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  • Der Sozialverband im Griff eines Sonnenkönigs

    Mainz. Der Sozialverband VdK in Rheinland-Pfalz steckt in einer tiefen Führungskrise und macht negative Schlagzeilen in Reihe: Millionenverluste beim Fahrdienst "VdK mobil", Verschwendung von Mitgliederbeiträgen bei der Delegiertenversammlung im noblen Mainzer Hyatt Hotel, freizügigste Weitergabe von Mitgliederdaten an die Ergo-Versicherung, die auch den rheinland-pfälzischen Datenschützer auf den Plan rief.Der Unmut wächst nicht nur an der Basis.

    Foto: dpa

    "Unser Vertrauen war all die Jahre grenzenlos, und es wurde grenzenlos missbraucht", sagen viele Führungsmitglieder des Landesverbandes gegenüber der MRZ und fügen hinzu: "Wir lassen uns nicht mehr verarschen." Der Groll ist enorm, und der Groll konzentriert sich auf eine Person: Andreas Peifer, seit 2000 Landesvorsitzender des VdK.

    VdK-Vorsitzender Andreas Peifer.
    VdK-Vorsitzender Andreas Peifer.

    Viele Mitglieder sind sich einig: Fast alle finanziellen Verluste, die der VdK in den vergangenen Jahren eingefahren hat, tragen ganz allein seine Handschrift.

    Flop Nummer eins: der Fahrdienst VdK mobil. In vier Landkreisen sollte der Fahrdienst das Ansehen des Sozialverbands steigern. Am 15. Juni 2010 beschloss der Landesverbandsvorstand, die ersten Autos anzuschaffen, unter anderem für die Kreise Cochem-Zell und Birkenfeld. 28 Autos wurden gekauft.

    Pikant: Als der Landesverbandsvorstand sein Plazet erteilte, war die Sache längst gelaufen: Peifer hatte bereits im Herbst 2009 Autos im Wert von 500 000 Euro und Software für 70 000 Euro bestellt - eigenmächtig.

    Kaum ein halbes Jahr später wurde der Fahrdienst wieder eingestellt. Schuld aus Peifers Sicht: die Landesregierung. Jedoch: Das Sozialministerium hatte bereits einen hohen Zuschuss bezahlt, schließlich sollten bei dem Fahrdienst hauptsächlich Schwerbehinderte beschäftigt werden. Peifer wollte den VdK als Vorreiter in Sachen Integration behinderter Menschen präsentieren, die teilweise mit der Aussicht auf eine "Lebensanstellung" aus bestehenden Arbeitsverhältnissen weggeködert wurden - und seither auf der Straße sitzen. Insgesamt 2,2 Millionen Euro wurden so in den Sand gesetzt, Mitarbeiter sind arbeitslos.

    Teure Software ist nun unnütz, ebenso wie Räume, die langfristig für fünf oder gar zehn Jahre angemietet wurden. Glück im Unglück: Der Landesverbandsvorstand zog die Notbremse, ehe der Schaden noch größer werden konnte. Immerhin hatte Peifer geplant, in fast allen der 28 Kreisverbände sieben Autos anzuschaffen - also knapp 200. Mehr als ein Jahr lang standen sich die auf Pump gekauften Autos in der Nähe des Flughafens Hahn die Reifen eckig. Jetzt endlich sollen sie verkauft werden. Natürlich mit Verlust.

    Flop Nummer zwei: Der VdK Rheinland-Pfalz betreibt ein Hotel in Remagen-Oberwinter in einer eigenen GmbH. Die Auslastung reicht nicht für die schwarze Null, ein Zuschussgeschäft, obwohl interne Schulungen und Weiterbildungen dort stattfinden. Die Rechnung sieht so aus: Von den 4,80 Euro, die jedes VdK-Mitglied monatlich als Beitrag zahlt, erhalten die Ortsverbände 90 Cent. Von diesem Geld werden nicht nur Jahreshauptversammlungen ausgerichtet, die Verbandszeitung gekauft und zugestellt oder Blumensträuße für Geburtstage oder Beerdigungen finanziert.

    Protzige Delegiertenversammlung im Mainzer Hotel Hyatt

    Aus diesen Topf müssen die Ortsverbände auch die Tagespauschalen von 50 Euro pro Person zahlen, die etwa in Remagen-Oberwinter anfallen. Getränke und Anreise exklusive. Das Geld fließt, wie auch das Gros der Mitgliedsbeiträge, an den Landesverband. Erst jüngst hatte Peifer sogar die Idee, das Hotel in Oberwinter mit einem zusätzlichen Bettenhaus aufzustocken. Kostenpunkt: 2,5 Millionen Euro.

    Bitter aufgestoßen ist vielen Mitgliedern auch die protzige Landesdelegiertenversammlung im Hyatt Hotel in Mainz im vergangenen Jahr. 200 000 Euro soll das Ganze gekostet haben - für circa 145 stimmberechtigte Delegierte. Pro Person also gute 1000 Euro.

    Flop Nummer drei: Und das nächste Euro-Grab hat Peifer aus Sicht vieler VdKler bereits geschaufelt: IBL, die Abkürzung steht für Integration und barrierefreie Leitrichtlinien. Ein VdK-eigenes Unternehmen, das Bauträger in Sachen Barrierefreiheit beraten soll. Fünf Menschen wurden bereits eingestellt, allesamt schwerbehindert.

    Das Problem nur: Niemand scheint die Beratung des IBL zu benötigen. Die Mitarbeiter sitzen da und wissen nicht, was sie tun sollen. Allein 2011 machte IBL über 150 000 Euro Miese. Die Idee für IBL hatte wieder Andreas Peifer.

    Im ersten Quartal 2012 sind bereits weitere 50 000 Euro Verlust aufgelaufen. Sollte der IBL wieder aufgelöst werden - woran im VdK nur noch wenige zweifeln - bestünde nicht nur die Gefahr, dass die eingestellten Leute wieder auf der Straße säßen. Der VdK müsste zudem bereits gezahlte Zuschüsse in sechsstelliger Höhe zurück an die Landesregierung überweisen.

    Rabiater Führungsstil,

    Mitglieder haben Angst

    Dass Peifer zu einem Großteil allein die Verantwortung für die Flops trägt, gilt bei Insidern als wahrscheinlich. Peifer gilt als "Kontrollfreak". Ein Mitarbeiter berichtet: Möglichst alles wird von ihm persönlich mit einem Grünstift abgehakt. Er pflegt einen unberechenbaren Führungsstil mit eiserner Hand. Angstfreies Arbeiten sei für die Mitarbeiter in der Landesgeschäftsstelle kaum möglich.

    Nicht umsonst wird Peifer intern nur als "der Führer" bezeichnet. Wer muckt, wird offenbar gnadenlos abgemahnt - so soll es in den vergangenen Jahren etliche Abmahnungen gegeben haben. Wer nicht schnell genug vom VdK wegkommt - die Fluktuation ist ausgesprochen hoch -, wird krank. Oder geschasst.

    Wie etwa Gerhard Koch, im Jahr 2011 als "Leiter Finanzen" eingekauft. Zunächst präsentierte Peifer den neuen Mann gegenüber den Mitgliedern als Nonplusultra - später wurde Koch zum Buhmann.

    Koch erhielt tiefe Einblicke in die finanziellen Strukturen des Verbands. Und er ist nach wie vor erschüttert, was er dort sah und er mit den Begriffen "Chaos" und "Desaster" beschreibt. Eine interne Kontrollinstanz, die einen Blick auf die Finanzen hat, fehlt aus Sicht Kochs völlig, die Buchführung ist unvollständig, fehlerhaft und selbst für Spezialisten nicht mehr nachvollziehbar.

    Für viele VdK-Mitglieder ist das Maß mehr als voll, sie würden Peifer nur zu gern vom Vorstand abgelöst sehen. Nach Informationen unserer Zeitung aus gut unterrichteten VdK-Kreisen hatte man versucht, Peifer eine goldene Brücke zu bauen: Hätte er bis zum 22. Mai seinen Rücktritt eingereicht, hätte man ihn sogar noch mit großem Bahnhof verabschiedet. Jedoch ließ Peifer, der zurzeit noch an den Folgen eines schweren Autounfalls laboriert, die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. Nun wird man wohl versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen. Womöglich wird er auf einem außerordentlichen Verbandstag abgewählt, heißt es. Gegenüber unserer Zeitung sah sich Andreas Peifer, der Mitte Juni ins Amt zurückkehren möchte, außer Stande, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

    Von unserem Redakteur Andreas Nöthen

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