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  • (27.08.11) Reportage von Hartmut Wagner: Lobo, der Wolf vom Zentralplatz

    Er könnte eine Wohnung bekommen, schläft aber lieber in der Unterführung am Koblenzer Zentralplatz. Sein einziger Besitz: ein alter Seesack und ein Hut mit bunten Babyschnullern. Wer ist dieser Mann? Unser Redakteur Hartmut Wagner hat ihn eine Woche lang begleitet.

    Mein Schlafplatz ist direkt unter der Zentralplatz-Kreuzung. In einer Ecke der Unterführung liegt ein Schuh, in einer anderen Erbrochenes. Rechts von meiner Isomatte Scherben und Zigarettenkippen, links zwei riesige Fettflecken. Und: Es stinkt wie in einem verpissten Bahnhofsklo, nach kaltem, menschlichem Urin. Hier soll ich schlafen? In diesem elenden Loch?

    Lagerfeuerstimmung in der Zentralplatz-Unterführung: Der Mann an der Gitarre sieht nicht nur aus wie der Comic-Held Obelix, er nennt sich auch so. Er spielt alte Lieder von der Straße. Lobo (hinten, links) und unser Redakteur Hartmut Wagner (hinten, Mitte) hören zu. Ebenso Hannes (Mitte), Hermann (rechts) und seine Freundin Sabrina.
    Lagerfeuerstimmung in der Zentralplatz-Unterführung: Der Mann an der Gitarre sieht nicht nur aus wie der Comic-Held Obelix, er nennt sich auch so. Er spielt alte Lieder von der Straße. Lobo (hinten, links) und unser Redakteur Hartmut Wagner (hinten, Mitte) hören zu. Ebenso Hannes (Mitte), Hermann (rechts) und seine Freundin Sabrina.
    Foto: Damian Morcinek

    Kampieren im Zentrum von Koblenz! Wo tagsüber der Verkehr brummt, wo Tausende Menschen vorbeilaufen. Ich muss völlig durchgeknallt gewesen sein, als ich mich darauf eingelassen habe. Soll ich mein Experiment abbrechen? Jetzt, noch vor der ersten Nacht?

    So schlägt Lobo in der Unterführung sein Nachtlager auf: Isomatte auf den Boden, Schlafsack drauf. Fertig. Als Kopfkissen nimmt er seinen Seesack. Unser Redakteur Hartmut Wagner machte es genauso.
    So schlägt Lobo in der Unterführung sein Nachtlager auf: Isomatte auf den Boden, Schlafsack drauf. Fertig. Als Kopfkissen nimmt er seinen Seesack. Unser Redakteur Hartmut Wagner machte es genauso.
    Foto: Hermann

    ___VIER WOCHEN VORHER

    Wenn Lobo Geld braucht, bettelt er. Der Alkoholiker (54) mit dem Schnullerhut setzt sich am Zentralplatz auf seinen Seesack, stellt eine Schale vor sich und wartet auf spendable Passanten. Zum Zeitvertreib schmökert er in einem Buch. Sein Bier versteckt er hinter seinem linken Fuß.
    Wenn Lobo Geld braucht, bettelt er. Der Alkoholiker (54) mit dem Schnullerhut setzt sich am Zentralplatz auf seinen Seesack, stellt eine Schale vor sich und wartet auf spendable Passanten. Zum Zeitvertreib schmökert er in einem Buch. Sein Bier versteckt er hinter seinem linken Fuß.
    Foto: Damian Morcinek

    Der Mann fällt mir sofort auf. Sein alter Seesack. Sein mächtiger Vollbart. Sein sonderbarer Hut. Vor allem sein Hut. Ein Anglerhut mit bunten Babyschnullern. Blaue, grüne, rosarote, zwei Dutzend Stück, aufgereiht an Schnürsenkeln. Der Mann sitzt am Zentralplatz. Dort, wo die Menschen in dicken Trauben vorbeiströmen. Banker, Handwerker, Schüler. Alle haben Termine, jeder hat es eilig. Nur er nicht.

    Lobos Markenzeichen: ein verschlissener Anglerhut mit vielen bunten Babyschnullern.
    Lobos Markenzeichen: ein verschlissener Anglerhut mit vielen bunten Babyschnullern.
    Foto: Hartmut Wagner

    „Eine Wohnung ist wie eine Zelle. Ich halt‘s da nicht aus. Ich will frei sein!“ Lobo schwärmt vom Leben auf der Straße.

    Bier und Boonekamp – Lobo trinkt fast nichts anderes. Er ist seit Jahrzehnten Alkoholiker, braucht immer einen gewissen Promillepegel. Gleich nach dem Aufstehen trinkt er seinen ersten „Booni“. Er nennt ihn Zündkerze.
    Bier und Boonekamp – Lobo trinkt fast nichts anderes. Er ist seit Jahrzehnten Alkoholiker, braucht immer einen gewissen Promillepegel. Gleich nach dem Aufstehen trinkt er seinen ersten „Booni“. Er nennt ihn Zündkerze.
    Foto: Damian Morcinek

    Ich sehe ihn jeden Tag. An einem Mittwoch Anfang Sommer spreche ich ihn an. Er sitzt wie immer auf seiner Bank an der Bushaltestelle und aalt sich in der Nachmittagssonne. Ich will wissen, warum er hier sitzt. Jeden Tag, morgens und abends, bei Sonne und Regen. Er lacht nur. Als hätte er meine Frage schon Tausende Male gehört - und nie verstanden. Er fährt sich schmunzelnd durch den Bart. Dann sagt er: "Ich bin Lobo, der einsame Wolf."

    „Solange ich meinen Seesack noch tragen kann, will ich keine Wohnung.“ Lobo möchte weiter auf der Straße leben.
    „Solange ich meinen Seesack noch tragen kann, will ich keine Wohnung.“ Lobo möchte weiter auf der Straße leben.
    Foto: Damian Morcinek

    Lobo nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche, steckt sich eine Zigarette an und erzählt. Ich hatte eine traurige Lebensgeschichte erwartet, voller Tiefschläge und Niederlagen. Stattdessen erklärt er: "Ich bin Berber und stolz darauf!" Der gebürtige Hamburger (54) lebt seit drei Jahrzehnten auf der Straße - freiwillig. Darum nennt er sich Berber, nicht Obdachloser oder gar Penner. Er schwärmt vom Berberleben, einem Leben ohne frühes Aufstehen, ohne Termine, ohne Verantwortung.

    Ein Aussteiger. Nicht im Kloster, nicht in der Südsee, sondern hier, mitten in der Großstadt. Lobo könnte vom Staat eine Wohnung bekommen, er müsste sie nicht einmal bezahlen. Aber er will keine. Er kampiert lieber in der Zentralplatz-Unterführung im Schlafsack. Er nennt das "Platte machen" in der "Penntüte". "Eine Wohnung ist wie eine Zelle", sagt er. "Ich halt‘s da nicht aus. Ich will frei sein!"

    Ich bin ratlos. Eine Wohnung als Gefängnis? Als Hort der Unfreiheit? Lobo frotzelt, ein Normalo wie ich könne ihn da nicht verstehen. Ich will aber verstehen. Ich will verstehen, warum er sein Leben freiwillig auf der Straße verbringt. Warum er auf jeden Komfort verzichtet und das auch noch als Freiheit preist. Ich mache Lobo einen Vorschlag: Ich begleite ihn eine Woche, von Montag bis Freitag, rund um die Uhr. Vielleicht verstehe ich dann. Lobo zögert. Dann ist er einverstanden.

    ___MONTAG

    Gewöhnlich bringt mich Bus 15 ins Büro, heute in die Gosse. "Nächster Halt: Zentralplatz." Ich hieve mir meinen Seesack auf den Rücken, nehme meine Isomatte und steige aus. Es ist 8.58 Uhr. Lobo sitzt bereits auf seiner Bank an der Haltestelle. Er legt seine Zeitung zur Seite und mustert mich von den Stiefeln bis zur Schirmmütze. "Na ja", sagt er grinsend. "Das sieht ja ganz gut aus." Ich setze mich neben ihn. Er beginnt zu erzählen. Als Erstes von BBZ, seinem Morgenritual, das er gerade vollzieht: Er liest die "Bild"-Zeitung, trinkt sein erstes Bier, raucht seine erste Zigarette.

    Mein erster Tag als Obdachloser. Ich sitze mit Lobo auf der Bank, sein Seesack steht links, meiner rechts. Der Seesack war eine Bedingung von ihm. Mit so einem Rucksäckchen, wie ihn die jungen Leute heute tragen, könne er mich nicht mitnehmen.

    Nach BBZ folgt Lobos zweites Morgenritual. Wir schultern unser Gepäck und marschieren zu "Netto". Lobo tauscht seine leeren Bierflaschen vom Vortag gegen die erste Alkoholration für heute: sechs Plastikflaschen "Schloss"-Pils, acht Fläschchen "Boonekamp"-Kräuterlikör. Preis: 3,67 Euro. Seinen ersten "Booni" genehmigt er sich sofort.

    Wir laufen zur Caritas, zur "Cari", wie Lobo sagt. Plötzlich bleibt er stehen. Plötzlich wird er laut. Er blickt mir in die Augen, macht mir klar, dass ihm mein Ton nicht passt. "Ich bin Lobo!", knurrt er. "Wenn du mich noch mal siezt, tret ich dir in die Eier!"

    In der "Cari", einem restaurierten Altbau gegenüber dem Koblenzer Schloss, trinken wir Kaffee. Die Tasse für 20 Cent. Lobos einziges nicht alkoholisches Getränk - in der ganzen Woche. Im völlig verqualmten Frühstücksraum spielen junge Männer Schach, in der Ecke sitzt ein muffiger Rentner. Am Nebentisch wartet Buddy, ein Mann mit bulligem Kreuz und buschigem Schnauzer. Lobo stellt mich vor. "Ich hab heute die Presse am Hals", witzelt er. "Der Mann ist von der Zeitung."

    Buddy (47) ist Hartz-IV-Empfänger und Hobby-Obdachloser. Früher lebte er auf der Straße, inzwischen hat er eine Wohnung, eine Freundin, eine Tochter. Bald will er heiraten. Trotzdem: "Platte machen" bedeutet auch für ihn maximale Freiheit. Heute Nacht kostete er mal wieder davon und schlief in der Zentralplatz-Unterführung. Lobo lieh ihm eine "Penntüte", eine zweite Isomatte hatte er nicht. Also legte sich Buddy auf den nackten Betonboden.

    Jetzt sitzt er Lobo und mir gegenüber und schwärmt: "So gut habe ich lange nicht geschlafen!" Dass er das ernst meint, verstört mich bis heute. Denn ein paar Stunden später sollte ich diesen ach so paradiesischen Schlafplatz kennenlernen.

    Mittags sind wir zurück am Zentralplatz. Die Bushaltestelle am "Zenti" ist eine Art Stammtisch für Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger. An den drei Sitzbänken trifft sich, wer viel Zeit hat und gern trinkt. Irgendwer trinkt dort immer. Heute sind es Hermann (37) und Hannes (57), zwei Vollbartträger, beide obdachlos, beide Alkoholiker. Buddy setzt sich dazu.

    Lobo fläzt sich auf die Nachbarbank, gönnt sich noch einen "Booni" und ein Bier, sein drittes. Dann macht der stolze Berber, was er am liebsten macht: Normalos beobachten. Fahrgäste, die an der Bushaltestelle ein- und aussteigen. Autofahrer, die auf der Clemensstraße vorbeibrettern. Arbeiter, die auf der Großbaustelle gegenüber das neue Koblenzer Einkaufs- und Kulturzentrum hochziehen.

    Lobo schaut den Normalos zu, als ob er sich bestätigen wollte: Sein Ausstieg aus ihrem Leben war richtig, sie sind es, die irren, nicht er. Einige erwidern seine Blicke - und brechen in Gelächter aus. Manche zeigen mit Fingern auf ihn. Andere schießen sogar Fotos. An diesem Nachmittag passiert das mehrfach. Denn Lobo ist der Schnullermann. Die Normalos mögen seinen sonderbaren Hut, sein "Baby". Und das genießt er.

    Lobo wird immer betrunkener. Manche Sätze wiederholt er dreimal, andere bricht er ab. Als ich frage, ob seine Schnuller eine Bedeutung haben, fantasiert er: "Eine ganz tiefe!" Er grübelt, dann sagt er: "Jeder Schnuller ist gesegnet - mit Weihwasser aus ganz Europa. Wenn einer tot ist, begrabe ich ihn." Bald findet er das selbst albern. Er packt vier besonders vergammelte Exemplare und schleudert sie auf die Straße. "Die Schnullis", lallt er, "sind nur ein Jux."

    Nach drei Litern Bier, zehn "Boonis" und einer halben Flasche Korn hat Lobo schließlich genug. Es ist 23 Uhr, Schlafenszeit. Er schultert mit Müh und Not seinen Seesack und schwankt Richtung Unterführung. Vor lauter Suff läuft er vorbei, ich zeige ihm den Weg.

    Auf der Zentralplatz-Kreuzung tobt noch immer der Verkehr, das Leben, das Heute. Unten in der Unterführung herrscht das Elend, das Gestern. Hier ein herrenloser Schuh, dort eine Lache mit Erbrochenem, gleich daneben - tatsächlich! - ein Kondom. Und über allem dieser ätzende Uringestank, er beißt in meiner Nase, er sticht in meinem Hals. Einst gab es hier unten einen Kiosk, einen Schlüsseldienst und eine Tiefgarage. Heute gibt es nur noch leere, abgeklebte Schaufenster. Neben einer Fußgängertreppe prangen mehrere Fettflecken, letzte Spuren eines längst geschlossenen Bäckerladens. Hier ist Lobos Schlafplatz - und meiner.

    Während ich angeekelt alles inspiziere, geht Lobo unbeirrt voran. Isomatte auf den Boden, Schlafsack drauf, Seesack als Kopfkissen. Fertig. Seinen Schnullerhut stopft er tief in seine "Penntüte". "Dort unten", erklärt er, "ist ,Baby‘ am sichersten." Hermann und Buddy beziehen ihr Quartier gegenüber. Hannes ist "nach Hause" gegangen, er hat ein Lager am Stadtrand. Irgendwann rolle auch ich meine Matte aus und lege mich neben Lobo. Der schnarcht bereits.

    Mit drei Bierleichen in der Gosse

    Absätze klappern, Stimmen hallen durch die Unterführung. Zwei Frauen, Ende 30, kommen eine Treppe hinunter. Sie waren fein aus, sie kichern und scherzen. Bis sie den Gestank riechen. Bis sie uns liegen sehen. Die eine blickt angewidert wie nach dem Biss in eine Zitrone, die andere hält sich sogar die Nase zu. Ich möchte im Boden versinken.

    Meine Laune ist im Keller. Ich könnte mit dem Bus nach Hause fahren, duschen, lesen, schlafen. Stattdessen liege ich mit drei Bierleichen in der Gosse. Aber: Ich habe dieses Experiment begonnen, ich will nicht bei der ersten Prüfung scheitern.

    „Lobo müsste älter als Johannes Heesters sein, wenn er alles erlebt hätte, was er erlebt haben will.“ Der Obdachlose Hannes spottet über Lobos Erzählungen.

    Auf der Kreuzung ein paar Meter über uns hört man nur noch wenige Autos. Um meinen Kopf kreisen Fliegen. Ich ziehe mir den Schlafsack über die Ohren. Hätte ich mich mit Lobo besaufen sollen? Erträgt man die Straße nur im Suff? Ich weiß es nicht. Immerhin: Je länger man im Uringestank liegt, desto weniger beißt er.

    ___DIENSTAG

    Meine erste Nacht in Lobos viel gepriesener Freiheit endet um 5.24 Uhr. Zwei Männer der Stadtwerke fluten die Unterführung mit einem Hochdruckreiniger. Ich springe auf, packe zusammen. Hermann und Buddy suchen das Weite. Und Lobo? Er bewegt sich keinen Millimeter, schläft einfach weiter. Die Männer spritzen um ihn herum. Ich setze mich in ein Café. Kraft tanken.

    Ab 8 Uhr erwacht die Unterführung zum Leben. Fußgänger kommen aus allen Richtungen, ihr Weg führt direkt vorbei an Lobos Lager. Geschäftsmänner mit Koffer, Rentner mit Hund, Studenten mit einem Becher Kaffee. Lobo streckt allen den Hintern zu.

    Als er ausgeschlafen hat, geht alles schnell. Er braucht morgens nur wenige Minuten. Er zieht Jacke und Schuhe an. Den Rest - Anglerweste, Jeans, Socken - trägt er sowieso immer. Die Morgentoilette erledigt er ruck, zuck im öffentlichen WC. Händewaschen? Unnötig! Seine Finger bleiben dunkelbraun, seine Nägel tiefschwarz. Zähneputzen? Lohnt nicht! Er hat nur noch drei Zähne. Rasieren? Seit Monaten nicht! Aber seinen Kater vom Vortag, den behandelt er. Sein Gegenmittel: ein Bier, ein "Booni". Ein neuer Tag, ein neuer Suff.

    Mittagessen in der "Cari". Hähnchen-Curry, Reis, Salat. Lobo stochert lustlos in seinem Teller herum. Er ist Alkoholiker, aber der gestrige Tag war selbst für ihn zu viel. Auf dem Rückweg zum "Zenti" läuft er noch langsamer als sonst. Und: Er will auf keinen Fall, dass ich auf ihn warte. "Geh!", brüllt er. "Geh weiter!"

    Lobo stakst wie ein Storch. Er holt bei jedem Schritt weit aus, kommt aber nur langsam voran. Eine bittere Folge seines Berberlebens. Es passierte 2006, in einer klirrend kalten Winternacht. Lobo kampierte stockbesoffen unter freiem Himmel. Als er aufwachte, war seine "Penntüte" ein Eisblock, sein Körper halb erfroren. In einer Notoperation wurden ihm zwei große Zehen und vier kleine amputiert. Seitdem hat er einen Behinderungsgrad von 80. Er hat Gleichgewichtsprobleme beim Treppensteigen - und gilt als erwerbsunfähig. Er kann nicht mehr arbeiten, selbst wenn er das wollte.

    Den übrigen Tag verbringt Lobo auf seiner Bank. Erst macht er ausgiebig Siesta. Später fragt er mich aus dem Nichts: "Warst du mal an der Chinesischen Mauer?" Wie er darauf kommt, bleibt unklar. Jedenfalls will er sagen: Er war dort. Nicht als Normalo-Tourist, sondern als Berber. Im Kongo war er, in Indien und Frankreich sowieso. In Nordafrika verdingte er sich als Söldner. In Australien lebte er bei Aborigines, in den USA bei den Indianern.

    Lügenbaron und Mutter Teresa

    Lobo schwant sofort, dass ich ihm das alles nicht glaube. Er erzählt oft von seinen Reisen, er kennt das Problem. Aber er ist vorbereitet. Wie auf Knopfdruck deklamiert er ein paar Worte Chinesisch, später wechselt er ins Arabische und ins Suaheli. Zumindest behauptet er das.

    Überhaupt gibt er sich gern gebildet. Er zitiert Lao-Tse, berichtet aus der Encyclopædia Britannica, führt Wörter auf ihre altgriechischen Wurzeln zurück. Seine Vorträge sind immer beeindruckend, manchmal aber barer Unsinn. Etwa wenn er mir Einsteins Relativitätstheorie als a² + b² = c² verkaufen will oder darauf besteht, dass Dresden an der Oder liegt.

    Lobo ist ein Mann der Straße, will aber ein Mann von Welt sein. Ein Mann, dessen Horizont von Paris bis Delhi reicht, nicht von der "Cari" bis zum "Zenti". Das bringt ihm viel Spott ein. Auch an diesem Abend. Als Hermann hört, dass Lobo von der Chinesischen Mauer spricht, grätscht er dazwischen: "Hör auf mit diesem Mauermist!" Hannes lästert: "Lobo müsste älter als Johannes Heesters sein, wenn er alles erlebt hätte, was er erlebt haben will."

    Wahrscheinlich lag es am Alkohol. Als Lobo sich später auf seinem Nachtlager ausstreckt, hält er mir noch eine bizarre Ansprache: "Ich bin Lobo, der Wolf. Ich bin - auch wenn ich das ungern sage - eine sehr, sehr große Macht." Hermann verdreht sofort die Augen. Ich verzichte auf Nachfragen. Und Buddy? Er ist seit Stunden verschwunden. Er hat der Freiheit der Straße erneut den Rücken gekehrt und ist zurück zu Frau und Tochter.

    1 Uhr nachts. Koblenz schläft. Keine Fußgänger mehr in der Unterführung, keine Autos auf der Kreuzung. Meine zweite Nacht wird angenehmer. Das Reinigungsteam hat ganze Arbeit geleistet. Der Uringestank ist weg. Nur: Lange hält das nicht. Denn ein Berber, der nachts raus muss, erledigt das vor Ort.

    ___MITTWOCH

    Zur Mittagszeit schält sich Lobo aus seiner "Penntüte". Er setzt sich auf seine Bank, macht BBZ und verkündet: "Heute arbeite ich mal was." Arbeiten? Lobo grinst hinter seinem Bart hervor. "Ich gehe auf Sitzung. Muss ja mal wieder Geld rein."

    Lobo will kein Normalo sein, keiner von diesen Menschen mit Arbeit und Wohnung. Aber er lebt ausschließlich von deren Zuwendungen. Und: Er hat damit erstaunlicherweise keinerlei moralisches Problem. Er bekommt monatlich 370 Euro Grundsicherung auf ein Bankkonto. Wenn ihm das nicht reicht, geht er auf "Sitzung" - er geht betteln.

    Lobos Bettelplatz liegt gleich neben seiner Bank, zwischen einer Commerzbank-Filiale und dem Eingang zum "Agostea", der größten Diskothek der Stadt. Wo die Fußgänger vorbeiströmen, wo ein Schnullerhut für Aufsehen sorgt. Hier setzt er sich auf seinen Seesack, wirft ein paar Münzen in eine Plastikschale und stellt sie vor sich auf den Boden. Jetzt heißt es warten - auf Normalos mit einem Herz für Berber.

    Anfangs läuft es schlecht. Lobo steht auf, holt einen dicken Schmöker aus dem Seesack und beginnt zu lesen. Er liest oft. Hannes und Hermann behaupten gar, er habe die Welt nie bereist, nur über sie gelesen. Lobo vertieft sich in einen Fantasy-Roman von Barbara Hambly. Es geht um "Sonnenwolf", einen Söldnerführer.

    Da klingelt die erste Münze in der Schale. Eine Mittfünfzigerin mit blondem Bob und pinken Fingernägeln schenkt Lobo ein Lächeln und einen Euro. Warum? "Ich werfe ihm immer was rein", erklärt sie mir. "Ich habe früher mal mit Obdachlosen gearbeitet." Später zieht eine Passantin (40) ein Schokoeis aus ihrer Einkaufstüte, drückt es Lobo in die Hand. "Ich habe gelernt, dass Jesus mich lieb hat", sagt sie mir. "Jetzt will ich etwas zurückgeben."

    Um 18 Uhr macht Lobo Feierabend. Er rührte den ganzen Nachmittag keinen Finger, löcherte niemanden: "Haste mal’n paar Cent?" Er saß da und las. Doch sein Lohn war fürstlich. Ein Eis, ein Päckchen Tabak und eine Handvoll Münzen, 15,30 Euro.

    Ein Normalo würde das Geld horten. Lobo ist anders. Er ist kein kühler Kalkulator, der heute an morgen denkt. Er ist ein Mann der Straße, der allen hilft, die darum bitten. Den Großteil des Geldes, gibt er in den nächsten Tagen weiter. Mal kauft er einer Frau zwei alte Jeans ab, die ihm gar nicht passen. Mal verleiht er 5 Euro an einen Drogensüchtigen, den er nicht einmal mit Namen kennt. Er verleiht oft Geld, fordert es aber nie zurück. Das verstieße gegen seine Berberehre.

    Für seine Abenteuergeschichten aus aller Welt wird Lobo belächelt, für seine bedingungslose Kameradschaft bewundert. Selbst von Hannes und Hermann, seinen schärfsten Kritikern. Sein Ruf ist eine Mischung aus Lügenbaron Münchhausen und Mutter Teresa.

    Drei Bier und drei "Boonis" später sitzt Lobo in der Unterführung und singt alte Lieder. Gemeinsam mit Eddie (44). Der ist spindeldürr, todkrank und eigentlich schon länger kein Berber mehr. Aber er macht mal wieder "Platte" mit Lobo, weil ihn seine Freundin aus der Wohnung geworfen hat. Beide schmettern Freddy Quinns "Hundert Mann und ein Befehl". Lobo, eigentlich eine Frohnatur, packt die Schwermut.

    ___DONNERSTAG

    Um 5.50 Uhr lärmt der Müllmann durch unser Nachtlager, ein Stiernacken mit Latzhose. Er fegt die Unterführung, zerrt einen Plastikkübel hinter sich her und macht mehr Krach als eine Horde Kampfpanzer. Dazu pfeift er ständig irgendeinen Melodiefetzen oder flucht, wenn er irgendwo mit seinem Besen hängen bleibt. Lobo, Eddie und Hermann schlafen weiter. Sie sind den Terror gewohnt. Ich bleibe wach.

    Kaum hat sich die Latzhose verzogen, stolpert Reimar (33) in die Unterführung. Ein Zwei-Meter-Schlacks mit weißem Hemd und Designerbrille. Er kommt aus der Kneipe, ist ziemlich betrunken und will etwas Gutes tun. Er kennt weder Lobo noch Eddie oder Hermann. Aber er hat Frühstück für sie gekauft, legt jedem ein Schnitzelbrötchen auf die "Penntüte".

    Als ich ihm nacheile, um mit ihm zu reden, beschimpft er mich. Sein Standpunkt: Wer Obdachlosen Brötchen schenkt, ist ein guter Mensch. Aber wer über sie in der Zeitung berichtet, ist ein Voyeur. Ich erkläre ihm, dass Lobo freiwillig hier schläft. Er glaubt mir kein Wort. "Hier?", grantelt er. "Niemand pennt hier freiwillig!"

    Reimar ist durch und durch Normalo. In seiner Vorstellung ist jeder Obdachlose ein Opfer. Jeder Obdachlose erlitt einen Schicksalsschlag und lebt seither am Rand der Gesellschaft. Und: Jeder Obdachlose wünscht sich nichts sehnlicher, als in die Mitte zurückzukehren. Ein Obdachloser, der freiwillig obdachlos ist, passt nicht in Reimars Weltbild. Bald ist er stinksauer und läuft davon.

    Keinen Kontakt mehr zur Familie in Hamburg

    Vielleicht erlitt Lobo einen Schicksalsschlag - aber er sieht sich nicht als dessen Opfer. Er sieht sich als Aussteiger aus seinem Normalo-Leben. Einem Leben in Hamburg, das ihm kein Glück brachte: Mit 15 beendete er die Schule ohne Abschluss. Mit 16 schmiss er seine Lehre als Fachverkäufer für Farben und Tapeten. Mit 17 stach er auf einen Kumpel ein, weil der ihn bei der Polizei verpfiffen hatte. Mit 21 kam er aus dem Gefängnis und wurde Berber. Warum? "Weil ich die Schnauze voll hatte!", sagt er heute. Das strenge Reglement in der Haft war ihm ein Graus, ähnlich wie in der Schule und in der Lehre. Künftig sollte ihm niemand mehr vorschreiben, was er tun muss, welche Kleidung er zu tragen hat, wie viel er trinken darf.

    Er kappte alle Verbindungen zu seinem früheren Leben. Er verließ Hamburg, beendete jeglichen Kontakt zu seiner Familie und legte seinen bürgerlichen Namen ab. Ich darf ihn nicht nennen - das musste ich Lobo versichern, bevor er zustimmte, dass ich ihn begleite. Er will nicht, dass seine Familie erfährt, wie und wo er lebt.

    Lobo macht seit 33 Jahren "Platte". Früher mit Eisenhans und Hufschmied-Henry, heute mit Hermann. Früher reiste er viel, heute kampiert er in Koblenz, manchmal in Bad Ems oder Limburg. "Eine Heimatstadt? Habe ich keine", sagt er. "Koblenz mag ich aber irgendwie." Er war seit Jahren nicht mehr in Hamburg. Sein Vater ist tot. Ob seine Mutter noch lebt, weiß er nicht. Ob er selbst Kinder hat, sagt er nicht.

    Will Lobo zurück in die Mitte der Gesellschaft? Will er eine Wohnung? Irgendwann? Er sitzt nachmittags auf seiner Bank, als ich ihn das frage. Er hat sich beim Metzger zwei Frikadellen mit Kartoffeln geholt und an der Bushaltestelle verdrückt. Jetzt blickt er zufrieden auf die Clemensstraße und verfolgt den Verkehr. Dass er sich einen ordentlichen Schluck Zigeunersoße über die Jacke gekippt hat, betrübt ihn nicht im Geringsten.

    „Solange ich meinen Seesack noch tragen kann, will ich keine Wohnung.“ Lobo möchte weiter auf der Straße leben.

    "Eine Wohnung?!", feixt Lobo. "Nicht, solange ich mein ,Gerödel‘ noch tragen kann." Woher diese Abscheu gegen eine Wohnung kommt, bleibt Lobos großes Geheimnis. Er hatte ja nie eine eigene. Er ging von zu Hause direkt auf die Straße. Heute bezieht er Grundsicherung, hat deshalb einen gesetzlichen Anspruch darauf, dass ihm die Stadt Koblenz eine Wohnung bezahlt. Er müsste sich nur darum kümmern.

    Es ist mein letzter Abend. Lobo und ich sitzen auf der Bank, neben uns Hermann und Eddie. Wir trinken ein Abschiedsbier. Plötzlich donnert ein dunkler Sportwagen heran. Ein Halbstarker krakeelt etwas aus dem Beifahrerfenster, zieht eine Pistole - und spritzt jedem von uns eine Ladung Wasser gegen die Brust. Ich hoffe, es war Wasser. Ehe jemand reagieren kann, rast der Wagen davon. Ich koche vor Wut, die anderen nehmen es erstaunlich gelassen. Sie wissen: Die wenigsten Normalos schenken ihnen Schokoeis oder Schnitzelbrötchen. Viele halten sie für "Scheißpenner" und behandeln sie auch so.

    ___FREITAG

    Frauen kreischen, Männer grölen, Motoren jaulen. In der Unterführung und oben auf der Kreuzung herrscht Ausnahmezustand - die ganze Nacht. Im "Agostea" steigt eine Studentensause. Eine An- und Abreiseroute der Gäste verläuft quer durch unser Nachtlager. Aufgedonnerte Nachwuchsdiven, volltrunkene Vorstadtrambos, irgendwer stampft immer bei uns vorbei. Meine drei "Pennbrüder" schlafen dennoch. Ich mache kein Auge zu.

    Lobo verzichtet auf alles, was Normalos wichtig ist

    Gegen 3.30 Uhr poltert eine Frau mit drei angetrunkenen Männern in die Unterführung - ich hebe kurz den Kopf aus dem Schlafsack. Das war der Fehler. Lobo hatte mich gewarnt: Nachts nicht ansprechen lassen! Das gibt nur Ärger! Die Frau, Anfang 20, ist völlig aufgelöst, als sie uns dort liegen sieht. "Willst du ne‘ Currywurst?", fragt sie mich. "Komm, ich geb dir Geld." Ich will schnell raus aus der Nummer, aber keine neue Debatte Reimar‘scher Art. Also beschließe ich, die Münzen zu nehmen - und am Morgen Lobo zu geben.

    Plötzlich will es einer der Männer ganz genau wissen. Er stellt sich neben meine Isomatte und mault von oben herab: "Warum liegst du hier?" Und: "Warum arbeitest du nicht?" Er glaubt ernsthaft, ein Recht auf Auskunft zu haben. Weil ich hier liege. Und weil mir seine Freundin ein paar Euro gab, um die ich nie gebeten hatte. Er wird immer aggressiver. Da reicht es mir. Ich gebe das Geld zurück. Debatte beendet.

    So ist das Berberleben. So ist die Freiheit, von der Lobo schwärmt. Wer Pech hat, hat nachts plötzlich vier Fremde bei sich auf der Matte stehen. Nicht immer endet das friedlich. Lobo bekam öfter ungebetenen Besuch, Schläger, Räuber, Skinheads. Darum lässt er den Reißverschluss seiner "Penntüte" stets offen, er will im Notfall schnell auf die Beine kommen.

    Auf eine sichere Schlafstätte verzichtet Lobo. Er verzichtet eigentlich auf alles, was Normalos wichtig ist. Geld, Beruf, Auto. Computer, Fernseher, Telefon. Haus, Garten, Familie. Vor allem verzichtet er auf jegliche Privatsphäre. Er hat eine Art öffentliches Schlafzimmer, das jeder jederzeit betreten darf. Er kann nie eine Tür hinter sich zuziehen, nachts nicht einmal das Licht ausschalten. Lobo übt Verzicht, weil er sein Leben radikal einer einzigen Sache verschrieben hat - der Freiheit. Freiheit heißt für ihn: mit Kumpels saufen, im Freien schlafen und sich um nichts kümmern müssen.

    Lobo ist ein misstrauischer Mensch, das Leben auf der Straße hat ihn dazu gemacht. Aber einer Person vertraut er. Weil sie liebevoll seine malträtierten Zehen pflegt, weil sie ihm frische Klamotten gibt, weil sie ihn akzeptiert, wie er ist - und doch ändern möchte. Schwester Andrea (70) ist die "Cari" von ihrer gütigsten Seite.

    "Sie wollten doch früher da sein", seufzt die Schwester, als Lobo und ich gegen 11 Uhr in ihren Behandlungsraum kommen. "Ja, wissen Sie", versucht er es mit einer Notlüge, "die Kollegen haben mich nicht geweckt." Ein sonderbares Aufeinandertreffen. Er, der Waldschrat mit Schnullerhut und mächtigem Bart. Sie, die zierliche Ordensschwester in weißem Kleid und Schleier. Lobo setzt sich auf die Krankenliege. Sofort beginnen die Verhandlungen. Sie will, dass er nach gut fünf Tagen endlich wieder mal duscht - er lehnt ab. Sie will ihn rasieren und ihm die Haare schneiden - lehnt er auch ab. Immerhin: Sie bringt ihn dazu, dass er sich die Hände wäscht und das Schwarze aus den Nägeln pult. "Was für ein Dreck!", staunt sie. "Ja, Schwester", flachst Lobo, "ich lebe nicht im Hilton."

    Zurück am Zentralplatz setzt sich der "einsame Wolf" auf seine Bank an der Bushaltestelle. Für ihn beginnt ein neuer Tag als Berber, ein neuer Tag in Freiheit. Für mich ist Schluss hier. Ich bin sehr dankbar, dass mir der "Wolf" sein Revier gezeigt hat. Aber jetzt muss ich nach Hause. Ich stinke wie ein Iltis. Ich will duschen.

    Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

    ___NACHTRAG

    Inzwischen hat die Stadt Koblenz die Unterführung am Zentralplatz gesperrt. Ab März 2012 soll sie zurückgebaut werden. Lobo ist noch auf der Suche nach einem neuen dauerhaften Quartier.

    Wohnungslose in der ersten Reihe: Lobo hat letzte Ruhe gefunden"Lobo, der Wolf vom Zentralplatz": Lokaljournalistenpreis für unsere ZeitungAls PDF: Lobo, der Wolf vom Zentralplatz„Solange ich meinen Seesack noch tragen kann, will ich keine Wohnung.“ Lobo (57), Berber.RZ-INTERVIEW: Der "Wolf vom Zentralplatz" hat jetzt eine Wohnung
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