40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Mayen/Andernach
  • » Spargelstechen im Selbstversuch auf dem Maifeld
  • Aus unserem Archiv

    PolchSpargelstechen im Selbstversuch auf dem Maifeld

    Es ist das Geräusch, das einem zeigt, wenn man ihn erwischt hat: "Knack" macht es, wenn man mit dem Stechmesser den Spargel durchtrennt. Man sieht nicht, wo man die Stange sticht, es hat viel mit Gefühl und Erfahrung zu tun. Erfahrung im Spargelanbau hat Gregor Adams seit 15 Jahren. Seit 2000 verkauft der Landwirt das begehrte Gemüse in seinem Hofladen in Polch. Die aktuelle Saison ist in vollem Gange. Eine gute Gelegenheit, mich als Spargelstecherin auszuprobieren. So tausche ich für einen Vormittag meinen Job als Journalistin mit dem einer Erntehelferin.

    Von unserer Reporterin Agatha Mazur

    Es ist 8 Uhr morgens, 26 Grad sind angesagt. Gregor Adams fährt auf den Hof und lädt schon die erste Fuhre Spargel vom Feld auf. Der 39-jährige Landwirt nimmt mich mit: Gemeinsam fahren wir durchs Maifeld, vorbei an Rapsfeldern und grünen Wiesen. Lange, halbrunde Folienbahnen kündigen die Parzelle an. Zwischen den Reihen wuseln kleine bunte Punkte hin und her: Die polnischen Erntehelfer sind schon seit Tagesanbruch auf den Beinen. Martin, Pawel, Kristina, Jacek und Damian kommen bereits seit Jahren zu Bauer Adams. Denn hier in Deutschland verdienen sie gut: Erntehelfer in Polen würden gerade einmal die Hälfte des deutschen Mindestlohns von 8,50 Euro verdienen, erzählt der 24-jährige Pawel. Kristina ist mit 53 Jahren hier die Dienstälteste. Sie trägt eine rote Hose, ein gestreiftes T-Shirt, ihren Kopf schützt ein buntes Tuch vor der Sonne. Es ist in Polen schon schwieriger, eine gute Arbeit zu finden, sagt sie. In Deutschland verdient sie zwar mehr, muss aber auch einiges dafür tun: Spargelstechen ist "harte Arbeit", findet sie.

    Folien als Wärmedämmung und Lichtschutz

    Dass Kristina Recht hat, werde ich nach einer Stunde auf dem Feld merken. Doch zuerst zeigt mir Gregor Adams, wie ich die Stangen aus der Erde hole, ohne sie zu verletzen. Er zieht die Plane vom Beet ab, sofort strömt mir warme Luft entgegen. Die Folie sorgt dafür, dass das empfindliche Gemüse immer warme Füße hat. Große Temperaturunterschiede mag es nicht. Außerdem trägt die Folie dazu bei, dass sich die Spargelköpfe nicht verfärben: Möglichst hell sollen sie sein. Adams buddelt in Sekundenschnelle die erste Stange aus, nimmt sein Spargelstechmesser, wie das Werkzeug korrekt heißt, und sticht den Spargel unten an der Wurzel ab. "Sie müssen dabei immer den Kopf halten", schärft er mir ein.

    Meine ersten Versuche sind eher kläglich: Bis ich mit meinen Händen die Erde weg- und die Stange freigeschaufelt habe, vergehen Minuten. Auf gut Glück steche ich in die Erde hinein, der Spargel sieht hinterher aus wie malträtiert. "Immer schön locker", sagt Adams lachend, als er meine verkrampfte Haltung sieht. Mit jeder Stange wird es besser. Ich lerne: Die dicken sind leichter zu stechen als die dünnen, die geraden hat man schneller raus als die krummen. Meter für Meter arbeite ich mich vor.

    12-Stunden-Tage sind keine Seltenheit für Landwirte

    Mittlerweile ist es 9 Uhr, die Sonne scheint, und ich wünsche mir Kristinas Tuch um den Kopf. Meinen Schal habe ich längst abgelegt. "Da brauchen Sie kein Fitnessstudio und auch keine Sonnenbank", scherzt Gregor Adams. Aber so eine Arbeit tut dem Rücken doch bestimmt nicht gut. "Wenn Sie Pflastersteine verlegen, ist es doch auch nichts anderes", kontert Adams. Bei meinem Vorschlag, abends Rückengymnastik zu machen, muss er lachen. Er ist froh, wenn er nach einem 12-Stunden-Tag einfach nur Feierabend hat.

    Den Hof führt Gregor Adams seit knapp 20 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder. Hauptsächlich verdienen die beiden ihr Geld mit Kartoffeln und Zwiebeln, die sie an umliegende Hofläden und Supermärkte verkaufen. Seit 15 Jahren baut die Familie aber auch Spargel an: "Das war eigentlich eine Schnapsidee", erzählt Adams, "Wir haben einfach mal angefangen." Learning by doing quasi: Seminare belegt, viel ausprobiert, viel gefeilt. Mittlerweile kann er seinen Kunden mindestens zehn bis zwölf Wochen lang frischen Spargel anbieten. Die Stangen gehen im Hofladen und auf Wochenmärkten über die Theke oder werden an die Gastronomie verkauft.

    Mittlerweile habe ich die Hälfte meiner Bahn geschafft, Adams hat allerdings kräftig mitgeholfen. Was ich in einer halben Stunde steche, schafft er in fünf Minuten. Und die Bahn ist noch lang. "Die eine müssen Sie schaffen", feuert mich der Landwirt an. Meine Bahn sieht mittlerweile mehr nach Schweizer Käse aus als nach Feld: Überall nur notdürftig geschlossene Löcher. Ich darf die Erde nicht so zum Rand hin schaufeln, weist mich Adams an: "Sonst hat der Spargel morgen keine Erde mehr."

    Es ist geschafft: Wir laden die Kisten ins Auto, und es geht zurück zum Hof. Im Lagerraum ist es kühl und dunkel, genau richtig für das Gemüse. Die Kisten werden in ein kaltes Wasserbecken getaucht, so wird der Spargel sauber und bleibt frisch. Dann schmeißt Adams die Sortiermaschine an: Es rattert und rumpelt, vorne kommen die Stangen rein, hinten spuckt sie die Maschine in einzelne Regale wieder aus. Ins erste Fach sortieren wir die gut 20 Millimeter dicken Stangen - die Premiumware quasi - für die die Leute bereit sind, mehr zu zahlen. Ins hintere Fach kommen die krummen kürzeren Stangen, die optisch nicht mit ihren hübscheren Schwestern mithalten können. Dann geht es für den Spargel ab zum Verkauf. Und für mich zurück in die Redaktion. Doch erst noch schnell die Fingernägel sauber machen.

    Mayen-Andernach
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    Anzeige
    Mayen: 725 Jahre Stadt
    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Sonntag

    10°C - 20°C
    Montag

    11°C - 20°C
    Dienstag

    13°C - 24°C
    Mittwoch

    15°C - 28°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige