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  • Mainzer Arzt: Die Situation in Idomeni ist katastrophal

    Mainz/Idomeni. Alle Welt spricht über die schlimme Lage in Idomeni, er ist hingefahren und hat geholfen: Der Mainzer Arzt Prof. Gerhard Trabert hat in dem improvisierten Flüchtlingscamp sechs Tage lang Flüchtlinge behandelt. "Die größte Angst der Menschen ist es, wieder in die Türkei abgeschoben zu werden", sagt er im Interview. Man müsse ihr Vertrauen zurückgewinnen, um sie dazu zu bewegen, in andere griechische Lager umzuziehen.

    Flüchtlinge in Zelten, Eisenbahnwaggons und im Freien. Die Lage in Idomeni ist katastrophal, sagt der Mainzer Arzt Prof. Gerhard Trabert.
    Flüchtlinge in Zelten, Eisenbahnwaggons und im Freien. Die Lage in Idomeni ist katastrophal, sagt der Mainzer Arzt Prof. Gerhard Trabert.
    Foto: dpa

    Wie ist die Lage in Idomeni, wie geht es den Menschen?

    Die Situation ist katastrophal. Dass in der Mitte Europas Menschen unter freiem Himmel, in Zelten oder Eisenbahnwaggons leben, das ist unvorstellbar. Wenn es regnet, besteht der Boden aus Schlamm. Es ist sehr kalt, deshalb wird Feuer gemacht. Weil es oft nichts anderes gibt, wird Plastik verbrannt, was beißenden Gestank im Camp verursacht. Die Lebensbedingungen führen dazu, dass viele Menschen erkranken, auch viele Kinder und einige schwangere Frauen.

    Haben die Menschen noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft?

    Die größte Angst der Menschen ist es, wieder in die Türkei abgeschoben zu werden. Das ist auch mit ein Grund, warum sie dort bleiben und nicht in die Busse einsteigen, die sie in andere Lager in Griechenland bringen sollen. Viele haben mir erzählt, dass es schlimm gewesen sei, wie sie in der Türkei insbesondere von der Polizei behandelt wurden.

    Sie kennen die Situation in der Türkei. Können Sie die Ängste nachvollziehen?

    Die Vorstellung unserer Politik über die Lage dort ist naiv. Erdogan ist kein Demokrat, er steckt die Opposition ins Gefängnis, er inhaftiert kritische Professoren, er unterdrückt freien Journalismus. Glaubt man wirklichs, dass so ein Regime eine menschenwürdige Versorgung von Flüchtlingen aufbaut? Viele müssen sich dort selbst ums Überleben kümmern. Egibt viele Straßenkinder, die den ganzen Tag für ein bisschen Geld Plastikmüll sammeln. Man darf nicht vergessen, dass in der Türkei schon mehr als 2,5 Millionen Flüchtlinge leben. Das Land muss also unterstützt werden, aber unter internationaler Beobachtung.

    In Idomeni sollen sich einige Hilfsorganisationen zumindest zeitweise zurückgezogen haben. Wie haben Sie das erlebt?

    Als wir ankamen, hatten sich das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und Ärzte ohne Grenzen gerade für zwei Tage aus dem Camp verabschiedet. Als Gründe wurden die Hungerstreiks einiger Flüchtlinge, die Besetzung der Bahngleise und zunehmende Gewalt genannt. Das hat eine große Lücke hinterlassen. Als wir mit unserer medizinischen Hilfe angefangen haben, hatten wir sofort 150 bis 200 Patienten am Tag. Ich habe die Entscheidung der Organisationen nicht ganz nachvollziehen können, auch wenn ich nur einige Tage dort war und vielleicht nicht das ganze Bild kenne. Wir selbst haben nie Aggressivität uns gegenüber gespürt. Jeder Patient hat sich bedankt, das war fast schon beschämend für das Wenige, was wir machen konnten.

    Gerhard Trabert (59) ist Arzt und Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Er ist Vorsitzender des Mainzer Vereins Armut und Gesundheit und behandelt seit vielen Jahren ehrenamtlich Wohnungslose in Mainz. Er engagiert sich auch für Flüchtlinge und hält Sprechstunden in Unterkünften ab. Vergangenes Jahr war er als medizinischer Leiter mit der privaten Seenotrettungsaktion „Sea-Watch“ im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge zu retten. Erst vor Kurzem war er in der Türkei an der syrischen Grenze in Kilis.
    Gerhard Trabert (59) ist Arzt und Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Er ist Vorsitzender des Mainzer Vereins Armut und Gesundheit und behandelt seit vielen Jahren ehrenamtlich Wohnungslose in Mainz. Er engagiert sich auch für Flüchtlinge und hält Sprechstunden in Unterkünften ab. Vergangenes Jahr war er als medizinischer Leiter mit der privaten Seenotrettungsaktion „Sea-Watch“ im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge zu retten. Erst vor Kurzem war er in der Türkei an der syrischen Grenze in Kilis.
    Foto: dpa

    Aber es gibt dort schon noch genügend Helfer, die sich engagieren?

    Ja, es sind viele Nichtregierungsorganisationen dort, und es gibt viele private Initiativen, Menschen, die zum Beispiel einfach Tee und Lebensmittel verteilen. Es ist ohnehin auffällig, dass es in allen Ländern, in denen ich war, um Flüchtlinge medizinisch zu versorgen, viele Privatleute gibt, die sich engagieren - in Italien, in der Türkei, im Libanon oder eben in Griechenland, obwohl dort viele Bürger selbst unter Armut leiden. Davor habe ich große Hochachtung. Gerade auch weil dies eine gelebte Willkommenskultur ist, in der Rassismus keinen Platz hat. Die Bürger sind sensibler als die politischen Entscheidungsträger der Länder.

    Es gibt jedoch auch Vorwürfe, dass Aktivisten in Idomeni Gerüchte streuen, um aufzuwiegeln. Weiß man, wer dahintersteckt?

    Ich habe selbst immer wieder von Gerüchten gehört. Zum Beispiel, dass Busse kommen und syrische Flüchtlinge direkt nach Deutschland bringen. Wer diese Gerüchte mit welcher Absicht streut, das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber das ist natürlich fatal, die Menschen haben ohnehin schon Angst und verstehen nicht, warum die Grenze zu ist.

    Haben Sie etwas von Konflikten im Camp mitbekommen?

    Ja, es gibt diese Konflikte. Im Camp haben sich Hierarchien herausgebildet. Das hat zum einen etwas damit zu tun, dass einige Geld haben und sich ein Zelt oder ein Billighotel leisten können und nicht wie andere im Freien schlafen müssen. Aber es hat oft auch etwas mit der Nationalität zu tun. Den Menschen ist klar, dass Syrer es in aller Regel irgendwie weiterschaffen. Im Camp gibt es aber auch viele Iraker, Afghanen und Pakistani. Sie wissen, dass sie nicht so große Chancen haben, leben zum Teil am Rand des Camps und sind oft in einem noch schlechteren Gesundheitszustand. Als ich dort einmal einen Patienten behandeln wollte, ist unser syrischer Dolmetscher, der selbst ein Flüchtling ist, dort nicht mit hingekommen. Er hatte Angst, dass ihm sein Pass gestohlen wird.

    Griechenland versucht, die Menschen in Idomeni dazu zu bewegen, in andere Lager umzuziehen. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das gelingt?

    Das Problem ist das inzwischen große Misstrauen und die Angst der Menschen. Man muss ihr Vertrauen zurückgewinnen, damit sie in andere Unterkünfte in Griechenland gehen. Und wenn sie dort registriert sind, sollten sie innerhalb Europas weiterziehen dürfen. Ein Stück Vertrauen kann man vielleicht wiederherstellen, indem man die Versorgung verbessert. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass unsere Politik der Abschottung mitverantwortlich für das Leid der Menschen dort ist.

    Das Gespräch führte Johannes Bebermeier

    Flüchtlingskrise in Griechenland - Brennpunkte und Probleme Türkei-Pakt schafft explosive Stimmung unter Flüchtlingen: Bloß nicht zurück!
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