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  • Asyl: Ein Junge verschwindet im Behördendschungel

    In Ingelheim ist ein Flüchtling in die Mühlen der Behörden geraten. Dietmar Telser berichtet, warum es zwei Monate gedauert hat, den 17-Jährigen aus Afghanistan wieder aus der Erstaufnahme zu holen.

    Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim: Ein junger Afghane musste dort irrtümlich mehrere Wochen leben.  Foto: dpa
    Aufnahmeeinrichtung in Ingelheim: Ein junger Afghane musste dort irrtümlich mehrere Wochen leben.
    Foto: dpa

    Bendorf/Ingelheim. Eberhard und Ute Kersten sind ein hilfsbereites Paar. Als vor drei Jahren die Zahl der Flüchtlinge stieg, nahmen sie einen der jungen Asylbewerber bei sich auf. Ali Husseini war aus Afghanistan geflohen und fand bei den Kerstens in Bendorf eine neue Heimat. "Ein rühriger, junger Mann", sagt Eberhard Kersten, "das ist einer, der wirklich will."

    Als im September plötzlich auch Alis jüngerer Bruder am Bahnhof in Koblenz stand, nur im T-Shirt und Turnschuhen, zögerten die Kersten keinen Augenblick und nahmen auch Mohammed (Name geändert) bei sich zu Hause auf. Die Brüder waren so wieder vereint, Ali hatte inzwischen eine Arbeitsstelle, das rührige Bendorfer Paar kümmerte sich um sie: So einfach und effektiv kann Hilfe sein, so kann Integration wirklich klappen - denkt man.

    Doch womit die Kerstens nicht gerechnet haben, ist die deutsche Bürokratie. Die Probleme beginnen, als Eberhard Kersten den 17-jährigen Mohammed in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Ingelheim bringen will. "Er war ja nirgends registriert", sagt Kersten. "Ich dachte: Da fahre ich mit ihm hin und dann wieder zurück." Kersten hat sich dafür gewissenhaft vorbereitet. Er hat von der Stadt Bendorf eine Zuteilungsbestätigung geholt, die besagt, dass Mohammed seit dem 23. September bei seinem volljährigen Bruder Ali wohnt und die Stadt darüber hinaus mit einer Zuteilung nach Bendorf einverstanden ist. Der ältere Bruder hat eine notariell beglaubigte Absichtserklärung dabei, dass er die Vormundschaft für Mohammed übernehmen möchte.

    Bemüht, aber nichts getan

    Doch als die drei am 15. Oktober in Ingelheim ankommen, beginnen die Probleme. Nur mit viel Redekunst gelingt es Kersten überhaupt, den Jungen sofort registrieren zu lassen. Als sie mit Mohammed zurückfahren wollen, heißt es aber, dass der Junge für den Gesundheitscheck bleiben muss. Mohammed wird ein Bett in einem der Zelte zugewiesen. Kersten und Ali fahren zurück nach Bendorf. Gleich am nächsten Tag beginnen sie mit den Telefonaten. Kersten ruft in der Gemeinde an, er spricht auch mit der Ausländerbehörde. "Die haben sich bemüht, aber es hat sich nichts getan." In der Zwischenzeit bleibt Mohammed in Ingelheim. Er friert, ist traurig und allein. Immer wieder telefoniert er mit seinem Bruder: "Hol mich da bitte wieder raus." Und während er in der überfüllten Aufnahmeeinrichtung ein Bett belegt, bleibt das Bett in Bendorf leer.

    Niemand kann Mohammed helfen, niemand den Kerstens. Tag für Tag vergeht. Fünf Wochen später ist Mohammed immer noch in der Gemeinschaftsunterkunft.

    Mitte November kommt dann endlich eine gute Nachricht. Es heißt, dass Mohammed auf der Transferliste für den 24. November steht und bald nach Bendorf kommt. Aber der Junge kommt auch am 24. nicht in Bendorf an. In der Zwischenzeit ist nämlich das Jugendamt tätig geworden.

    Mohammed wird in die Jugendwohngruppe nach Trechtingshausen gebracht. Die sogenannte Clearingstelle soll prüfen, wie alt der Junge ist, wer seine Eltern sind und woher er kommt. Wieder ruft Kersten an. Dort erfährt man offenbar erstmals, dass jemand eine Vormundschaft beantragen will. Nun ist das Landesjugendamt für die Zuweisung nach Bendorf zuständig. Inzwischen ist es etwa sieben Wochen her, dass Eberhard Kersten Mohammed zur Registrierung gebracht hat.

    Unbegleitete Flüchtlinge genießen besonderen Schutz

    Wie aber kann es überhaupt sein, dass der Junge so lange in Landeseinrichtungen verbringen musste, obwohl es einen Vormund mit einer Wohnung gibt? Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion ADD, die zuständig für die Einrichtung in Ingelheim ist, schildert es so: Am 20. November soll Mohammed beim Sozialdienst nachgefragt haben, wann er zu seinem Bruder nach Bendorf gehen darf. Daraufhin wurde das Jugendamt offenbar aufmerksam und Mohammed an Mitarbeiter übergeben. Denn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge genießen besonderen Schutz. Tatsächlich müssten sie unverzüglich nach der Ankunft in die Obhut des Jugendamtes gelangen. Das heißt: Sie dürfen eigentlich gar nicht in Gemeinschaftsunterkünften wie Ingelheim leben. Warum das aber erst nach Wochen bemerkt wird, ist unklar. Offenbar war der Junge schlicht übersehen worden. Die ADD schreibt in einer Stellungnahme: "Nach der Registrierung verließen die beiden Brüder gemeinsam die Einrichtung. Von hier wurde davon ausgegangen, dass sich der Minderjährige in der Obhut seines volljährigen Bruders befindet, was wie sich bedauerlicherweise herausstellte, nicht der Fall war."

    In anderen Worten: Ein Mitarbeiter dachte im Oktober, dass der Junge die Unterkunft mit dem Bruder in Richtung Bendorf verlassen hat. Schließlich hatte dieser ja erklärt, die Vormundschaft zu übernehmen. Ein anderer Mitarbeiter wies dem Jungen aber ein Bett zu. Wie es sein kann, dass der Junge über Wochen irrtümlich in der Unterkunft wohnte, ohne aufzufallen, kann auch die ADD nicht erklären. "Das hätte nicht passieren dürfen, da gibt es nichts zu beschönigen", heißt es bei der ADD.

    Und Ute und Eberhard Kersten? Die warten weiter, dass der Junge nach Bendorf kommt. "Ich gebe nicht auf", sagt Kersten noch Anfang Dezember, "ich lass nicht locker, bis ich ihn bei uns zu Hause habe." Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Wenig später erhält Kersten einen Anruf: Sie können den Jungen jetzt abholen. Knapp zwei Monate später ist Mohammed wieder in Bendorf.

    E-Mail an den Autor Dietmar Telser

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