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  • Versorgung im Westerwald: Patienten warten bis zu einem Jahr auf Psychotherapie

    Westerwald. Offiziell gilt die Versorgung als überdurchschnittlich hoch: Das ist schwer zu glauben, denn psychisch Erkrankte müssen im Westerwald bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz warten.

    In Vorgesprächen ermitteln Ärzte gemeinsam mit den Patienten ein individuelles Therapiekonzept. Unser Foto zeigt den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Dernbacher Tagesklinik, Frank Lücke.  Foto: Verena Hallermann
    In Vorgesprächen ermitteln Ärzte gemeinsam mit den Patienten ein individuelles Therapiekonzept. Unser Foto zeigt den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Dernbacher Tagesklinik, Frank Lücke.
    Foto: Verena Hallermann

    Die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung im Westerwald sieht zunächst mit Blick auf die Zahlen gut aus: Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz gibt es 39 Psychotherapeuten im Kreis. Das bedeutet gemäß Bedarfsplanungsrichtlinien eine überdurchschnittliche Versorgung von mehr als 110 Prozent. Dennoch sieht das in der Praxis anders aus, berichten Frank Lücke, Chefarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und der Leitende Psychologe im Herz-Jesu-Krankenhaus Dernbach, Dr. Frithjof Niegot. Die Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Dernbacher Krankenhauses ist ganzjährig voll belegt. Mehr noch: Die Nachfrage übersteigt die tatsächlich vorhandenen Therapieplätze. "Wir haben einen enormen Zulauf", betont Niegot. "Das ist über die Jahre immer mehr geworden."

    Weil im Westerwaldkreis die ärztliche Versorgung im psychischen Bereich bei über 110 Prozent liegt, ist eine Niederlassung neuer Therapeuten und Ärzte teilweise nicht möglich: Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Nervenärzte (Psychiater) und Psychotherapeuten können sich im Westerwald nur dann niederlassen, wenn sie eine frei werdende Praxis übernehmen. Ärztliche Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychiater sind dagegen nicht gesperrt. Ausschlaggebend ist die Einwohnerzahl einer bestimmten Region. Das durchschnittliche Alter der Psychotherapeuten im Westerwaldkreis beträgt 53 Jahre. Nervenärzte (Psychiater) sind im Kreis durchschnittlich 55 Jahre alt.

    Für die Patienten bedeutet das zum Teil lange Wartezeiten. Während ein Termin für ein Vorgespräch in der Regel in einer Woche bis zu zwei Monaten vergeben werden kann, kann es bis zum Therapiebeginn in der Tagesklinik zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern. Wartezeiten, die einem schnellen Therapiebeginn entgegenstehen, hebt Niegot hervor. "Wir sind sehr unzufrieden damit", sagt der Leitende Psychologe. "Das entspricht nicht unseren Wünschen. Aber die Patienten nehmen das für unser breites Therapieangebot in Kauf." Ziel ist, langfristig Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen. Das bedeutet, die 2001 errichtete Tagesklinik mit anfangs 20 und heute 40 Therapieplätzen, erneut zu erweitern. Doch dies liegt nicht in den Händen der Klinik. Ein entsprechender Antrag muss beim rheinland-pfälzischen Ministerium für Gesundheit gestellt werden.

    Zwischen 300 und 400 Vorgespräche werden im Jahr alleine in der psychiatrischen Abteilung des Dernbacher Krankenhauses geführt, berichtet Chefarzt Lücke. "Unser therapeutisches Angebot hat sich gut im Westerwald etabliert", so Lücke. "Wir sehen uns als psychiatrische Haupteinrichtung im Kreis." Mit den Patienten, die zunächst nicht in der Tagesklinik aufgenommen werden können, werden alternative Lösungswege erarbeitet. Aus den Gesprächen mit den Menschen weiß Lücke, dass die Hilfesuchenden schon oftmals lange Wege hinter sich haben.

    Die Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Dernbach ist entstanden, um den Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich für Patienten zu vereinfachen. Heute kommen die meisten Patienten direkt in die Tagesklinik, ohne zuvor stationär behandelt worden zu sein. Die Therapiestundenzahl liegt zwischen 30 und 35 in der Woche. Es erfolgen Einzel- sowie Gruppentherapien mit etwa acht bis neun Teilnehmern. Das Konzept „Patientenpaten“ wird angewendet. Dabei wird ein Neuankömmling einem Patienten zugeordnet, der sich bereits auskennt und helfen kann. Drei Fachärzte, zwei Psychologen und mehr als 20 Spezialtherapeuten und Fachleute sind in der Tagesklinik beschäftigt.

    Die ärztliche Diagnose, dass es sich um eine psychische Krankheit handelt, könne sich über Jahre hinziehen. Laut Lücke haben 20 Prozent der Menschen, die sich an einen Hausarzt wenden, eine psychische Erkrankung. Zudem spiele Scham eine Rolle. "Viele warten tendenziell zu lange, bis sie sich an einen Experten wenden", weiß der Chefarzt. "Obwohl die Hemmschwelle über die Jahre gesunken ist." Ein großes Problem sind dabei die Wartezeiten, macht der Chefarzt deutlich. "Die Patienten berichten von unendlich langen Wartezeiten vor allem im psychotherapeutischen Bereich", sagt er. Wie kann das sein, dass die Zahlen eine Überversorgung im psychischen Bereich dokumentieren aber die Menschen monatelang warten müssen? Niegot hat eine Erklärung. "Die Zahlen stammen noch aus den 90er-Jahren", sagt er. "Das war für die damalige Zeit schon zu wenig. Nun ist die Nachfrage noch gestiegen. Aber an den Zahlen hat sich nichts verändert." Hauptgrund, warum sich die Menschen an die Tagesklinik wenden, sind Depressionen. Etwa 80 Prozent der Patienten leiden neben anderen psychischen Erkrankungen an einer Depression. Auch traumatische Erlebnisse und Angsterkrankungen spielen eine große Rolle. Die häufigste Patientengruppe sind Menschen Anfang/Mitte 40, behandelt werden aber auch Personen ab 18 Jahre bis ins hohe Alter. Der Anteil von Frauen (60 bis 70 Prozent) ist höher. "Die Menschen brauchen unbedingt Hilfe", betont Niegot. "Umso dramatischer ist es, dass die Wartezeiten so lang sind."

    Von unserer Reporterin Verena Hallermann

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