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  • Sportgeschichte: Jüdischer Verein Bar Kochba steht für vergessenes Kapitel

    Idar-Oberstein. Mit ihrem im Dezember vergangenen Jahres erschienenen Buch "Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland" wollen die niedersächsischen Sporthistoriker Lorenz Peiffer und Henry Wahlig Material für lokale Spurensuchen liefern.

    Am 4. November 1934 riefen jüdische Sportlerinnen und Sportler in Idar-Oberstein einen eigenen Makkabi-Verein ins Leben.
    Am 4. November 1934 riefen jüdische Sportlerinnen und Sportler in Idar-Oberstein einen eigenen Makkabi-Verein ins Leben.

    Bezogen auf die Nahe-Hunsrück-Region ergibt sich dank ihrer Vorarbeit und weitergehender Recherchen vor Ort schon jetzt ein bemerkenswerter Einblick in den nach einem jüdischen Freiheitskämpfer benannten Sportverein Bar Kochba Idar-Oberstein, der unter den kritischen Augen der nationalsozialistischen Behörden von 1934 bis 1937 existierte.

    Obwohl es seit 1898 in Deutschland jüdische Sportvereine gab, waren in ihnen nur wenige Juden organisiert. Die allermeisten jüdischen Sportler bevorzugten normale Klubs. Dem TV Oberstein gehörten zum Beispiel ganz selbstverständlich Karl Herz und Willy Emanuel an. Max Baer war Mitglied des FC Idar, und die Brüder Willy, Theo und Max Siesel kickten als Schüler für die Spvgg Nahbollenbach. 1933 änderte sich das schlagartig. In vorauseilendem Gehorsam leiteten die Turner ein Vierteljahr nach der Machtübergabe an Hitler die sogenannte Arisierung ihres Verbandes ein. Dabei gingen sie sogar über die erst 1935 von den Nationalsozialisten eingeführten Nürnberger Gesetze hinaus und schlossen selbst Vierteljuden aus. Fast alle anderen Sportverbände folgten den Turnern. Allein der DFB beließ es bei vergleichsweise zurückhaltenden Regeln. Prompt vereinbarten daraufhin - vor allem im Südwesten - etliche Vereine eine weitergehende Arisierung und schlossen selbst langjährige und überaus verdiente jüdische Mitglieder aus.

    Eigene Vereine wurden gegründet

    Wie sehr sich der Antisemitismus in der Bevölkerung ausgebreitet hatte und keineswegs von oben verordnet werden musste, zeigte sich auch in Idar-Oberstein. Ungeachtet der Tatsache, dass die Reichsregierung im Vorfeld der prestigeträchtigen Olympischen Spiele bis 1936 den Eindruck zu erwecken versuchte, Juden dürften sich im Dritten Reich ungehindert sportlich betätigen, forderte 1933 der Obersteiner NSDAP-Ortsgruppenleiter von Sportvereinen "in dreifacher Ausfertigung" die Vorlage ihrer Mitgliederlisten an. Augenscheinlich sollten Partei, Kommunalbehörden und Polizei unabhängig voneinander kontrollieren, ob die einzelnen Vereine erfolgreich arisiert waren oder nach wie vor noch Juden in ihren Reihen duldeten.

    So vom allgemeinen Vereinsleben ausgeschlossen, blieb jüdischen Sportlern nichts anderes übrig, als eigene Klubs aufzubauen. Reichsweit bemühten sich vor allem zwei Verbände um die Opfer der Arisierung. Zum einen der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, dessen Vereine sich RjF oder Schild nannten, und zum anderen die zionistische Makkabibewegung, deren Vereine meist Bar Kochba oder Makkabi hießen. Vor 1933 hatte der Reichsbund - auch in Oberstein - innerhalb der antifaschistischen Eisernen Front offensiv gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Im Dritten Reich strebte der deutschnational eingestellte Verband dann gegenüber den NS-Machthabern nach uneingeschränkter gesellschaftlicher Akzeptanz - ein aussichtsloses Unterfangen, wie man viel zu spät einsehen musste. Makkabi beharrte dagegen selbstbewusst auf dem Judentum im Sinne Theodor Herzls, des Vordenkers eines eigenen israelischen Staates.

    Innerhalb des heutigen Rheinland-Pfalz gehörten 12 von 17 jüdischen Sportvereinen Schild an. Nur vier zählten zu Makkabi. Da es in Idar-Oberstein eine Gruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten gab, hätte es nahegelegen, auch hier einen Schild-Verein zu gründen. Weil der Landesteil Birkenfeld aber bereits seit 1932 eine Kommunalverwaltung mit NS-Kreisleiter Herbert Wild an der Spitze hatte, erkannten die jüdischen Sportler an der oberen Nahe früher als ihre Glaubensbrüder in anderen Regionen, wie aussichtslos das Bestreben des Reichsbunds war, und fühlten sich deshalb bei Makkabi besser aufgehoben.

    Am 4. November 1934 riefen jüdische und Sportler in Idar-Oberstein einen eigenen Klub ins Leben. Knapp vermerkte der nachfolgende Monatsbericht des Geheimen Staatspolizeiamts Oldenburg: "In Idar-Oberstein ist ein jüdischer Turn- und Sportverein mit dem Namen Bar Kochbar gegründet worden, der von einem jüdischen Arzt im Stadtteil Tiefenstein geführt wird." Wie fremd den Nazis der ungeliebte Zusammenschluss war, belegt schon die falsche Schreibweise des Vereinsnamens. Unter dem Vorsitz von Dr. Franz Spitzer bot Bar Kochba Fußball, Handball, Tischtennis, Leichtathletik und sogar Skisport an. Aus Frankfurt angereist waren als Gründungsberater der bekannte Handballer Max Flörsheim, der zugleich Fachwart des Deutschen Makkabikreises war, und sein Kollege Julius Schick, der die Fußballabteilung im Makkabi-Sportausschuss leitete. Ihnen zur Seite stand ein vermutlich aus Berlin gekommener Vertreter der Bundesleitung von Makkabi Hazair, dem Makkabi-Jugendverband. Keinesfalls sollte Bar Kochba nur rein sportliche Aktivitäten anbieten. Vielmehr verlangte Makkabi von seinen Vereinen auch kulturelles Engagement, das Hauskonzerte, Heimabende und hebräischen Sprachunterricht einschloss. Damit sollten die Mitglieder gezielt auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet werden.

    Aus heutiger Sicht lässt sich nur schwer nachempfinden, unter welchen extremen Beeinträchtigungen die Arbeit von Bar Kochba litt. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Idar-Oberstein nur noch rund 130 Juden. Für einen Breitensportverein war das bei Weitem zu wenig. Deshalb mussten Sportler aus 18 Gemeinden in einem Umkreis von mehr als 50 Kilometern gewonnen werden, was regelmäßiges Training unmöglich machte. Dazu kam: Öffentliche Sportplätze waren für Bar Kochba nicht oder nur sehr eingeschränkt nutzbar. Im Regelfall spielten die Fuß- und Handballer auf der Struth. Wahrscheinlich musste öfter auf Plätze im Umland ausgewichen werden.

    Große Probleme bereiteten weite Reisen zu auswärtigen Wettkämpfen, die sich häufig nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchführen ließen. Besonders hinderlich waren ständige Spielerwechsel und -verluste. Dauernd galt es, Sportler, die auswanderten, zu ersetzen. Bis zum Verbot der jüdischen Vereine nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 hatten reichsweit etwa 40 Prozent der Makkabi-Sportler Deutschland verlassen und meist in Westeuropa oder Palästina Zuflucht gesucht.

    Hohes Maß an Idealismus

    All diese Widrigkeiten lassen sich aus den Spielberichten der jüdischen Sportpresse ablesen. Im Frühjahr 1935 berichtete die Berliner Zeitung "Makkabi" über den Besuch eines hochrangigen Funktionärs in Idar-Oberstein und gelangte zu der Schlussfolgerung: "Es dürfte kaum einen Makkabiverein in Deutschland geben, der die großen Schwierigkeiten zu überwinden hat, denen der Idar-Obersteiner Club gegenübersteht." Umso höher bewertete der auswärtige Besucher ein "außerordentliches Maß an Opferbereitschaft, Idealismus und Disziplin" der 150 Vereinsmitglieder.

    Mit seiner Fußballmannschaft nahm Bar Kochba am Rundenspielverkehr der Arbeitsgemeinschaft jüdischer Turn- und Sportvereine Süd-West-Deutschlands teil, wo man allerdings regelmäßig früh ausschied. Freundschaftsspiele führten die erste Fußballmannschaft unter anderem nach Trier, Koblenz, Saarbrücken, Mainz, Hanau und Frankfurt. Im Januar 1935 urteilte das Hamburger "Israelitische Familienblatt" nach einer 2:4-Niederlage in Hessen: "Die Idar-Obersteiner Makkabileute hinterließen in Friedberg durch ihr schnelles und sehr faires Spiel einen sehr guten Eindruck."

    Zu den Glanzpunkten der kurzen Vereinsgeschichte zählte Anfang 1935 ein 4:4 in Trier. Nach Darstellung der "Jüdischen Rundschau" war dies "deswegen bemerkenswert, da RjF Trier eine der spielstärksten Mannschaften Westdeutschlands" hatte. Ab Februar 1935 trat für Bar Kochba sogar eine zweite Fußballmannschaft an. Später kam noch eine Schülermannschaft hinzu. Nachgewiesen sind überdies offizielle Einsätze der Handballerinnen, Leichtathleten und Tischtennisspieler. Den Skiläufern stand im Erzgebirge eine verbandseigene Skihütte zur Verfügung.

    Kurz vorm Ende gab es ein 1:7

    Ein letzter nachweisbarer Bericht über die jüdischen Idar-Obersteiner Fußballer stammt vom Januar 1937. Auf eigenem Platz verlor die durch Auswanderungen merklich ausgezehrte Mannschaft gegen Bar Kochba Frankfurt, den zweifachen deutschen Makkabi-Meister, mit 1:7. Kurze Zeit später löste sich der Verein wahrscheinlich auf. 1939 wanderte Dr. Franz Spitzer, der Vereinsvorsitzende, nachdem er sich schon 1935 vergeblich in Trier versucht hatte, sich niederzulassen, aus. Nur ein Halbsatz in einem 1985 veröffentlichten Artikel des Exilanten Max R. Salomon über "jüdische Familien in Idar-Oberstein und Umgebung" erinnerte nach dem Ende der NS-Diktatur daran, dass "im ‚Mak[k]abi‘ auf der Struth Fußball gespielt" wurde. Axel Redmer

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