlalarm lieber als ein zu spät erkannter Schlaganfall", sagt Eicke. Er empfiehlt, an allen Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig teilzunehmen. "Jeder, der zwischen 50 und 60 Jahre alt ist, sollte seine Risikofaktoren kennen." Denn zwar komme der Schlaganfall wie ein Blitz - plötzlich und unerwartet. Doch genauso wie sich der Blitz durch ein Donnern ankündigt, tut dies der Schlaganfall - durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck und schlechte Blutzucker- und Cholesterinwerte.

    Auch ein unregelmäßiger Puls kann ein Alarmsignal sein. Denn jeder vierte Schlaganfall lässt sich laut Eicke auf ein Vorhofflimmern zurückführen. In 60 Prozent der Fälle ist allerdings eine Arteriosklerose, also eine Arterienverkalkung, schuld. Der Klumpen in einem Blutgefäß reißt sich los und gelangt ins Gehirn, wo er einen Infarkt auslöst - diese Region wird nur noch wenig oder gar nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, stirbt also langsam ab. Kommen die Patienten jedoch rechtzeitig in die Klinik, kann das verstopfte Gehirnareal häufig schnell befreit werden. Dies geschieht laut Prof. Wöhrle in den meisten Fällen entweder mit einer Thrombolyse - dabei wird der Blutpfropf wie nach einem Herzinfarkt mit einer Enzymmischung aufgelöst - oder durch ein mechanisches Verfahren, wobei in das Gefäß ein winziges Körbchen eingeführt wird, das dort entfaltet wird, um den Pfropf dann zu entfernen. Das Ganze funktioniert wie ein mechanischer Pfeifenputzer, sagt Wöhrle.

    Nach dem Eingriff ist die Nachsorge laut Dr. Pöhlau sehr wichtig. "Durch die OP haben wir zwar die unmittelbaren Schlaganfallfolgen beseitigt. Aber wir haben nicht das Problem gelöst. Gefäßpatienten haben ein großes Risiko, dass der Schlaganfall zurückkehrt." Unter die Lupe kommt besonders das Herz, das mit einem Langzeit-EKG oder einem Event-Rekorder untersucht wird, also einem Mini-EKG, das in die Haut über dem Brustkorb eingesetzt wird. Einige Patienten schickt Pöhlau auch ins Schlaflabor, da Atemaussetzer in der Nacht zu Herzrhythmusstörungen führen können, wodurch die Sauerstoffsättigung im Blut rasant abfällt.

    Weil Pöhlau weiß, dass er darauf angewiesen ist, dass Patienten rechtzeitig zu ihm kommen, ermutigt er Betroffene, selbst bei vorübergehenden Lähmungen, die nach kurze Zeit wieder verschwinden, alarmiert zu sein. Dabei kann es sich nämlich um eine transitorische ischämische Attacke handeln. Bei diesen Patienten wird das kurzzeitig verstopfte Gefäß durch den Blutfluss wieder freigespült. Doch Pöhlau warnt: "Diese Patienten haben ein großes Risiko, erneut einen Schlaganfall zu bekommen."

    Weitere Informationen:

    Schlaganfall: Das sind die Symptom, so reagieren Sie richtig: Zum Video der Techniker Krankenkasse.

    Seite der rheinland-pfälzischen Kampagne im Kampf gegen den Schlaganfall: rlp-schlaganfall.de

    Seite mit Adressen von Ärzten und Tipps für Betroffene: Deutsche Schlaganfall-Hilfe

     

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