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    AndernachAndernach: Der letzte "Nachbar" aus der Fischgasse

    Wolfgang Laudien ist ein Unikat: Er ist das letzte Mitglied der Fischgassennachbarschaft, das tatsächlich noch in der Fischgasse lebt - zusammen mit seiner Frau. Dort, wo früher der Geruch nach Fisch und Flusswasser die Menschen verband. Von der einst gelebten Gemeinschaft ist nach 225 Jahren wenig übrig geblieben.

    Wolfgang Laudien ist seit 2010 Amtmann der Fischgassennachbarschaft, in die er Ende der 70er-Jahre eintrat.
Foto: Katrin Franzen
    Wolfgang Laudien ist seit 2010 Amtmann der Fischgassennachbarschaft, in die er Ende der 70er-Jahre eintrat.
    Foto: Katrin Franzen - kaf

    Andernach - Wolfgang Laudien ist ein Unikat: Er ist das letzte Mitglied der Fischgassennachbarschaft, das tatsächlich noch in der Fischgasse lebt - zusammen mit seiner Frau.

    Dort, wo früher der Geruch nach Fisch und Flusswasser die Menschen verband. Dort, wo jeder jeden kannte, wo die Nachbarn vor den Türen saßen und mit einander sprachen. Dort, wo bei Hochwasser die Boote rausgeholt wurden und sich die Nachbarn gegenseitig halfen.

    Doch von dieser einst gelebten Gemeinschaft in der Unteren und Oberen Fischgasse ist nach 225 Jahren wenig übrig geblieben. Man grüßt sich, aber mehr auch nicht. Auch die Straßenzüge, die der Nachbarschaft ihren Namen gaben, haben sich verändert. Sie sind steriler geworden. Früher reihten sich die kleinen, hutzeligen Häuschen aneinander, und es gab einen Platz, auf dem gefeiert wurde. Bei der Altstadtsanierung in den 70er-Jahren rückte der Abrissbagger an, und später wurden sogar einige Mehrfamilienblocks gebaut.

    "Nachbarn" zogen weg aus der Fischgasse, blieben aber der Gemeinschaft treu: Somit leben die 42 Mitglieder der Fischgassennachbarschaft aufs Stadtgebiet verteilt - aber auch in Nickenich, Mendig und Langenfeld. Am Wochenende feiern sie den 225. Geburtstag ihrer Nachbarschaft.

    Um etwas über die Fischgassennachbarschaft zu erfahren, muss man deren Amtmann, den Chef, besuchen. Wolfgang Laudien steckt mitten in den Vorbereitungen für das große Jubiläumsfest.

    Wer an seiner Tür in der Unteren Fischgasse 13 klingelt, wird herein gebeten: Laudien ist ein freundlicher Mann. Seine Hände groß, seine Augen wach. Er geht voraus, durch einen mit Kartons für die Tombola vollgestellten Flur, hinaus auf eine von Mauern umschlossene Terrasse. Ein weißer Pavillon bietet Schutz vor Regen oder übermäßiger Sonne, bunte Lampions baumeln daran. Auf einem gedeckten Holztisch mit zwei Bierbänken liegen Dokumente der Geschichte: Protokollbücher, vergrößerte Auszüge, Fotos.

    Nachbarschaften: Kaum ein junger Mensch weiß heute noch, was es damit auf sich hat. Ein Blick in die Historie verrät: Im Rheinland waren Nachbarschaften stets verbreitet. In Andernach entstanden die ersten während der großen Pestwellen von 1346-48. Es waren Zweckgemeinschaften, deren Mitglieder füreinander einstanden. Ursprünglich gab es 13 von ihnen, aufgeteilt nach Wohnvierteln innerhalb der Stadtmauer. Sie waren eigene Verwaltungseinheiten, mussten die Straßen instand halten, Bußgelder eintreiben, Streits schlichten, Brände bekämpfen und bei Hochwasser helfen. Mit der Stadt wuchs die Zahl der Nachbarschaften auf 17. Die Fischgassennachbarschaft ist mit ihren 42 Mitgliedern eine kleine und altersmäßig junge Gruppe.

    Wolfgang Laudien ist stolz auf die lange Tradition seiner Gemeinschaft. Besonders die alten Protokollbücher haben es ihm angetan. "Das erste wurde bei einem Brand durch das Löschwasser beschädigt", erzählt Laudien. Das älteste erhaltene stammt von 1900. "In den Protokollbüchern spielt sich das Leben unserer Nachbarschaft und das von Andernach ab. Da steht zum Beispiel drin, dass die Stadt 1912 die Einwohnergrenze von 10 000 erreichte oder dass der Kaiser auf seiner Rheintour hier Station machte." Laudien selbst kann die alte deutsche Schrift nicht lesen. Ein Nachbar übersetzt einige Jahresberichte für die Jubiläumsfeier. Laudien druckt sie auf große Papierbögen und stellt sie beim Fest aus. "Ich finde es wichtig, die Tradition unserer Vorfahren aufrecht zu erhalten", sagt er. Dafür möchte Laudien wieder mehr auf die Straße gehen, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, die Lust auf Gemeinschaft haben. Denn Laudien wünscht sich, dass die Fischgassennachbarschaft auch das nächste Jubiläum feiern kann.

    Von unserer Redakteurin Katrin Franzen

     

    Infos:

    Die Fischgassennachbarschaft ist eine von 17 Andernacher Nachbarschaften und wurde 1787 gegründet – ihre Mitglieder waren ursprünglich Berufsfischer, die in der Unteren und Oberen Fischgasse wohnten. Die letzten Fischer lebten dort in den 1930er-Jahren. Vom Ursprung erzählt noch heute das Bild auf der Nachbarschaftsfahne: Tüchtige Männer holen Netze mit den Flusstieren ein. Die Mitglieder der Nachbarschaft leben heute überall in der Stadt verteilt und treffen sich zum Gelog, zu Feiern oder zum Brunch. Nähere Infos gibt's hier

     

    Das Jubiläumsfest

    Die Fischgassennachbarschaft feiert ihr 225-jähriges Bestehen am morgigen Samstag, 18. August, mit einem Jubiläumsfest. Die Mitglieder treffen sich im Thomas-Becket-Haus, Breite Straße 112. Los geht es um 18 Uhr mit einem Sektempfang. Für das leibliche Wohl und musikalische Unterhaltung wird gesorgt.

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