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    Rheinland-PfalzDie unglaubliche Geschichte des Hans-Werner Müller: Wie ein Bernsteinschleifer den Flughafen Hahn kaufte

    Der eigene Name ist ein kostbares Gut. Vor allem, wenn man ihn unter einen Kaufvertrag setzt, genauer: unter einen Kaufvertrag für einen Flughafen. Hans-Werner Müller ärgert sich noch heute schwarz darüber, dass er sich zu jenem formalen Akt bei einem Notar in Frankfurt hinreißen ließ.

    Der Bernsteinschleifer Hans-Werner Müller aus Idar-Oberstein hat den Kaufvertrag für den Flughafen Hahn unterschrieben. "Das war mein Fehler", sagt er heute.
    Der Bernsteinschleifer Hans-Werner Müller aus Idar-Oberstein hat den Kaufvertrag für den Flughafen Hahn unterschrieben. "Das war mein Fehler", sagt er heute.

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    „Das war mein Fehler“, sagt der Bernsteinschleifer aus Idar-Oberstein. Seit seine Unterschrift öffentlich wurde, ist er in die Affäre um den Flughafen Hahn verstrickt. Müller ist Anfeindungen ausgesetzt, Kunden bleiben weg. Er muss sich Sätze anhören wie: „Du hast die Mafia an den Hahn gebracht.“ Dabei war alles ganz anders, sagt er.
    Vor-Ort-Termin ein paar Kilometer außerhalb von Idar-Oberstein bei Müller zu Hause: Der Bernsteinschleifer lebt hier mit Frau und Kind in einem schmucken Einfamilienhaus mit großer, verglaster Terrasse und anschließendem Werkstatt- und Bürogebäude. Ein Idyll auf einer Anhöhe im Grünen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Flughafen kaufe“, sagt er und lacht. Ein bitteres Lachen. Für einen Moment verstummt er, als würde dieser Satz noch immer unwirklich klingen. Wie ein Traum, der zum Albtraum wird – und längst Realität ist. Müller dürfte sich wie ein Insekt fühlen, das in einem Bernstein gefangen ist – ein Gefängnis aus glitzernder Illusion.

    In das Geschäft mit dem Airport will er hereingerutscht sein, reichlich unbedarft, wie er zugibt. Eine Mischung aus Freundschaftsdienst und Eigeninteresse. Der Bernsteinhändler kann einem Edelstein als Facettierer den feinsten Schliff verleihen – freihändig und virtuos. Doch im Skandal um den Flughafen Hahn unterliefen Müller und seinen Partnern die gröbsten Fehler. Der Geschäftsmann aus Idar-Oberstein, der schon alle Höhen und Tiefen in seiner Selbstständigkeit erlebt hat, wagte sich auf ein Feld, für das er keinerlei Expertise besaß. Dennoch stieg er zum Hoffnungsträger der Landesregierung für den Hahn-Verkauf auf. Plötzlich verhandelte er mit Anwälten, saß mit Politikern in Gesprächsrunden. Wie kam es dazu? Und warum platzte das Geschäft? Alles begann mit „Victor“, wie Yu Tao Chou von allen genannt wird. Später sollte ihm seine Rolle als Generalbevollmächtigter der Shanghai Yiqian Trading (SYT) zu einer gewissen Prominenz verhelfen. Er wurde zum Gesicht jener chinesischen Firma, die den Flughafen Hahn erst kaufte und den Deal dann durch eine gefälschte Bankbestätigung zum Platzen brachte. Doch diese Pleite war im Juli 2015 noch weit weg.

    Der gute Freund „Victor“

    Yu Tao Chou (also Victor) kannte Müller schon seit einigen Jahren, weil er wie viele anderen Piloten bei ihm Bernstein kaufte. Aus der Geschäftsbeziehung wurde schließlich eine Freundschaft, die auch den Weggang der Frachtfluglinie Yangtze River Express überdauerte, bei der der Mann aus Singapur angestellt war. Im April besuchten beide Familien noch gemeinsam Hongkong. „Er ist ein anständiger Mann“, sagt Müller noch heute über seinen Freund. Sie telefonieren jeden Tag miteinander.

    Yu Tao Chou, genannt Victor Foto: dpa
    Yu Tao Chou, genannt Victor
    Foto: dpa

    Ende Juli – auf einer Fahrt von Luxemburg nach Idar-Oberstein – erzählte Müller beiläufig vom anstehenden Verkauf des Hunsrück-Airports. „Victor war gleich Feuer und Flamme“, berichtet er. Da die Bieterfrist fast abgelaufen war, nannten die beiden in kürzester Zeit einen astronomisch hohen Kaufpreis, lieferten eine Geschäftsidee und einen Firmennamen. Müller kümmerte sich mehr und mehr um die Angelegenheiten in Deutschland: Behörden, E-Mails, Anwälte. Er sichtete Verträge, unterhielt Kontakte zu KPMG-Beratern und später auch zur Landesregierung. Der Bernsteinschleifer wurde zum Mittelsmann. „Vom Flughafengeschäft hatte ich keine Ahnung“, gibt er zu. Er half mit seinem kleinen Büro, wo er konnte. Und plötzlich war er mittendrin.
    Die erste richtige Hürde war die Due-Diligence, eine aufwändige Risikoprüfung, die Hunderttausende von Euro kosten kann. Nun wurde es ernst. Der Bieter brauchte ein Anwaltsbüro. Müller besorgte die Kanzlei Greenfort in Frankfurt. Ein Businessplan musste her. Die fixe Idee, den Flughafen zu kaufen, ging nun richtig ins Geld. „Wie willst du das machen?“, fragte Müller seinen Freund Chou. Der versprach, das nötige Geld über Geschäftskontakte in China zu besorgen. Soweit die Version des Bernsteinhändlers. Schenkt man den Worten Müllers glauben, hat Yu Tao Chou Ideen geliefert, Investoren gesucht und lange Zeit die meisten Rechnungen beglichen. Um einen detaillierten Geschäftsplan zu erstellen, wurde eine Bad Homburger Beratungsgesellschaft hinzugezogen. Das Grundgerüst entstand in einem Tag, dann begann der Feinschliff in zig Konferenzen.

    Besser keine Spielbank

    Ein paar Ideen will Müller den Chinesen ausgeredet haben – etwa den Bau einer Spielbank. Andere Bausteine fand er realistisch und lukrativ – etwa die geplante Flugschule und den Spritverkauf in Eigenregie über die Nato-Pipeline. „Allein damit hätten wir den Hahn in die Nähe von schwarzen Zahlen bringen können“, meint er.
    Bis zum März 2016 hatte die Bieterfirma SYT bereits 13,5 Millionen Euro für die rheinland-pfälzischen Anteile am Hahn geboten. Bei einem Treffen der KPMG in Frankfurt bekam sie nun auch noch die Housing (Ex-Militärgebäude) und den Campus angeboten. Man einigte sich auf 3,4 Millionen Euro.

    In China hatte sich inzwischen ein Bieterkonsortium hinter der SYT gebildet. Der am Hahn als Gesellschafter auftretende, eher schrille Kyle Wang soll nur im Boot gewesen sein, da man seine alte Firma als Hülle für die Investition brauchte. Schlüsselfigur war zunächst der Unternehmer Chao Zhu. Er sollte laut Müller 90 Prozent der SYT übernehmen. Bei einem Treffen in Shanghai mit KPMG-Vertretern habe er den gefälschten Bankbeleg in Umlauf gebracht.

    Der Hahn hat sein Leben verändert: Bernsteinschleifer Müller an seinem Arbeitsplatz.  Foto: Dietmar Brück
    Der Hahn hat sein Leben verändert: Bernsteinschleifer Müller an seinem Arbeitsplatz.
    Foto: Dietmar Brück

    Chou, also Victor, war Zhu nicht ganz geheuer, ohne angeblich von dem getürkten Bankbeleg zu ahnen. Da er aus Singapur kam, hatte er nur beschränkte Behördenzugänge in China. Gemeinsam mit seinen Partnern wurde der fragwürdige Hauptgesellschafter gegen den Bauunternehmer Zhu Qing ausgetauscht. Der unverhoffte Gesellschafterwechsel soll bei einer Sitzung mit KPMG Mitte Mai für Wirbel gesorgt haben. Was Müller als Kardinalfehler sieht: Der gefälschte Bankbeleg wurde nie zurückgezogen. Er blieb in den Unterlagen. Dabei hätte der neue Gesellschafter Zhu Qing „das Geld problemlos gehabt“, so Müller.

    Eine von vielen Pannen, wie das Versäumnis, den Geldtransfer bei den chinesischen Behörden zu beantragen. Daher traten Zahlungsschwierigkeiten auf. Müller sieht hier Kyle Wang in der Verantwortung. In der Endphase vor dem Verkauf muss auf der chinesischen Seite ein regelrechtes Chaos geherrscht haben. Im günstigsten Fall stimmte nur die Kommunikation nicht. Doch auch dieses Erklärungsmuster wird Lücken haben.
    Müller gehörte wohl nie zur SYT. Er hoffte angeblich auf gute Bernsteinverkäufe im Anschluss des Hahn-Deals. „Ich habe eigentlich nur Geld, Zeit und Nerven verloren“, sagt er.

    Das Datum 2. Juni hat sich in Müllers Gedächtnis eingebrannt. An diesem Tag unterschrieb er den notariellen Kaufvertrag – „frei von jeder Haftung“. Nur er habe im Kreis der Hahn-Bieter Deutsch verstanden, begründet er seine folgenschwere Signatur auf Bitten der SYT-Leute. „Von mir sollte nie jemand etwas erfahren“, hieß es. Später bekam er 100 000 Euro für seine wochenlangen Dienste angeboten. Geld will er noch keins gesehen haben. „Es gibt bislang nur Verlierer“, sagt er, „KPMG, die Landesregierung, Greenfort, Victor und ich selbst.“

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