Ray Wilson in Birkenfeld: 150-Minuten-Auftritt ohne Fehl und Tadel

Birkenfeld. Ray Wilson riss das Publikum in der ausverkauften Birkenfelder Stadthalle vom Stuhl, da war der fulminante Zugabenteil mit Hits von Bob Dylan, Leonard Cohen und Bruce Springsteen noch lange nicht erreicht. Fünf Jahre nach seinem ersten Auftritt in der Kreisstadt überzeugte der Sänger, Songschreiber und Gitarrist aus Schottland auch die letzten, die in ihm nur den kurzzeitigen Ersatz für den tourneemüden Frontman Phil Collins kurz vor der Auflösung der Band-Legende Genesis sahen.

Der Schotte Ray Wilson begeisterte sein Publikum in der Stadthalle nicht nur mit Genesis-Songs.
Der Schotte Ray Wilson begeisterte sein Publikum in der Stadthalle nicht nur mit Genesis-Songs.
Foto: Reiner Drumm

Birkenfeld - Ray Wilson riss das Publikum in der ausverkauften Birkenfelder Stadthalle vom Stuhl, da war der fulminante Zugabenteil mit Hits von Bob Dylan, Leonard Cohen und Bruce Springsteen noch lange nicht erreicht. Fünf Jahre nach seinem ersten Auftritt in der Kreisstadt überzeugte der Sänger, Songschreiber und Gitarrist aus Schottland auch die letzten, die in ihm nur den kurzzeitigen Ersatz für den tourneemüden Frontman Phil Collins kurz vor der Auflösung der Band-Legende Genesis sahen. Mit einem Zweieinhalb-Stunden-Auftritt ohne Fehl und Tadel und einem Set ohne Durchhänger bewies der mittlerweile 44-Jährige seine internationale Extraklasse.

Man hätte es aber auch schon vorher wissen können: Vom Management einer global agierenden Mega-Band als Ersatz für ein führendes Mitglied ausgewählt zu werden, spricht für Qualität. Für Talente, die Ray Wilson heute, 15 Jahre nach dem Intermezzo auf den Stadion-Bühnen dieser Welt, endlich zu zeigen in der Lage ist. Mancher im Saal erinnerte sich da an das Gastspiel vor fünf Jahren: Genesis-Songs in Serie, selbst vorm Covern der Soloerfolge einzelner Genesis-Mitglieder schreckte dieser Ray Wilson nicht zurück. Fast kleinlaut klang es dagegen, wenn der Schotte eines seiner Lieder aus der ebenso erfolgreichen Stiltskin-Arä oder den Nach-Genesis-Solo-Tagen anstimmte.

Ganz anders heute: Klar, mit einem Hit wie "Follow Me, Follow You" muss ein Konzert beginnen, das "Genesis Classic" verspricht. Doch "Sarah" vom vorletzten Wilson-Soloalbum sowie "Change" vom Debüt mit Stiltskin dokumentieren, dass auch die eigenen Songs des Ex-Genesis-Aushilfssängers durchaus zu Ohrwürmern taugen.

Das "Classic"-Element ist zu diesem frühen Zeitpunkt des Konzertes noch wenig entwickelt. Bruder Steve Wilson bildet zusammen mit Ray die Gitarren/Vokal-Fraktion. Zwei Violinen (Kristin Sy und Nora Boesel fallen bestenfalls durch ihre Bekleidung auf) sowie ein Konzertflügel (meisterhaft lässig bedient vom jungen Polen Filip Walcerz) könnten auch aus dem Synthie kommen. Ein gefälliger Streicher-Background hat noch selten einem Song geschadet, andererseits ist das Berlin Symphony Ensemble wohl auch personell zu schwach besetzt, um eher rockigen Sound weich zu spielen. Keine Gefahr also für Genesis-Schwulst mit schwallenden Geigen...

Zwei bei Mainstream-Publikum eher unbekannte Songs, "Ripples" und das instrumentale "Entangled" aus dem Album "A Trick of The Tail", müssen für die angekündigte Synthese von Popmusik und Klassik herhalten. Die Aktion ist ein voller Erfolg und wird von den 350 Besuchern in der Birkenfelder Stadthalle enthusiastisch beklatscht.

Auch das Publikum - oft Ehepaare, durchweg im gesetzteren Alter - gibt sich grenzgängerisch zwischen Klassik und Pop. Da wird in erster Linie zugehört, Musik und Vortragende genossen. Gelegentliches Mitklatschen ist erlaubt, aber nur in Maßen... Gesangseinlagen aus dem Parkett und von der Empore verblüffen ob der präzisen Einsätze und der Textsicherheit, veranlassen den eher wortkargen Schotten sogar zu einigen Nettigkeiten über Land und Leute an der Nahe.

Die Zeit vergeht wie im Flug: Der "Airport Song" erinnert kurz vor elf daran, dass die Zeit zum Abschied gekommen ist. Bei "Solsbury Hills", der Schlussnummer, hebt der Saal förmlich ab. Die Zugabe lässt alle schweben: Allein mit der Gitarre zelebriert Wilson Song-Perlen wie "Blowin In The Wind", "First We Take Manhattan", "The River" - ein Ohrenschmaus, aber sicherlich auch eine Hommage an drei große Songschreiberkollegen, denen Wilson fast schon in Augenhöhe begegnen kann.

Von unserem Redakteur

Klaus-Peter Müller