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  • Eveline Lemke im Porträt: Wirtschaftsministerin wird einfache Abgeordnete

    Rheinland-Pfalz. Das Ministerbüro ist geräumt, die Kisten sind gepackt, die persönlichen Dinge verstaut: Eveline Lemke (Grüne) schmeckt in diesen Tagen den bitteren Geschmack der Niederlage. Eben noch war sie Wirtschafts- und Energieministerin, sogar stellvertretende Ministerpräsidentin.

    Letztes Frühstück mit Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne). Am morgigen Donnerstag erfolgt (die verspätete) Schlüsselübergabe. Da ist Lemke bereits nur noch einfache Abgeordnete. Foto: Dietmar Brück
    Letztes Frühstück mit Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne). Am morgigen Donnerstag erfolgt (die verspätete) Schlüsselübergabe. Da ist Lemke bereits nur noch einfache Abgeordnete.
    Foto: Dietmar Brück

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    Sie hatte Gestaltungsmacht. Ihr Wort besaß Autorität. Einen Wimpernschlag später nimmt sie als einfache Abgeordnete in der kleinsten Fraktion des Landtags Platz. Jeder Politiker weiß, dass Ämter und Mandate auf Zeit verliehen werden. Das heißt aber nicht, dass der Machtverlust nicht schmerzt.

    Ein letztes Frühstück im Ministerium: Der Tag ist voll wie alle Tage in Lemkes Amtszeit. Doch dieses Mal ist die Terminlage eine besondere. Die Übergabe eines Hauses mit 300 Mitarbeitern ist zu organisieren. Und ein spontanes Abschiedsfest mit Mitarbeitern kündigt sich an. Im leeren Ministerbüro. "Wir werden ein wenig abtanzen", sagt die Noch-Chefin. Ein Mensch wie Eveline Lemke reagiert sich in Stressphasen körperlich ab. Das macht den Kopf klar. Sie läuft, hat viel in ihrem Gärtchen geschuftet, das Dach ihres Schuppens neu gedeckt. Nun tanzt sie dem Schicksal ein letztes Mal auf der Nase herum.

    Am Anfang stand ein Triumph

    Eveline Lemke ist grandios gestartet und grandios gescheitert. Politisch, nicht persönlich. Gemessen an dem, was hätte sein können, wenn die Grünen die aktuelle Landtagswahl nicht so krachend verloren hätten. Dazu ein Blick zurück: Lemke hat 2006 einen desolaten, verzagten grünen Landesverband übernommen. Mit unbändiger Tatkraft führte sie die rheinland-pfälzische Ökopartei 2011 in die Regierung. Die Landtagswahl wurde zum Triumph für die Grünen, aber auch für Lemke persönlich. 15,4 Prozent und 18 Abgeordnete. Ein Rekordwert.

    Die quirlige Politikerin aus Bad Bodendorf wurde zur ersten grünen Wirtschafts- und Energieministerin der Republik. Eine Selfmadefrau, die es geschafft hatte. Sie agierte fortan unablässig als politischer Motor der Energiewende und als Antreiberin eines ökonomischen Konzeptes, das ökologische Nachhaltigkeit mit wirtschaftlichem Profit verbindet. "Green Economy" wird dieser Ansatz genannt, grüne Wirtschaft. Eveline Lemke hat sich in den fünf Jahren nie geschont. Dafür besitzt sie kein Talent. Sie hat auf Freizeit verzichtet, das erste Jahr durchgearbeitet. Ferien machen hieß, etwas später ins Büro zu kommen und den Terminplan nicht ganz so eng zu takten.

    Die Grünen hatten früh geahnt, dass die 15,4 Prozent - ausgelöst durch die Atomkatastrophe in Fukushima - ein Einmaleffekt bleiben würden. Was bedeutete, schnell viel umzusetzen, bevor die Chance verpasst sein würde. Diesen Druck hat Eveline Lemke gespürt. Sie wollte alles - am besten gestern: die Windkraft ausbauen, die Wirtschaft umkrempeln, ein Endlager für das Erbe der Atomkraft finden.

    Sie habe das "window of opportunity", das Fenster der Gelegenheit gut genutzt, sagt sie. Darin schwingt Stolz mit. Beim grünen Landesparteitag am Pfingstsamstag sprach Lemke davon, dass ihr Nachfolger Volker Wissing (FDP) "mit einem grünen Haus weitermachen muss". Ein Ministerium, in dem "wir Pflöcke eingeschlagen haben". Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist aus Lemkes Sicht unumkehrbar, Neuerungen wie der regionale Wohlfahrtsindex stehen für ein verändertes Wirtschaftsverständnis. Erfolgreiche Wirtschaftspolitik wird hier nicht nur an Umsatzzahlen, sondern ergänzend an sozialen und ökologischen Faktoren gemessen. Auch personell hinterlässt Lemke Spuren. Sie hat in ihrem Haus rund 70 Mitarbeiter eingestellt.

    Eveline Lemke ist eine politische Überzeugungstäterin. Das hat Vor- und Nachteile. In einem nicht unbeträchtlichen Teil des rheinland-pfälzischen Wirtschaftslebens kam sie mit ihrem missionarischen Eifer nicht an. Die Irritationen waren zum Teil so groß, dass die SPD diplomatische Rettungsmissionen startete. Dazu trug bei, dass Lemke nicht immer das Gespür für die richtige Ansprache hat.

    Sie kann Kante zeigen

    Intern hat sie manchen grünen Parteifreund durch eine gewisse Schroffheit vor den Kopf gestoßen. Lemke kann Kante zeigen. Auf der anderen Seite geht sie fair mit Mitarbeitern um und hat die Größe, Schläge einzustecken, ohne nachtragend zu sein. Lemke ist sportlich und sieht vieles sportlich.

    Nun wird sie Bildungspolitikerin. Und sprüht schon wieder vor Ideen und Tatkraft. Sie will Jugendthemen aufgreifen, in die Schulen gehen. Lemke hält sich nicht länger mit Trauerarbeit auf als unbedingt nötig. Dennoch fällt ihr der Abschied schwer. Sie hat unzählige Gespräche geführt. "Das Haus weint", sagt sie. Auch so eine Eigenart von ihr. Nur den Teil der Wirklichkeit zuzulassen, der sie bestärkt. Die Liberalen im Ministerium, die Morgenluft wittern, dürften derzeit keinen Trost nötig haben.

    Eveline Lemke knüpft nun an die Zeiten an, in denen sie quasi aus dem Nichts ein grünes Märchen erschaffen hat. Jetzt ist sie wieder Aktivistin. Zurück an der Basis. Das klingt (auch) nach neu gewonnener Freiheit. "Ich kann Politik auch ohne Geld", sagt sie. Allein mit Initiativen und Ideen. Erfolgreich bewiesen hat sie das schon oft genug.

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