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    Koblenz/Kreis MYKWenn Streit um Hartz IV zu Randale führt

    Beleidigungen, Drohungen und Handgreiflichkeiten gehören für Mitarbeiter in Jobcentern beinahe schon zum Alltag dazu. Jeder vierte Angestellte wurde schon einmal Opfer eines Übergriffes. Das hat eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ergeben. Im Koblenzer Jobcenter hat jeder Mitarbeiter sogar einen Alarmknopf unter dem Schreibtisch. Bei einer Auseinandersetzung drückt er ihn, und die Kollegen eilen zur Hilfe herbei. Doch müssen die Angestellten den Knopf überhaupt benutzen?

    Wenn der Streit ums Geld im Jobcenter eskaliert, kommt es durchaus auch zu körperlicher Gewalt. Wenn sie sich wie hier gegen das Eingangsschild richtet, bleiben wenigstens die Mitarbeiter verschont.
    Wenn der Streit ums Geld im Jobcenter eskaliert, kommt es durchaus auch zu körperlicher Gewalt. Wenn sie sich wie hier gegen das Eingangsschild richtet, bleiben wenigstens die Mitarbeiter verschont.
    Foto: Damian Morcinek

    Koblenz/Kreis MYK - Beleidigungen, Drohungen und Handgreiflichkeiten gehören für Mitarbeiter in Jobcentern beinahe schon zum Alltag dazu. Jeder vierte Angestellte wurde schon einmal Opfer eines Übergriffes. Das hat eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ergeben. Im Koblenzer Jobcenter hat jeder Mitarbeiter sogar einen Alarmknopf unter dem Schreibtisch. Bei einer Auseinandersetzung drückt er ihn, und die Kollegen eilen zur Hilfe herbei. Doch müssen die Angestellten den Knopf überhaupt benutzen?

    „Wir haben keine Berliner oder Frankfurter Verhältnisse, aber es fliegen manchmal Handys, Tacker oder andere Gegenstände durchs Büro“, erklärt Marianne Morgenschweis, stellvertretende Geschäftsführerin des Jobcenters im Kreis Mayen-Koblenz. Gewalt gegen Mitarbeiter gab es aber bislang nicht, genauso wie im Koblenzer Jobcenter. Dort stehen im Schnitt jährlich aber zwei Kunden kurz davor, handgreiflich zu werden. Sollte es dennoch einmal so weit kommen, ist die Polizei vorbereitet: Sie kennt die Örtlichkeiten gut, hat Pläne von den Jobcentern vorliegen.
    Verbale Attacken hingegen sind keine Ausnahme. „Sie gehören für die Mitarbeiter schon fast zum Alltag dazu“, sagt Arno Ackermann, Geschäftsführer des Koblenzer Jobcenters. Tritt dieser Fall ein, entscheidet Ackermann gemeinsam mit dem betroffenen Mitarbeiter, ob das Jobcenter Anzeige erstattet. Das kam in den vergangenen fünf Jahren insgesamt etwa 30-mal vor. Ein guter Wert, bedenkt man, dass die Angestellten des Jobcenters täglich zwischen 200 und 300 Gespräche führen. Im Kreis Mayen-Koblenz werden Mitarbeiter etwa ein- bis zweimal im Monat beleidigt, in den vergangenen drei Jahren wurde zweimal Anzeige erstattet. Selten kommt es vor, dass ein Kunde einem Angestellten droht und ihm unterschwellig nach dem Leben trachtet. Dann geht das Jobcenter aber auf Nummer sicher und verständigt die Polizei. Die Beamten behalten den potenziellen Angreifer daraufhin im Auge. Das kam bisher dreimal vor, Anzeige wurde nie erstattet.

    Für den Kunden zieht es in jedem Fall Konsequenzen nach sich, wenn er einen Mitarbeiter beleidigt. Zunächst wird er verwarnt. Das führt im Koblenzer Jobcenter dazu, dass fortan immer zwei Angestellte bei den Gesprächen anwesend sind. Hilft das nicht, gibt es ein Hausverbot. Der Betroffene darf nur noch mit einer Anmeldung ins Gebäude und muss davor warten, bis ein Mitarbeiter ihn abholt. In Koblenz sprach das Jobcenter in den vergangenen fünf Jahren rund 30 Hausverbote aus, in Mayen-Koblenz in den vergangenen drei Jahren zwei.

    Doch wie kommt es dazu, dass jemand im Jobcenter ausfällig wird? „In 95 Prozent der Fälle ist Geld der Auslöser“, erläutert Ackermann vom Jobcenter Koblenz. Seine Kunden sehen am Geldautomaten, dass die Zahlung nicht eingetroffen ist, und lassen die Wut darüber, die sich auf der Fahrt noch zusätzlich anstaut, an den Mitarbeitern aus. „Einige unserer Kunden haben ein Alkohol- oder Drogenproblem – das kann auch aggressiv machen“, sagt Morgenschweis vom Jobcenter des Kreises Mayen-Koblenz. In Koblenz komme erschwerend hinzu, dass viele Sozialhilfeempfänger aus Problemstadtteilen wie Lützel oder Neuendorf stammen und dementsprechende Umgangsformen mitbringen. „Einige aus der unteren sozialen Schicht reden auch so zu Hause oder schreien Freunde und Familie an – für die ist das normal“, meint Ackermann.

    In den Jobcentern des Kreises Mayen-Koblenz und der Stadt Koblenz passiert auch deshalb so wenig, weil Schulungen und Deeskalationstraining die Mitarbeiter auf brenzlige Situationen vorbereiten. Zudem sind die Jobcenter darauf bedacht, mithilfe der Inneneinrichtung Aggressionen zu vermindern. Die Zimmer sind hell und in freundlichen Farben gestrichen, die Warteräume groß und gemütlich eingerichtet. Die Mitarbeiter versuchen zudem, die Wartezeit auf ein Minimum zu reduzieren.

    Im Koblenzer Jobcenter gibt es einen speziellen Geldautomaten, den nur Angestellte bedienen können. Hat es ein Sozialhilfeempfänger versäumt, rechtzeitig den Antrag auf Verlängerung des Arbeitslosengeldes II zu stellen, hat diesen aber beim Gespräch dabei, erhält er einen Vorschuss aus dem Automaten. „Das hat sich bewährt, weil es vielen wirklich nur ums Geld geht“, sagt Ackermann.

    Von unserem Reporter Christian Weihrauch

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