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  • Kinder monatelang von Eltern getrennt: Fatales Gutachten riss Familie auseinander

    Mainz/Koblenz. Ein Drama um ein falsches Gutachten und eine angebliche Kindesmisshandlung wird vor dem Oberlandesgericht (OLG) Koblenz am Freitag neu aufgerollt: Eine renommierte Mainzer Rechtsmedizinerin wehrt sich gegen ein Urteil des Mainzer Landgerichts. Danach muss sie Schmerzensgeld zahlen, weil aufgrund ihres Gutachtens zwei kleine Jungen monatelang aus ihrer Familie gerissen wurden.

    Die Familie war monatelang voneinander getrennt.
    Die Familie war monatelang voneinander getrennt.
    Foto: privat

    Die Medizinerin hat, so die Richter, bei ihrer auf reiner Ferndiagnose basierenden Expertise grob fahrlässig gehandelt. Dafür müsse sie persönlich haften.

    Die Akten beschreiben einen schier unbeschreiblichen Albtraum einer Familie aus einem kleinen Ort in der Pfalz, der am 29. Mai 2013 begann: Da stand das Jugendamt mit Polizei und Gerichtsvollzieher vor der Tür. Für sie herrschte "Gefahr im Verzug". Wegen des dringenden Verdachts auf Kindesmisshandlung müssen die Eltern Kevin und Stefanie D. ihre beiden damals 7 und 18 Monate alten Söhne den Beamten aushändigen, die sie in Pflegefamilien brachten.

    Erbkrankheit, keine Misshandlung

    Das Jugendamt war damals von dem Gutachten der Mainzer Rechtsmedizinerin alarmiert, wonach die bei einem Kind festgestellten Symptome sehr wahrscheinlich nur mit einem oder mehreren Schütteltraumata zu erklären seien. Nur: Spätere Gutachten kamen zum Ergebnis, dass die Kinder unter einer Erbkrankheit leiden - unter einem benignen Hydrocephalus (sogenannter Wasserkopf). Deshalb können schon bei geringsten Erschütterungen Blutgerinnsel entstehen.

    Sieben Monate waren die Kinder von den Eltern getrennt. Ein Sohn wurde nach dem Verdacht der Eltern bei Pflegeeltern sogar misshandelt. Der heute vierjährige Junge ist bis heute in Traumatherapie, wie der Vater unserer Zeitung sagt. Er wirft der Medizinerin Fehler vor, weil sie rein nach Aktenlage die Blutergüsse im Gehirn bewertet, die Kinder "nie gesehen" und sich nicht mit der Vordiagnose eines Hydrocephalus auseinandergesetzt habe. Die Rechtsmedizinerin erklärte 2014 unserer Zeitung, sie habe den konkreten Auftrag des Jugendamts gar nicht überschreiten und weitere Untersuchungen veranlassen dürfen.

    Der erste falsche Verdacht war bei einer Kontrolluntersuchung nach einem Unfall im Uniklinikum Mannheim aufgetaucht, als eine Ärztin den Eltern wegen des Streits mit dem Unfallgegner angeboten hatte, die bekannte Gutachterin einzuschalten. Das Mainzer Landgericht kam aber im Juni 2014 zum Schluss, dass die bundesweit anerkannte Expertin in diesem Fall keineswegs den wissenschaftlichem Standard erfüllte. Tief betroffen macht Vater Kevin D. zudem, dass sich die Medizinerin für das von ihrem Gutachten ausgelöste Leid bei der Familie "bis heute nicht entschuldigt hat".

    Medizinerin wehrt sich vor OLG

    Das Landgericht hielt grundsätzlich ein Schmerzensgeld für gerechtfertigt. Für die Berechnung seien aber noch weitere Gutachten notwendig. Jetzt will die Rechtsmedizinerin vor dem OLG Koblenz ein Urteil erstreiten, wonach sie weder vorsätzlich noch fahrlässig zu einer Fehleinschätzung gekommen ist und daher für etwaige Fehler auch nicht haften muss. Die Frau kämpft dabei ums Geld wie ihren bundesweiten Ruf. Die gegen auch die Uniklinik Mainz gerichtete Klage hatte das Landgericht abgewiesen, mangels eigener Beauftragung habe sie für Fehler der Rechtsmedizinerin nicht einzustehen. Die Eltern haben 80.000 Euro Schmerzensgeld gefordert. Diese Summe orientiert sich an einem Urteil des Landgerichts München.

    Die Staatsanwaltschaft Mainz stellte ihre strafrechtliche Prüfung gegen die Rechtsmedizinerin im Juli 2014 ein. Sie reichte von Kindesentziehung bis fahrlässiger Körperverletzung. Aber ein Vorsatz war bei keinem Aspekt zu belegen, wie es auf Anfrage heißt. Sollten sich im Zivilprozess aber neue Fakten ergeben, würden die auch strafrechtlich abgeklopft.

    Von unserer Chefreporterin Ursula Samary

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    Hartmut Wagner

    Prozesse in Koblenz: Hartmut Wagner berichtet aus dem Gerichtssaal. Er freut sich über Anregungen, Tipps oder Kritik per Mail.