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  • Interview: Sich auf Augenhöhe begegnen

    Alf. Den eigenen Horizont erweitern, seine eigenen Grenzen wahrnehmen und auch akzeptieren, mit offenem Blick und dem einen oder anderen Vorurteil weniger durch das Leben gehen: Das kann dabei helfen, den Weg für ein gutes Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft zu ebnen und auch die Integration von Flüchtlingen zu einem Thema zu machen, das nicht ausschließlich problembeladen ist. Für die Ethnologin Cathrin Ulrich aus Alf ist es wichtig, die feinen Unterschiede herauszuarbeiten. Sie ist überzeugt davon, dass es weder ein Patentrezept, noch ein falsch oder richtig gibt.

    Foto: Kevin Rühle

    Interkulturelle Kompetenz: Das ist eine der Kernfragen, mit denen Sie sich beschäftigen. Wie viel Nachholbedarf gibt es da in der Gesellschaft generell?

    Zunächst einmal ist es mir wichtig, noch einmal zu definieren, was Interkulturelle Kompetenz überhaupt beinhaltet. Sie baut auf sozialer Kompetenz auf und ist ein lebenslanger Lernprozess. Sie vereint verschiedene Fähigkeiten wie zum Beispiel Offenheit, Toleranz, Empathie, die Fähigkeit Perspektiven zu wechseln und sollte immer beidseitig erfolgen. Nachholbedarf sehe ich eher darin, Deutschland als ein Einwanderungsland mit einer multikulturellen und heterogenen Gesellschaft grundsätzlich anzuerkennen. Demzufolge sollten Menschen mit Migrationsvorgeschichte nicht mehr allgemein als Ausländer oder Fremder bezeichnet werden. Sondern als Menschen mit einer individuellen Biografie, deren Heimat vielleicht Berlin oder auch Alf ist.

    Das Zusammenleben mit Flüchtlingen ist zurzeit die große Herausforderung. Wie lassen sich Vorurteile schon im Vorfeld minimieren - genügt es, sich zu informieren oder muss Integration von Anfang an gelebt werden?

    Das Beschaffen von Informationen, das Interesse an dem Menschen und seiner Geschichte ist ein ganz wichtiger Aspekt von Interkultureller Kompetenz. Wichtig ist es, eine Situation zu schaffen, um dem Menschen auf Augenhöhe begegnen zu können. Das Thema Flüchtlinge und Integration ist komplex. Die Flüchtlinge sind mehrfach traumatisiert. Sie haben Kriegsgebiete oder Diktaturen verlassen und sind unfreiwillig hier. Sie hatten keine Chance, sich auf die neue Kultur und die Gesellschaft vorzubereiten. Sie leben zunächst in Sammelunterkünften mit ganz unterschiedlichen Bleibeperspektiven. Wir müssen als Gesellschaft eine erste Orientierungshilfe bieten. Damit meine ich nicht, ihnen nur das Grundgesetz zu vermitteln, sondern die Menschen im Wortsinn mitzunehmen. Ihnen auch Kultur, Rituale und Traditionen durch Ausflüge, Feste, gemeinsame Unternehmungen zu vermitteln und sie zu Behörden und Ämtern zu begleiten. Dafür gibt es ein großes Netz von Freiwilligen im Kreis, die das auch ganz wunderbar machen.

    Foto: Kevin Rühle

    Das Zusammenleben ist nicht immer einfach. Es gibt auch ungute Erfahrungen. Wie wichtig sind diese dann letztlich wieder für den Erfolg, wirklich auch etwas gelernt zu haben oder sich in Zukunft anders verhalten zu können?

    Missverständnisse oder auch sogenannte Fettnäpfchen in der Interkulturellen Begegnung sind normal. Wichtig ist der Umgang mit ihnen. Ich kann das Verhalten meines Gegenübers nicht immer richtig einschätzen. Es gibt da auch kein Patentrezept, das da lautet: So gehe ich mit einem Syrer um, so mit einem Eritreer. Das kennen wir doch nur zu gut, wie groß schon die Unterschiede zwischen Menschen auf dem Dorf und in der Stadt sind. Missverständnisse kommen vor, Menschen sind Menschen.

    Im Fokus stand ja nach Köln nun in erster Linie auch das Verhalten arabisch-stämmiger Männer gegenüber Frauen. Wie lässt sich hier Ihrer Meinung nach etwas ändern? Ist das nicht ganz oft auch eine Frage der Ehre, wie diese Männer sich in der Öffentlichkeit verhalten?

    Das Verhalten der Männer in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten hat meines Erachtens nichts mit Ehre zu tun. Und es ist auch keine Frage des kulturellen Hintergrundes. Ich nenne Ihnen in dem Zusammenhang ein Beispiel aus Kairo. Seit der Revolution von 2011 in Ägypten ist die kollektive sexuelle Belästigung von Frauen bei Großveranstaltungen eine Art Volkssport geworden. Aber gleichzeitig gibt es innerhalb dieser Gesellschaft auch ein massives Vorgehen gegen diese Form von Übergriffen gegenüber Frauen. Es gibt genauso viele ägyptische Männer, die von diesem Verhalten angewidert sind. Sie bieten spontan Schutz und organisieren sogar Selbstverteidigungskurse für Frauen. Beide Männertypen stammen aus der gleichen kulturellen Hemisphäre. Als ich als Studentin in Kairo gelebt habe, gab es dieses Phänomen nicht. Kollektive Belästigungen gegenüber Frauen gibt es auch in anderen Ländern wie in Indien. Eine Pauschalisierung ist also immer schwierig. Diese Vorfälle in Köln sind nicht zu entschuldigen. Aber es darf nicht sein, jetzt sämtliche Nordafrikaner oder Araber als Grapscher zu titulieren.

    Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, hier schon bei den Kindern und Jugendlichen in den Familien anzusetzen? Wie "europäisch" oder westlich geprägt kann die Erziehung in einer solchen Familie sein?

    Das kann man ebenfalls nicht pauschalisieren. Wir sind eine heterogene Gesellschaft mit einem bunten Strauß an Erziehungsstilen, der sich durch die ganze Gesellschaft zieht. Es gibt mittlerweile so viele wunderbare Beispiele von Integration. Die Kinder der Gastarbeiter zum Beispiel antworten auf die Frage, woher sie kommen, mit Hamburg oder Berlin. Und nur aufgrund ihres Aussehens kommt dann die Gegenfrage: Woher kommst du wirklich? Da bin ich wieder bei der Antwort zur ersten Frage: Wir müssen die multikulturelle Gesellschaft stärker leben. So mancher staunt ja auch noch immer, wenn ihm eine muslimische Frau mit Kopftuch erzählt, dass sie Anwältin, Ärztin oder Architektin ist.

    Die Angst vor dem Islam - bei vielen sitzt sie sehr tief. Ist das wirklich Angst oder nicht doch eher Unsicherheit?

    Das ist ganz klar eine Angst vor dem, was man nicht kennt. Und das Erstaunliche daran ist, dass die Menschen mit den größten Vorbehalten gegenüber dem Islam selbst keinen nennenswerten Kontakt zu Muslimen haben. Leider haben die Medien in den vergangenen Jahren nicht gerade dazu beigetragen, etwas dagegen zu tun. In einer Studie, welche das Islambild von ARD und ZDF unter die Lupe genommen hat, ist nachzulesen, dass sich nach 2001 eine Berichterstattungskultur etabliert hat, die die komplexe Realität von weltweit etwa 1,2 Milliarden Muslimen - der zweitgrößten Religionsgemeinschaft der Welt - in hohem Maße mit Gewalt- und Konfliktthemen wie dem internationalen Terrorismus in Verbindung bringt. Dabei lässt sich tendenziell der Gebrauch einer abwertenden Sprache und Bilddarstellung feststellen. Auch gibt es wenig Berichte über das alltägliche Leben von Muslimen, über die existierende Vielfalt des Islam und die Individualität von Muslimen in Deutschland. Kurzum, es gibt nicht den Islam.

    Foto: Kevin Rühle

    Wie können die Flüchtlingsnetzwerker agieren? Viele machen Ihre tolle Arbeit ja sicher auch aus dem Bauch heraus? Wann aber stoßen sie an ihre Grenzen?

    Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, mit vielen auch in meinen Seminaren: Jeder sollte seine eigenen Grenzen, und das gilt auch für die Flüchtlingsnetzwerker, erkennen und auch anerkennen. Bei den ehrenamtlichen Helfern hat jeder seine Stärken und Schwächen. Der eine organisiert sehr gut, andere können besser mit den Familien direkt im Alltag umgehen. Da ist es sehr wichtig, sich dabei nicht zu verlieren. Und wenn es gut läuft, hat jeder etwas davon, alle profitieren.

    Was ist Ihr ganz persönlicher Rat im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen?

    Mein persönlicher Rat ist, Menschen mit offener und respektvoller Haltung zu begegnen. Auf Augenhöhe. Das Gespräch ist wichtig, der Dialog. Und hier sind wir wieder beim Kern, sich füreinander zu interessieren. Man muss die eigenen Bilder im Kopf überdenken und relativieren. Zum Beispiel die Annahme, dass ein konservativer Muslim, der einer Frau zur Begrüßung die Hand nicht reicht, frauenfeindlich sei, ist nicht korrekt. Das Gegenteil ist der Fall. Er berührt eine Frau nicht, weil er Respekt vor ihr hat. In anderen Kulturen ist es zum Beispiel höflich, sich bei der Begrüßung nicht in die Augen zu schauen. Dies mag für uns ein Widerspruch sein, den man leichter verstehen kann, wenn man akzeptiert, dass es andere Wertvorstellungen gibt, die nicht besser oder schlechter sind, als die eigenen.

    Die Fragen stellte Petra Mix

    Völerkundlerin hat schon viel von der Welt gesehen

    Cathrin Ulrich ist 46 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Alf. In Münster hat sie Ethnologie, Islamwissenschaften und Arabistik studiert. Sie hat während des Studiums in Kairo und Damaskus gelebt, und dort auch einen Arabischkurs absolviert. In den palästinensischen Gebieten hat sie in den Jahren 2009 bis 2011 als Entwicklungshelferin für ein Wanderprojekt gearbeitet. Bereits in den Jahren 2001 und 2002 war sie Reiseleiterin für Kameltouren auf der Sinai-Halbinsel. Mit einer Familie, mit der sie dort auch gelebt hat, ist sie bis heute befreundet. Interkulturelle Bildungsarbeit für Erwachsene, Kinder und Jugendliche hat die 46-Jährige bereits in Münster gemacht. In Cochem und Zell bietet die Völkerkundlerin auch Workshops zum Thema „Interkulturelle Kompetenz?“ an. Ein Workshop „Zum Islambild in Deutschland: Hintergründe, Fakten und Ausblicke. - Woher kommt die Angst vor dem Islam?“ ist für Donnerstag, 10. März, von 18 bis 21 Uhr, im Pfarrsaal in Zell geplant. mix

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    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Chef v. Dienst

     

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