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    Kreis BirkenfeldHausärzte sind schon bald Mangelware - Region besser verkaufen

    Landärzte sollen vom Einzelkämpfer zum Teamplayer werden und die Zukunft im Blick haben. Junge Kollegen sollen die ländliche Region attraktiv finden: Dem drohenden Ärztemangel soll begegnet werden. Doch Lösungen auf Rezept gibt es nicht

    Auf dem Weg der Besserung? Imagekampagne soll Ärzte in den Kreis locken.
    Auf dem Weg der Besserung? Imagekampagne soll Ärzte in den Kreis locken.
    Foto: dpa

     

    Dabei drängt die Zeit, denn es zeichnet sich ab, dass es in einigen Bereichen im Kreisgebiet – darunter in der Stadt Idar-Oberstein, der VG Baumholder und der VG Herrstein – schon bald schwierig werden dürfte mit Blick auf die hausärztliche Versorgung. Darum ging es auch bei einer Veranstaltung, zu der die Kreisverwaltung Birkenfeld Ärzte, Kommunalpolitiker und Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz in die Idar-Obersteiner Stadtverwaltung eingeladen hatte.

    Der Infonachmittag klingt nach: Wirklich zufrieden ging niemand nach Hause, wie die NZ in Gesprächen mit einigen Akteuren feststellte. Vielmehr dominieren Ratlosigkeit und Unmut. Landrat Matthias Schneider kommentiert: „Medizin wird weiblicher, die Meidung des Investitionsrisikos durch junge Ärzte, hohe Einkommensmöglichkeiten an den Krankenhäusern, der Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance, sehr hoher administrativer Aufwand bei freiberuflicher Niederlassung: Allein diese Faktorenmischung zeigt, dass die Kommunen nur zu einem kleinen Teil das Problem in der Hand haben.“

    Beim Studienbewerber bereits wichtig: soziales Engagement

    Spätestens hierdurch werde deutlich, dass es ein Patentrezept zur ärztlichen Versorgung auf dem Land nicht gebe. Nachdem keine Lockerung des Numerus Clausus (NC) fürs Medizinstudium in Aussicht gestellt werde und auch keine Ausweitung der Studienplatzkontingente für Medizin zu erreichen gewesen sei, habe man sich darauf verständigt, zusätzlich die Vorauswahl zur Studiumszulassung auch auf das soziale Engagement der Studienplatzbewerber zu stützen: „Meines Erachtens ist das sinnvoll.“

    Konzentration der Ärzte in den Mittel- und Grundzentren

    Die Veranstaltung in Idar-Oberstein habe gezeigt, dass sich eine zunehmende Konzentration der Ärzte in den Mittel- und Grundzentren abzeichnet. Besorgniserregend sei in der Tat die Entwicklung in der VG Baumholder: „Soweit ich dort jedoch die Gegenmaßnahmen kenne, gibt es hier durch die SHG-Kliniken und die VG getragen, einen vielversprechenden Ansatz.“ In der VG Baumholder sind die fünf Hausärzte zum Teil weit über 60 Jahre alt. Diese Ärzte haben Kinder, worunter nach NZ-Informationen neun Ärzte sind, die aber offenbar nicht die Nachfolge antreten wollen. Ganz anders sieht das in der VG Birkenfeld aus, wo sich die Nachfolge auch aus der eigenen Familie rekrutiert.

    "Zuviel Bürokratie schadet nur"

    Der Baumholderer VG-Chef Bernd Alsfasser setzt unter anderem auf einen neuen Flyer unter dem Motto „Wir suchen dich – Werde Arzt auf dem Land“, der gezielt junge angehende Ärzte ansprechen und die Region schmackhaft machen soll. „Im kleinen Kreis müssen passgenau individuelle Lösungen gefunden werden. Zu viel Bürokratie schadet da nur.“

    Schneider stellt unterdessen klar: „Die Analysegebiete mit der kreisweiten Betrachtung sind zu grob gefasst. Eine fachgerechte Entwicklung muss sich wohl eher an der Größe der Verbandsgemeinden orientieren. Hieran will sich auch nach nochmaliger Rücksprache mit mir die KV im Rahmen ihrer personellen Möglichkeiten beteiligen.“ Insofern wäre nun der nächste Schritt die weitere Vertiefung in der Betrachtungseinheit der Verbandsgemeinden. Einer der nächsten wichtigen Schritte wird es sein, im Hinblick auf die demografischen Verschiebungen in unserem Landkreis zunächst die zu erwartenden, tatsächlichen Bedarfe zu konkretisieren und dann das ÖPNV-Angebot hierauf abzustellen, um die noch vorhandenen Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen."

    Neuer Zuschnitt der Räume, kreative Transport-Lösungen

    NMit ÖPNV könnten natürlich nicht die herkömmlichen Buslinien gemeint sein, sondern hier müsse über ein flexibles Fahrgastangebot und dessen termingerechter Einsatz zum Arzttermin in der Praxis nachgedacht werden.

    Gegenwärtig sind im Kernbereich des Kreises Birkenfeld, also um die Stadt Idar-Oberstein und die angrenzenden Gemeinden im Radius von fünf Kilometern Luftlinie, 28 Hausärzte zugelassen. In den nächsten fünf Jahren werden vermutlich zehn davon früher oder später altersbedingt ausscheiden, im ungünstigen Falle auch mehr, also mindestens ein Drittel der Hausärzte. Einen Kahlschlag werde es in den Gemeinden um die Stadt herum geben. In Kirschweiler, in Teilen auch in Herrstein und Weierbach, würden Arztsitze verschwinden, mittelfristig wohl auch in Kempfeld, prognostiziert ein „alteingesessener“ Arzt aus dem Kreis Birkenfeld (Name ist der Redaktion bekannt). Nahbollenbach sei bekanntlich als Arztsitz bereits verschwunden. Auch aus Richtung Kirn, Morbach, Rhaunen und von der Kuseler Seite aus sei eine weitere Ausdünnung der Hausarztversorgung zu erwarten.

    Statistik sieht düster aus für Kreis Birkenfeld - Stadt positiv

    Lediglich in Birkenfeld sieht die Lage noch recht gut aus. Dort sitzen etliche noch relativ junge Hausärzte. Allerdings ist der Frauenanteil recht hoch. Ärztinnen, die wegen ihrer familiären Situation mit kleinen Kindern nicht voll arbeiten, gehören dazu. Der Arzt kommentiert in einem Schreiben an die NZ weiter: Bereits jetzt sei es vor allem in Idar-Oberstein und Umgebung für manche Hausarztpatienten schwierig, einen betreuenden Arzt zu finden. Ähnlich sieht es bei den fachärztlichen Grundversorgern aus. Für den gesamten Kreis Birkenfeld gibt es nur einen Hautarzt, einen HNO-Arzt und zwei Urologen. Viele Patienten fahren inzwischen zu Hautärzten nach St. Wendel, Hermeskeil oder Kreuznach. Angespannt ist wohl auch die gynäkologische und pädiatrische Versorgung, berichtet der Mediziner.

    Der Idar-Obersteiner OB Frank Frühauf setzt darauf, dass man die Region besser verkaufen müsse. Initiativen wie der neue Imagefilm der Stadt seien der richtige Weg. Sie müssten an Universitäten an den Mann oder die Frau gebracht werden. Entscheidend sei auch die Frage, wie man gezielter Werbung machen könne. Da spielten auch die Assistenzärzte eine Rolle: „Wenn die erst einmal hier am Krankenhaus wären, dann die große Liebe finden: Dann bleiben die auch.“

    Frühzeitig Ärzte locken: "Wenn die erst mal hier wären..."

    Maren Hoffmann, die die Herrsteiner Verwaltungsführung offiziell bei Fragen und Projekten, die den demografischen Wandel betreffen, unterstützt, betont: Die VG-Verwaltung Herrstein sehe sich angesichts der sich abzeichnenden Problematik der Hausarztversorgung in der VG Herrstein in der Verantwortung und würde gern gemeinsam mit den vorhandenen Ärzten mögliche Konzepte entwickeln, die zukunftsfähig seien. Allerdings: Ohne den Kooperationswillen der Ärzte könne die VG dies allein nicht leisten. Kümmere sie sich nicht, werde irgendwann – spätestens, wenn der nächste Arztsitz nicht nachbesetzt werden kann – vermutlich von Bürgern gefragt werden, warum sich denn niemand gekümmert habe.

    Die Ärztesituation in der VG Rhaunen lässt aktuell eine geordnete medizinische Versorgung zu. „Wir haben im Moment vier Hausarztpraxen mit fünf Kassenzulassungen und insgesamt sechs Hausärzte, die die gesamte VG Rhaunen – inklusive Hausbesuchen – versorgen“, berichtet VG-Chef Georg Dräger.

    Die Sache mit dem "Seehofer-Bauch"

    In der Sitzung der KV vergangene Woche wurde der Effekt des „Seehofer-Bauchs“ angesprochen: Es gab unter dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer eine Reform, die zu einer eingeschränkten und kontrollierten Vergabe von Ärztezulassungen für die gesetzliche Krankenkasse führte. Kurz vor der Reform ließen sich noch viele Ärzte schnell nieder, um einer späteren Limitierung der Zulassung aus dem Weg zu gehen. Diese Ärzte sind häufig in ähnlichem Alter und gehen demnächst alle auf einen Schlag in den Ruhestand. Auf einer Sicht von bis zu fünf Jahren könne dies auch in der VG Rhaunen passieren, sagt Dräger. Die KV gehe aktuell noch von einer Überversorgung von Hausärzten aus, berücksichtigt nach ihrem zugrunde liegenden System aber nicht die zukünftige Entwicklung. So könne auch in der VG Rhaunen ganz schnell die Versorgungssituation kippen, und es blieben nur noch wenige Ärzte übrig, wenn der Rest in den Ruhestand geht. Die verbleibenden Ärzte müssten dann das Mehr an Patienten auffangen, wenn es denn die Kapazitäten hergeben: „Der Weg von einer leichten Überversorgung in eine Unterversorgung ist daher absehbar.“ Man beschäftige sich mit möglichen Maßnahmen zur Arztansprache und -ansiedlung.

    Karoline Hautmann-Strack, Obfrau der Kreisärzteschaft, fasst die Situation aus ihrer Sicht zusammen: „Wir haben keinen Ärztemangel, sind sogar etwas überversorgt, wie bei der Veranstaltung in Idar-Oberstein vonseiten der KV erläutert wurde.“ Zu beachten sei: „Jede der vertretenen Gruppen – Ärzte, Politik und KV – hat unterschiedliche Interessen, und jede Gruppe hat das Gefühl, nicht gebührend ernst genommen zu werden.“

    Ärzteschaft fürchtet weitere Beschränkungen durch Politik

    Ärzte seien daran interessiert, ihre Kassenarztsitze zu veräußern. Darüber hinaus fürchteten sie dabei Reglementierungen in der Art der Sitzabgabe. Die Vorstellung, in ein medizinisches Versorgungszentrum gezwungen zu werden, spiele dabei eine Rolle. Tief sitze das Misstrauen der Politik gegenüber, die mit Einführung der Budgets, der Zulassungsbeschränkung und der permanent drohenden Medikamentenregresse nur Beschränkungen für die Ärzteschaft gebracht habe. Die Verbandsgemeinden hätten den drohenden Ärztemangel vor Augen, könnten jedoch unmittelbar nichts tun und befürchteten, für die eventuelle medizinische Unterversorgung verantwortlich gemacht zu werden. „Was sollten sie auch machen? Ärztezentren bauen? Ohne die Sicherheit einer Befüllung, nur auf die vage Vorstellung hin, dass die Zukunft halbtags arbeitende Ärztinnen im Angestelltenverhältnis favorisiert? Wenn das so wäre, hätten die Krankenhäuser keine Nachwuchssorgen.“

    Nur die Politik könne etwas ändern: mehr Studienplätze, bessere Verdienstmöglichkeiten für Ärzte (was die Abwanderung stoppen könnte), sodass der Niederlassungsdruck auf das Land zunähme. Die KV hat den Sicherstellungsauftrag für die medizinische Versorgung. „Aber wie wir vernahmen, ist die Not bei uns nicht groß, und somit liegt kein dringender Handlungsbedarf vor, auch wenn sich die KV der Tatsache bewusst ist, dass es potenzielle Notstandsgebiete gibt.“ Man müsse mit dem arbeiten, was da ist: So sollten sich die VG Baumholder wie auch Idar-Oberstein und dessen Umland an der KV-Initiative „Ort sucht Arzt“ beteiligen. Dort könnte auch der Imagefilm Idar-Oberstein – in modifizierter Form – eine Rolle spielen. Aus Sicht der Obfrau brauche man keine Programme für spezielle Anwerbung von jungen Ärzten, sondern müsse den Landkreis so aufwerten, dass grundsätzlich wieder junge Menschen eine Zukunft auf dem Land sehen: „Dann werden da auch Ärzte darunter sein. Einiges ist ja schon passiert – zum Beispiel der Imagefilm über Idar-Oberstein und die Einstellung einer Koordinatorin in der Kreisverwaltung. Wir sind auf dem richtigen Weg.“

    Von unserer Redakteurin Vera Müller

     

    Niederlassen, aber wo? Keine Frage des akuten Bedarfs in einem Ort

    In der VG Baumholder droht der medizinische Notfall angesichts des Alters der fünf dort ansässigen Hausärzte. In der VG Birkenfeld haben sich nach und nach einige junge Hausärzte angesiedelt – ein Grund für die rein rechnerische Überversorgung des Kreises Birkenfeld.

    Ergibt das einen Sinn? Wer bestimmt, wo sich ein Arzt niederlassen darf? Das entscheiden die Spitzenverbände der Ärzte und der Krankenkassen in Berlin.

    Mit dem Ministerium wird dann ein Benehmen hergestellt. 50 Mittelbereiche gibt es in Rheinland-Pfalz. Der Kreis Birkenfeld gilt als ein Mittelbezirk: Also können sich Ärzte, sofern ein Sitz frei ist, innerhalb des Kreises dort niederlassen, wo sie möchten – nicht zwangsläufig dort, wo akuter Bedarf besteht.

    Der Kreis Bad Kreuznach besteht aus zwei Mittelbezirken: Bad Kreuznach und Kirn. Obfrau Karoline Hautmann-Strack ist der Ansicht, dass es hierbei keine neuen Regelungen braucht. Ärzte sollen sich dort im Kreis Birkenfeld niederlassen dürfen, wo sie wollen. vm

     

    Vera Müller kommentiert: Lockangebote für junge Mediziner

    Man muss darüber reden, im Dialog bleiben, den Finger in die perspektivisch entstehende Wunde der ärztlichen Versorgung im Kreis Birkenfeld legen: am besten zeitnah und in kleinen Gruppen.

    Passgenaue Lösungen für Einzelfälle müssen entstehen und zwar im Zusammenwirken der Ärzteschaft, der KV, der Kliniken und der Kommunalpolitik. Wenn sich jeder einen Schritt bewegt, ist vieles möglich. Ärzte sollten schon rein moralisch betrachtet ihre Nachfolge im Blick haben, vielleicht auch Abstriche machen, was hohe finanzielle Forderungen für die Übernahme ihrer Praxis angeht. 

    Die KV sollte sich in ihrem Rahmen bewegen und sich – sofern möglich – auf individuelle Lösungen einlassen. Die Politik vor Ort muss sich tatsächlich ein bisschen bei Medizinstudenten und jungen Ärzten anbiedern: ein kostenloser Wochenendausflug nach Idar-Oberstein mit Besuch des Nationalparks, des Edelsteinmuseums, abends ein schickes Essen, Vernetzung mit der Wirtschaft, damit Partner oder Partnerin eine berufliche Perspektive sehen … 

    An solchen Lockangeboten führt vermutlich kein Weg vorbei. In den nächsten fünf Jahren pro Jahr ein Arzt. Das würde schon reichen, sagt Obfrau Hautmann-Strack. Das muss doch zu schaffen sein.

     E-Mail: vera.mueller@rhein-zeitung.net

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    Idar-Oberstein Birkenfeld
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