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  • Misshandlungs-Vorwürfe in Kindertagesstätte: Antweiler wartet seit Jahren auf Aufklärung

    Rheinland-Pfalz. Der Personalmangel bei der Justiz treibt jetzt auch Eltern aus dem Eifelörtchen Antweiler auf die Straße: Sie wollen am Freitag, 2. Dezember, vor dem Landgericht Koblenz demonstrieren, damit ein Prozess gegen vier ehemalige Erzieherinnen in der Kindertagesstätte "Regenbogen" endlich beginnt.

    In der Kita von Antweiler, die Kinder aus sechs Orten besuchen, ist ein neues Team tätig, wie Ortsbürgermeister Peter Richrath sagt. Trotzdem hätten einige Kinder nicht mehr in die Einrichtung zurückkehren wollen. Sie besuchen auch gebührenpflichtige Kitas im Nachbarland NRW. Archiv-Bild: Ditscher
    In der Kita von Antweiler, die Kinder aus sechs Orten besuchen, ist ein neues Team tätig, wie Ortsbürgermeister Peter Richrath sagt. Trotzdem hätten einige Kinder nicht mehr in die Einrichtung zurückkehren wollen. Sie besuchen auch gebührenpflichtige Kitas im Nachbarland NRW. Archiv-Bild: Ditscher

    Die Frauen sollen zwischen Februar 2012 und November 2013 Kinder misshandelt oder dabei nicht eingegriffen haben.

    Nach der Anklage der Staatsanwaltschaft Koblenz vom Dezember 2015 wurden Kinder in zu kleine Hochstühle gequetscht, an einen Stuhl gefesselt, in abgedunkelte Räume gesperrt und auch geschlagen. Wann der Prozess endlich beginnen kann, ist für Gerichtssprecherin Susanne Dreyer-Mälzer aber noch nicht absehbar.

    Eine der Initiatorinnen der Demo ist die Lehrerin und betroffene Mutter Irina Enting. Zwei ihrer Kinder, die heute fünf und zehn Jahre alt sind, wurden nach ihrer Schilderung von den Erzieherinnen offenbar auch traktiert. Während die Kleine, damals noch keine zwei Jahre alt, alles vergessen habe, belasten die Erinnerungen die ältere Tochter noch immer. "Da sind Kratzer auf der Seele." Mit einem im Dorf verteilten Flugblatt haben Eltern zu der Demo in Koblenz in sachlichem Ton aufgerufen - "wir, die Familien der mutmaßlich misshandelten Kinder aus der Kita Antweiler, die seit nun drei Jahren auf Prozessbeginn" warten.

    Wie Enting im Gespräch mit unserer Zeitung sagt, verstehen sie den Protest nicht als Kritik am zuständigen Vorsitzenden Richter. "Der tut sicher alles, was er kann." Die Kritik zielt auf den Richtermangel und damit eher auf die Landesregierung, wie auch Ortsbürgermeister Peter Richrath sagt. Im Flugblatt heißt es dazu: "Wir halten es für untragbar, dass die Justiz durch die offensichtlich viel zu dünne Personaldecke solche Fälle nicht in angemessener Zeit bearbeiten kann. Will man Kinder vor Gewalt schützen, bedarf es schneller und klarer Verhandlungen", um auch Signale an andere Gewaltbereite zu setzen. "Wenn man Kinder schützen will", darf man an Polizei und Justiz nicht sparen, verkündet der Handzettel. Enting versteht daher ihren Protest eher als Rückendeckung für die Justiz, aber auch jene, die - wie Mitarbeiterinnen der Kita Antweiler - Übergriffe melden. Sie rechnet in dem etwa 600 Einwohnerort nicht damit, dass aus der Eifel viele Menschen vors Landgericht Koblenz ziehen. Aber wichtiger ist ihr das Zeichen, das sie setzen will. In dem Fall der Kita Antweiler gibt es viele Gründe für die schleppende Aufklärung. Auch deshalb liegen Nerven blank. Erste Hinweise auf Misshandlung gaben zwei Mitarbeiterinnen - so die Anklage - der Verbandsgemeinde Adenau im August 2013. Erst Ende November wurde Strafanzeige erstattet und die Polizei eingeschaltet. Wie Enting sagt, hat ein erfahrener Beamter alle Aussagen der Kinder auf Band aufgenommen. Die meisten von ihnen dürften sich heute nur noch schwer erinnern können oder auch wollen. Enting will es ihrer zehnjährigen Tochter freistellen, ob sie reden will, falls ihre Aussage gebraucht werde. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauerten zwei Jahre. Die Anklage liegt dem Landgericht seit 7. Dezember 2015 vor - einer Kammer, die wegen des Aktenstaus erst im Oktober 2015 geschaffen wurde. Trotzdem: "Sie hat mehr Arbeit, als sie schaffen kann", erklärt Gerichtssprecherin Dreyer-Mälzer. Da ständig neue Verfahren gegen Angeklagte in U-Haft eintreffen, muss Antweiler weiter warten - weder ist die Anklage zugelassen, noch ist abzusehen, wann die Verhandlung beginnt. Wird aber U-Häftlingen nicht rechtzeitig der Prozess gemacht, müssen sie - wie vor einem Jahr im Fall von zwei Drogendealern in Koblenz passiert - freigelassen werden. Deshalb werden diese Fälle mit Vorrang abgearbeitet.

    Aber den Eltern ist wichtig, "endlich einen Schlussstrich ziehen zu können", sagt Ortsbürgermeister Richrath. Es liegt ihm auch am Herzen, dass im Dorf, das eine gespaltene Stimmung erlebt, wieder Ruhe einkehrt. Wenn es um Kindeswohl gehe, müsse schneller verhandelt werden und das Land dafür mehr Richter einstellen.

    Das fordert auch der Richterbund: Denn derzeit fehlen landesweit 74 Richter, 23 Staatsanwälte und 150 Rechtspfleger. Juristen verwundert es nicht, dass Bürgern der Kragen platzt. Denn nicht nur bei den Strafkammern stapeln sich die Akten immer höher. Auch Zivilprozesse - vor allem bei Bausachen - ziehen sich über Jahre hin.

    Von unserer Chefreporterin Ursula Samary

    Nach Misshandlungsvorwürfen in Kindertagesstätte: Mütter fordern mehr Richter vom LandMissbrauchsvorwürfe: Koblenzer Staatsanwaltschaft klagt vier Ex-Erzieherinnen der Kita Antweiler anKommentar: Eine Bekanntmachung zur Unzeit Staatsanwaltschaft erhebt Anklage: Erzieherinnen in Kita in Antweiler sollen Kinder misshandelt haben Kitaskandal in Antweiler: Warten auf die Staatsanwaltschaftweitere Links
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