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    Rheinland-PfalzRZ-INTERVIEW: Vertretungslehrer arbeiten in prekären Verhältnissen

    Seit 30 Jahren befasst sich der Fachjournalist Jörg Rehmann mit den Themen Kultur und Bildung. Nach einer medizinischen Ausbildung studierte er Musikpädagogik, arbeitete als Dozent sowie Musiker und Autor. Während dieser Zeit lernte er viele Quereinsteiger kennen, die als Vertretungslehrer an rheinland-pfälzischen Schulen arbeiteten.

    Hat an rheinland-pfälzischen Schulen ein Zweiklassensystem bei den Lehrern beobachtet: Pädagoge Jörg Rehmann.
    Hat an rheinland-pfälzischen Schulen ein Zweiklassensystem bei den Lehrern beobachtet: Pädagoge Jörg Rehmann.

    Rheinland-Pfalz. Seit 30 Jahren befasst sich der Fachjournalist Jörg Rehmann mit den Themen Kultur und Bildung. Nach einer medizinischen Ausbildung studierte er Musikpädagogik, arbeitete als Dozent sowie Musiker und Autor.

    Während dieser Zeit lernte er viele Quereinsteiger kennen, die als Vertretungslehrer an rheinland-pfälzischen Schulen arbeiteten. Vor einigen Jahren wurde auch der heute 54-Jährige einer von ihnen. Für die Stelle als Musiklehrer an einer Realschule plus gab er einen gut bezahlten Job auf. Er tat es für zwei erfüllte Jahre, in denen er wöchentlich mit 600 Real- und Hauptschülern zusammenarbeitete. Der Quereinsteiger wurde sogar zum Fachleiter Musik gewählt. Doch dann folgte das jähe Ende: Sein Vertrag wurde nicht mehr verlängert – ohne Begründung. Eine Abiturientin hat mittlerweile seinen Job übernommen.

     

    Im Interview berichtet er von seinen und den Erfahrungen anderer Quereinsteiger als Vertretungslehrer in Rheinland-Pfalz. Sein Fazit: In den Schulen gibt es ein Zweiklassen-System – mit fatalen Folgen für die Schüler.

     

    Welche Erfahrungen haben Sie mit dem rheinland-pfälzischen Bildungssystem gemacht?

     

    Je näher man dort hinkommt, wo die Arbeit geleistet wird, umso besser ist das Bildungssystem. Das Problem ist, dass die Anforderungen an die Schulen sehr stark gestiegen sind, es aber an Geld fehlt, um diese umzusetzen. Das soziale Gefälle in der Gesellschaft und die Anforderungen an junge Menschen im Beruf fordern heute einfach mehr Aufwand. Das Bildungssystem im Land ist sehr zentral organisiert. Die Schulen haben kaum Möglichkeiten, eigenständig entscheiden zu können.

     

    Was bedeutet das konkret?

     

    Die Schulen hängen am Gängelband der Politik. Sie müssen mehr Entscheidungsfreiheit bekommen, damit sie den Bedürfnissen vor Ort gerecht werden können. Das gilt auch für die Personalauswahl. Die soziale Struktur der einzelnen Schulen ist sehr unterschiedlich. Schon innerhalb weniger Kilometer gibt es oft ganz andere Strukturen. Die Schulen können selbst am besten entscheiden, was gut für sie ist und auf welche Art und Weise sie darauf reagieren sollten.

     

    Sie kennen viele Quereinsteiger. Von welchen Erfahrungen an rheinland-pfälzischen Schulen berichten Ihnen diese Menschen?

     

    Vom Hoffen auf vernünftige Anstellungsbedingungen – und von Enttäuschungen. Wir haben zwei Personalblöcke an staatlichen Schulen. Die einen sind die verbeamteten Lehrer. Wenn sie erst einmal verbeamtet sind, haben sie einen sicheren Stand. Der andere Block sind die Vertreter, die jeder Betrieb braucht, um Schwankungen im Personal auszugleichen. Es gibt nicht wenige Leute, die oft über 10 bis 15 Jahre nur Vertretungsdienste in ein und derselben Funktion machen. Da kann man schon die Frage stellen, ob da überhaupt noch jemand vertreten wird – oder ob den Betroffenen ein kontinuierliches Arbeitsverhältnis rechtswidrig vorenthalten wird. Hier wildert der staatliche Bildungsbetrieb in den Jagdgründen anderer Fachberufe und verschleißt diese Kräfte.

     

    Sind das zwei Klassen von Lehrern?

     

    Ja. Ganz entschieden. Allerdings möchte ich betonen, dass die Kollegen in den Schulen mit dieser nicht ganz einfachen Situation sehr souverän umgehen. Ich selbst habe mich nicht zurückgesetzt gefühlt. Im Gegenteil: Die Schulen und die Kollegen waren sehr dankbar für jede Hilfe, die sie bekamen. Aber wenn man Vertretungslehrer als voll ausgebildete und studierte Kräfte in einem prekären Arbeitsverhältnis verkümmern lässt, dann ist das mangelnde Wertschätzung und keine dauerhafte Basis für einen qualitativ hochwertigen Unterricht. Unter diesen Bedingungen will keiner lang arbeiten.

     

    Ist das angesichts des Lehrermangels nicht riskant?

     

    Ja. Auf der anderen Seite befindet sich die Bildungspolitik in dem Dilemma, dass sie den Qualitätsstandard halten möchte, aber mit schwierigen sozialen Verhältnissen klarkommen muss. Die Politik und die Verwaltung hinken diesem Problem um viele Jahre hinterher. In Nordrhein-Westfalen ist man einen anderen Weg gegangen: Dort hat man die Entscheidung über die Einstellung von Lehrern weitgehend in die Hände der Schulen gelegt. Zwar werden auch in NRW vorrangig Lehramtsanwärter eingestellt. Aber wenn diese nicht zur Verfügung stehen und es qualifizierte Alternativen gibt, dann sind die Bedingungen dort günstiger.

     

    Also eine Festanstellung statt zeitlich befristeter Verträge?

     

    Ja. Nicht ohne Grund fliehen die Lehrkräfte aus Rheinland-Pfalz zu Hunderten in benachbarte Bundesländer. Mein Eindruck ist, dass in Rheinland-Pfalz der Vertretungsbedarf sträflich ausgenutzt wird, um die eigentlich nötigen, dauerhaften Einstellungen zu umgehen. Das Land drückt sich hier um seine soziale Verantwortung. Die betroffenen Lehrer erhoffen sich eine feste Bleibe unter dem Dach des Öffentlichen Dienstes. Die Schulen fördern diese Hoffnung angesichts der Besetzungsnöte noch. Die eingebrachte Erfahrung ist willkommen, aber man will dafür nichts geben.

     

    Ist das überhaupt noch rechtens?

     

    Das Bundesarbeitsgericht hat einen solchen Fall wegen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof weitergeleitet. Außerdem ist zu bedenken, dass viele Vertretungslehrer nur während der Unterrichtszeit beschäftigt und in den Ferien entlassen werden. Das führt dazu, dass die Bürger über ihre Arbeitslosenversicherung die Entschuldung des öffentlichen Dienstes mitfinanzieren. Wo Werte und Anstellungsmoral so heruntergekommen sind, sind nur wenige bereit, ein Lehramtsstudium zu wählen. Die mäßigen Studienzahlen, der Lehrermangel und das schlechte Ansehen in der Gesellschaft sind Beleg dafür.

     

    Welche Qualitäten bringen Sie als Quereinsteiger in die Schulen ein?

     

    In fast allen Fächern wird heute ein Berufsbezug gefordert. Deshalb betrachten die Schulen Lehrkräfte aus der freien Wirtschaft als große Bereicherung. Diese Leute wissen nicht nur, wie es geht – sie haben es auch selbst gemacht. Wenn jemand von außen an eine Schule kommt, stehen ihm die Schüler oft unbefangener gegenüber. Quereinsteiger repräsentieren aus Sicht der Schüler nicht so sehr die staatliche Bildungsmaschine, sondern Lernpartner, die aus dem richtigen Leben kommen. Ich stelle als Lehrer nicht so sehr meine Autorität in den Vordergrund, sondern mehr den Spaß an der Sache. Das fällt mir als Musiklehrer natürlich leichter als in den „harten“ Fächern.

     

    Was sind die Folgen der Zweiklassen-Schule für die Schüler?

     

    Kinder und Jugendliche reagieren darauf häufig mit unbewusster Verunsicherung. Wir leben ihnen eine Erwachsenenwelt vor, in der es nur Gewinner und Verlierer gibt. Dazwischen ist der Abgrund. In Rheinland-Pfalz bekamen kürzlich zahlreiche Vertretungslehrer ihren Vertrag spontan nicht verlängert. Von heute auf morgen, mitten im Schuljahr fällt plötzlich der Unterricht mitsamt dem Lehrer weg, teilweise ohne dass der sich wenigstens noch bei seinen Schülern verabschieden kann. Aus dieser hausgemachten Not wird der Unterricht manchmal durch eine ungelernte Abiturientin „ersetzt“, die ja auch nicht kostenlos arbeitet. Da müssen die Schüler doch denken: Das staatliche Bildungssystem geht auf Grundeis. Im Bildungssystem ist es mittlerweile wie in einem Lebensmittelladen: Es gibt immer blumigere Verpackungen mit immer mehr Qualitätssiegeln und Versprechungen. Aber in den Verpackungen ist immer weniger Schule drin. Die Ursache liegt nicht bei denjenigen, die Bildung gelernt haben und Bildung machen können. Sie liegt dort, wo diese Bildung mit den Fachkräften und dem zur Verfügung stehenden Personal in die Verpackung eingetütet und an den „Kunden“ gebracht wird. Da Bildung aber unsere Zukunft ist, kann das nicht gutgehen.

     

    Das Gespräch führte Christian Kunst

    Experte: Zwei Klassen von Lehrern an rheinland-pfälzischen Schulen
    Rheinland-Pfalz
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