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  • Mauerfall: Wahl-Koblenzerin saß im DDR-Zuchthaus

    Koblenz. Knapp ein halbes Jahr hat Elke Schlegel in Stasi-U-Haft und im Gefängnis zugebracht. Ihr "Verbrechen": Sie wollte raus aus der DDR. Dafür stellte sie gemeinsam mit ihrem heutigen Mann Thomas und dem gemeinsamen Sohn Tony einen Ausreiseantrag. Wenn andere jetzt euphorisch den Jahrestag des Mauerfalls feiern, ist die Wahl-Koblenzerin zumindest ein bisschen skeptisch.

    Bilderalben aus einer anderen Zeit: Die Koblenzerin Elke Schlegel wurde vor 30 Jahren in der DDR inhaftiert, weil sie weg wollte. Frei zu sein, reisen zu dürfen, das war ihr wichtig. Nach insgesamt einem Jahr Haft kaufte die BRD sie frei. Doch vergessen wird sie ihre Erlebnisse nie können.
    Bilderalben aus einer anderen Zeit: Die Koblenzerin Elke Schlegel wurde vor 30 Jahren in der DDR inhaftiert, weil sie weg wollte. Frei zu sein, reisen zu dürfen, das war ihr wichtig. Nach insgesamt einem Jahr Haft kaufte die BRD sie frei. Doch vergessen wird sie ihre Erlebnisse nie können.
    Foto: Sascha Ditscher

    Von unserer Redakteurin Doris Schneider

    Viele Jahre hat sie gar nicht geweint. Es waren einfach keine Tränen mehr da. Doch irgendwann, bei irgendeinem Film, da brachen sie aus ihr heraus. Und manchmal konnte Elke Schlegel dann gar nicht mehr aufhören, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

    Wenn andere jetzt euphorisch den Jahrestag des Mauerfalls feiern, ist die Wahl-Koblenzerin zumindest ein bisschen skeptisch. Denn dass Deutschland vereinigt ist, bedeutet für sie auch, dass sie überall auf "Wachteln" treffen kann. So haben sie und ihre Mitgefangenen 1984 das Wachpersonal im Frauengefängnis Hoheneck genannt. Knapp ein halbes Jahr hat Elke Schlegel in Stasi-U-Haft und im Gefängnis zugebracht. Ihr "Verbrechen": Sie wollte raus aus der DDR. Dafür stellte sie gemeinsam mit ihrem heutigen Mann Thomas und dem gemeinsamen Sohn Tony einen Ausreiseantrag. Und dafür ging sie auch auf die Straße.

    Es ging um Freiheit, nicht um Bananen, sagt Elke Schlegel. Darum, reisen zu dürfen und seine Meinung sagen zu können. Dafür hat sie teuer bezahlt. Immer wieder wurde sie verhaftet, als sie 1984 bei den sogenannten "Stillen Protesten" in Jena auf die Straße ging, einmal sogar vom eigenen Bruder, dem keine andere Wahl blieb, weil er sonst enorme Schwierigkeiten bekommen hätte. Stundenlange Verhöre, immer wieder.

    "Und dann haben sie uns geholt", erinnert sich die zierliche 56-Jährige, während sie in ihrem gemütlichen Esszimmer auf der Karthause sitzt. Sie erzählt ganz ruhig, aber ihre Hände verraten ihre Anspannung: Wenn sie nicht gestikuliert, knibbeln die Finger am Glas, an der anderen Hand, am Ring. Keine Sekunde sind die Hände ruhig.

    Thomas und sie kamen in Stasi-U-Haft. Einzelhaft, immer wieder Verhöre. Dann nach drei Monaten das Urteil: 19 Monate Haft für sie, 18 Monate Haft für Thomas. Der kleine Tony, damals gerade ein gutes Jahr alt, blieb bei ihrer Mutter, sagte bald zu ihr "Mutti". Ob und, wenn ja, wann die richtige Mama ihn wiedersehen würde, das war völlig unklar. Und das war das Schlimmste.

    Wenn Tony nicht gewesen wäre, dann hätte das junge Paar versucht, über die Grenze zu fliehen oder mithilfe von Schleusern in den Westen zu kommen. Aber das wäre für das Kind zu gefährlich gewesen. "Und wir waren uns auch irgendwie sicher, dass unserem Ausreiseantrag stattgegeben wird", sagt Elke Schlegel und muss fast lachen. "So naiv waren wir!" Naiv, das blieb sie nicht lange. Der Alltag erst in Untersuchungshaft und dann in der Zelle mit 42 Frauen in Hoheneck zeigte ihr mit brutaler Macht, wie das Leben aussehen kann. Wie es ist, als politischer Häftling ganz unten in der Hierarchie zu sein. Wie es ist, von der Zellenältesten, einer Kindsmörderin, das schlechteste Bett zugewiesen zu bekommen - das oberste von Dreien, das man nicht ordentlich machen konnte, wenn man nicht auf das untere treten durfte. Das aber gerade verboten die anderen ihr, sodass sie wegen Unordentlichkeit ständig Ärger mit den "Wachteln" bekam. Wie es ist, von anderen Frauen sexuell bedrängt zu werden. Wie es ist, mitten in der Zelle eine der beiden offenen Toiletten zu nutzen und schon währenddessen immer die Wasserspülung zu betätigen, damit es bloß nicht stinkt und keine der anderen Frauen sauer wird. Wie es ist, die Norm beim Arbeitsdienst nicht zu schaffen und deshalb keine Schreiberlaubnis zu bekommen. Wie es ist, vor lauter Ekel das nasse Brot und stinkende Fleisch nicht essen zu können.

    Was ihr da fast zum Verhängnis wurde, rettete sie unverhofft: Elke Schlegel magerte bis auf 38 Kilo ab und brach zusammen. Doch statt zwangsernährt zu werden, geschah ein kleines Wunder: Die BRD kaufte sie frei, sie durfte weg. "Erst habe ich mich geweigert, in den Bus zu steigen: Ohne Thomas und Tony wollte ich auf keinen Fall weg! Aber dann kam einer, der hatte Thomas im Gefängnis getroffen, und der sagte: Du musst. Thomas geht es gut, der kommt nach."

    Und sie ging. Wohin sie will, wurde sie im Auffanglager in Gießen gefragt. "Ich wusste ja nicht, wo es Arbeit gibt und wo es schön ist", sagt Elke Schlegel. Aber der Cousin wohnte in Neuwied und ein paar andere Verwandte auf dem Westerwald. "Da hab ich gedacht, Koblenz ist gut. Ich will es zwar allein schaffen, aber wenn ich doch Hilfe brauche, dann ist es nicht weit."

    Lange blieb sie nicht allein: Auch Thomas durfte bald ausreisen. Die beiden zogen in eine kleine Wohnung. Das erste, was sie anschafften, war ein Kinderzimmer: "Wir wussten ja nicht, wann wir Tony zurückbekommen und wollten auf jeden Fall vorbereitet sein." Ein Jahr etwa dauerte es, bis Elke Schlegel die Erlaubnis bekam, ihren Sohn abzuholen. Als er am Bahnsteig stand mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, erkannte er sie nicht. Erst langsam näherten sich Mama, Papa und Sohn wieder an.

    Warum sie das immer und immer wieder erzählt, fragte sie ein Schüler einmal bei einem Zeitzeugen-Gespräch. Wo sie doch jetzt gut angekommen ist im Westen, gern reist, eine gemütliche Wohnung hat. Ob es nicht besser wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen. "Das kann ich nicht", sagt Elke Schlegel. Sie erzählt es vor allem für sich. Und damit es nicht vergessen wird, was sie und andere erlebt haben - und womit sie heute noch leben müssen. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme. Zurzeit kann sie nicht arbeiten, kann keine geschlossenen Räume ertragen und fühlt sich immer ein bisschen wie auf der Flucht. Vielleicht auch deswegen sind sie und ihr Mann Thomas schon so oft umgezogen.

    Denn immer wieder kann es zu Situationen kommen, die die 56-Jährige wieder 30 Jahre zurückbringen. Wie kürzlich bei einer Autofahrt, als sie einer frischen Bekannten gegenüber erwähnte, dass sie in der DDR im Knast gesessen hat. "Ich war Aufseherin", sagte die daraufhin lapidar. Und da hat Elke Schlegel bei Tempo 100 die Autotür aufgemacht. Sie wollte nichts wie weg.

    Das junge Paar mit Sohn Tony, noch in der DDR.
    Das junge Paar mit Sohn Tony, noch in der DDR.

    Zeitzeugen berichten im Unterricht oder bei Projekttagen

    Das Zeitzeugenportal der Bundesstiftung Aufarbeitung ermöglicht bundesweit den Kontakt zu Zeitzeugen zur Geschichte der DDR. Mehr als 300 Frauen und Männer stellen sich im Internet auf www.zeit zeugenbuero.de vor und können für Gespräche in den Unterricht oder zu Projekttagen eingeladen werden. Unter ihnen ist auch Elke Schlegel aus Koblenz.

    Viele der Zeitzeugen haben Fluchtversuche unternommen und wurden wegen "versuchter Republikflucht" inhaftiert, andere engagierten sich gegen das DDR-Regime und berichten von der Überwachung durch die Staatssicherheit. Mit ihren ganz persönlichen Erinnerungen vermitteln sie einen unmittelbaren Eindruck vom Leben in der DDR.

    Das Zeitzeugenportal wurde 2009 von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Unterstützung aller Bundesländer sowie des Bundesministeriums des Innern eingerichtet.

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