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    KoblenzSerie "Wir schaffen das": Rund um die Uhr im Einsatz für Flüchtlinge

    Im vergangenen Jahr wurden in diversen Koblenzer Stadtteilen Flüchtlinge untergebracht, und fast zeitgleich haben sich hier Initiativen gebildet, in denen sich vor allem Bürger ehrenamtlich für die Asylbewerber eingesetzt haben. Zwei von ihnen sind Martina Wiß, Küsterin der evangelischen Kirche Urmitz-Mülheim, und die Künstlerin Martina Kaufmann. Von Anfang an haben die Frauen in ihrer Freizeit für die und mit den Flüchtlingen in ihrem Stadtteil Rübenach gearbeitet. Im Gespräch blicken Sie auf eine intensive Zeit zurück.

    Martina Kaufmann ist seit dem Frühling 2015 für das „Netzwerk Rübenach hilft Geflüchteten“ im Einsatz. Seither unterstützt sie Familien und einzelne Flüchtlinge bei ihrem neuen Leben in Deutschland – erst gestern zum Beispiel hat sie diese beiden syrischen Männer zur Arbeitsagentur begleitet.
    Martina Kaufmann ist seit dem Frühling 2015 für das „Netzwerk Rübenach hilft Geflüchteten“ im Einsatz. Seither unterstützt sie Familien und einzelne Flüchtlinge bei ihrem neuen Leben in Deutschland – erst gestern zum Beispiel hat sie diese beiden syrischen Männer zur Arbeitsagentur begleitet.

    Als 2015 Woche für Woche Dutzende Flüchtlinge nach Koblenz kamen: Was war Ihre Hauptaufgabe?

    Wiß: Wir wussten gar nicht, wo uns der Kopf steht. Die Häuser waren überfüllt, die Zustände waren sehr schlecht. Es fehlten die einfachsten Dinge, die Menschen hatten keine Kissen, keine Decken, keine Kleidung. Wir haben dann erst mal mit einer Grundversorgung begonnen, alle Hauspaten haben in dieser Zeit 20, 30 Stunden in der Woche ehrenamtlich gearbeitet.

    Kaufmann: Wir waren auch das Sprachrohr der Flüchtlinge gegenüber dem Vermieter, den Behörden, den Schulen. Die waren mit der Situation auch hoffnungslos überfordert und waren froh, dass es uns gab. An allen Fronten gab es Probleme, da ging es nicht um Integration oder Deutschkurse ...

    Wie sind Sie mit den Flüchtlingen in Kontakt gekommen?

    Wiß: Im März, April waren schon 120 Flüchtlinge in sechs Häusern im Stadtteil, nur wussten wir das erst gar nicht. An Ostern haben dann vier Frauen ein paar Osternester für die Kinder gemacht und wollten in die Häuser gehen. Sie haben aber nur das Erste geschafft und sind in Tränen ausgebrochen wegen der schlimmen Zustände. Die Frauen haben dann Freunde angerufen, die haben wiederum Freunde angerufen, und dann haben wir innerhalb einer Woche einen Riesenkleiderbasar gemacht. So ist das Netzwerk angelaufen.

    Was ist heute Ihr Schwerpunkt?

    Wiß: Die Grundversorgung brauchen die Leute heute natürlich nicht mehr. Ein Stück weit sind sie hier angekommen und wissen langsam, wann sie zu welchem Amt müssen und so weiter. Unsere Aufgabe ist vor allem, sie zu begleiten und Ansprechpartner in schwierigen Situationen zu sein.

    Kaufmann: Je nachdem, woher jemand kommt, ist auch die Hilfe unterschiedlich. Bei Menschen vom Balkan heißt es von Monat zu Monat, sie werden abgeschoben - erklären Sie das mal einem Vermieter. Bei den Syrern kann es hingegen eher um die Integration gehen: um Wohnungssuche, Deutschkurse, Arbeitssuche ...

    Wurde Ihre Hilfe von Anfang an angenommen?

    Wiß: Nein, gar nicht. Wir wollten den Flüchtlingen Deutsch beibringen, haben Lehrer gesucht, Bücher gekauft, Kurse anberaumt. Und dann saßen wir hier - und kein Mensch kam. Erst als wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten, erzählten die Menschen, warum: Sie waren nie in einer Schule gewesen und hatten Angst, in den Sprachkurs zu kommen und sich zu blamieren.

    Waren das Rückschläge für Sie?

    Wiß: Ja, daran hatten wir schon sehr zu knabbern. Es ging auch um Dinge wie Pünktlichkeit, die Flüchtlinge kannten keine Termine. Wenn ich gesagt habe, ich hole euch morgen um 8 Uhr ab, wir fahren zum Arzt, dann steht man um 8 Uhr da, und es heißt, trink doch erst mal einen Kaffee (lacht). Jetzt haben sie das verstanden, das macht alles einfacher.

    In Rübenach leben vor allem Roma vom Balkan, wie sind ihre Chancen, in Deutschland zu bleiben?

    Wiß: Es wurde allen vom Balkan gesagt, dass sie abgelehnt werden, aber das sagt man uns schon seit eineinhalb Jahren. Wie soll man aber einen Menschen motivieren, Deutsch zu lernen, sich zu integrieren, wenn er ständig hört, dass er bald weg ist?

    Hat sich die Stimmung mittlerweile verändert?

    Wiß: Die Familien, die wir Paten betreuen, sind Freunde geworden. Wir haben ein großes Vertrauensverhältnis, und es ist sehr schwer, wenn die Familien zurückmüssen. Das geht einem schon nah. Wir hatten am Anfang gar nicht im Blick, was alles auf uns zukommt.

    Kaufmann: Es gibt aber auch andere Fälle. Ich habe zum Beispiel zwei syrische Brüder begleitet, die sehr gut hier angekommen sind. Sie haben eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, bekommen alle Deutschkurse bezahlt, ihre Zeugnisse werden anerkannt, sie werden vom Jobcenter gefördert. Sie haben Job gefunden, eine eigene Wohnung ...

    Wie hat sich das Engagement der Bürger verändert?

    Wiß: Viele Helfer waren mit der Situation völlig überfordert und haben sich ausgeklinkt. Die Hilfe ist aber auch nicht mehr so nötig.

    Braucht man eine gewisse Frustrationstoleranz, um als Helfer klarzukommen?

    Kaufmann: Nein, Zeit! Man braucht Durchhaltevermögen, ja, man muss aber vor allem Verständnis zeigen und offen sein. Die Menschen kommen aus einer ganz anderen Kultur und sind vieles nicht gewöhnt, was es bei uns gibt. Korrektheit, Pünktlichkeit, das zeichnet uns auch, macht es für die Menschen aber schwieriger, hier reinzukommen. Das führt bei vielen Helfern zu Frust.

    Wiß: Man braucht auch eine Familie, die Verständnis hat für unsere Arbeit. Wir beide haben Kinder und waren auf einmal 20 bis 30 Stunden in der Woche weg. Ich kann die Helfer verstehen, die dafür keine Zeit haben.

    Martina Kaufmann (links) und Martina Wiß arbeiten im Netzwerk.
    Martina Kaufmann (links) und Martina Wiß arbeiten im Netzwerk.

    Haben Sie Vorurteile den Flüchtlingen gegenüber mitbekommen?

    Kaufmann: Wir haben immer wieder Diskussionen mit Deutschen aus dem Stadtteil. Da kommen schon derbe Sprüche. Wir als Helfer stehen da zwischen den Fronten.

    Wiß: Gerade am Anfang. Es hatte sich schnell rumgesprochen: Das sind die, die bei den Flüchtlingen sind. Wir hatten immer das Gefühl, uns rechtfertigen zu müssen. "Die haben ja alle ein Handy, denen kann es ja nicht schlecht gehen!", was glauben Sie, wie oft ich diesen Spruch gehört habe! Das war anstrengend, aber das ist zum Glück fast weggefallen.

    Warum bleiben Sie persönlich immer noch dran?

    Wiß: So intensiv, wie wir das gemacht haben, schaffe ich das nicht mehr. Wir alle machen noch andere Dinge ehrenamtlich, machen Sport, haben Freunde, Kinder, singen in Chören ... Es hat einfach die Zeit für alles gefehlt. Zwischendurch haben viele von uns gemerkt, dass wir viel erschöpfter sind, anfälliger, einfach fertig von der vielen Arbeit. Warum ich noch weitermache: Ich möchte die Familien noch begleiten, um die ich mich eineinhalb Jahre gekümmert habe.

    Kaufmann: Da sagt man ja nicht so einfach: Ich komme jetzt nicht mehr.

    Wiß: Bei den Familien, die ich betreue, geht es mir auch vor allem um die Kinder, darum, dass sie so viel Bildung aus Deutschland mitnehmen, wie sie nur bekommen können. Alles was sie hier lernen, bringt sie irgendwann zu Hause weiter. Zu Hause können sie in gar keine Schule mehr gehen. Ich finde es schlimm, dass die Menschen, die hier keine Perspektive haben, nicht sofort nach Hause müssen. Diese Zeit der Ungewissheit finde ich besonders grausam.

    Was ist Ihre Motivation, Frau Kaufmann?

    Kaufmann: Dass es Spaß macht. Punkt. Man lernt sehr viel, lernt fremde Kulturen kennen. Die Welt kommt zu einem nach Hause, das ist spannend.

    Hat diese Arbeit Sie selbst auch verändert?

    Kaufmann: Ich bin dankbar geworden. Dankbar dafür, dass ich hier lebe, in Frieden. Ich darf sagen, was ich denke, ich kann auch als Frau leben, wie ich möchte, ich habe keinen Hunger, meine Kinder können in die Schule gehen. Wir haben hier vergleichsweise solche Luxusprobleme, und dann kommen ein paar Populisten und machen so einen Rambazamba wegen ein paar Flüchtlingen, die ja nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachen.

    Was denken Sie: Schaffen wir das?

    Wiß: "Wir schaffen das" ist leicht gesagt, aber die in Berlin wissen gar nicht, was die ehrenamtlichen Helfer alles leisten, was sie für eine Verantwortung übernommen haben. Andererseits denke ich auch: Uns geht es so gut, natürlich schaffen wir das. Wenn nicht wir, wer denn dann?

    Kaufmann: Immer wieder werden wir gefragt: Wie leben denn die Flüchtlinge, brauchen die noch was? Dann sage ich: Geht doch mal selbst hin, die freuen sich, ihr seid doch Nachbarn. Worauf es heißt: Das trauen wir uns nicht. Schaffen können wir das aber nur gemeinsam, und dazu muss jeder seinen Teil beitragen.

    Das Gespräch führte Stephanie Mersmann

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