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    Koblenz/RegionKoblenz/Region: Mit dem rollenden Bäcker auf Tour

    Region. Freitagmorgen, 8.30 Uhr: Die rollende Bäckerei ist fast abfahrbereit. Eine Stunde lang hat Wolfgang Marx den Fiat-Transporter zuvor bestückt. mit Brot und Brötchen, mit allerlei Teilchen und Kuchen. "Ich habe das ganze Sortiment an Bord", sagt er, als er schnell noch ein Blech Hefestreusel aus der Thilmann-Backstube in Wolken über die Rampe in den Lieferwagen hievt und im Regal verstaut.

    Wolfgang Marx bringt vom Puddingteilchen bis zum Vollkornbrot vieles bis vor die Tür. Dabei bleibt immer Zeit für ein paar nette Worte.
    Wolfgang Marx bringt vom Puddingteilchen bis zum Vollkornbrot vieles bis vor die Tür. Dabei bleibt immer Zeit für ein paar nette Worte.
    Foto: Annette Hoppen

    Von unserer Mitarbeiterin Annette Hoppen

    Dann geht die Tour los: Boppard, Buchenau, Spay, Brey und Rhens stehen heute an.

    Etwa 70-mal wird Marx seinen Bäckerwagen bis in die Nachmittagsstunden hinein stoppen, die Klingel läuten lassen, ein-, zweimal hupen, nach hinten in den Verkaufsraum spurten, die Seitenwand hochfahren und hinter der Theke freundlich fragen: "Das Gleiche wie jede Woche?" Wolfgang Marx wird auch etliche Treppen hochlaufen, um seinen betagteren und nicht mehr so mobilen Kunden die Brötchen- und Brottüten an die Haustür zu bringen. Er wird zwischen dem Abzählen von Kleingeld und dem Anpreisen seiner Fanta-Kuchen-Schnitten, die er heute zum ersten Mal mit ins Sortiment gepackt hat, immer ein offenes Ohr haben für ein Gespräch. Denn er kennt die Sorgen und Nöte viele seiner Kunden. Offiziell ist Wolfgang Marx Verkaufsfahrer. Doch im Angebot hat er darüber hinaus etwas, was kein Discounter, in dem Backautomaten zehn frische Brötchen für 1,99 Euro ausspucken, zu bieten hat: Herzlichkeit, Zuwendung und Zeit. "Ich bin zwar gelernter Bäcker. Eigentlich bin ich aber auch Sozialarbeiter", meint Marx lächelnd, als er in Wolken vom Hof rollt.

    Energiekosten fressen Gewinne

    Seit 25 Jahren schon ist der 55-Jährige für den Traditionsbetrieb auf Achse. Viermal in der Woche schickt Guido Thilmann-Föhr seine Verkaufswagen in Richtung Rhein und Mosel und in viele Koblenzer Stadtteile, in die Pellenz und in die Eifel. Ein lukratives Geschäft ist das für den Firmenchef nicht. Gestiegene Energiekosten fressen die Gewinne nahezu auf. Im Verkaufswagen sind Brot und Brötchen trotzdem nicht teurer als im Laden. Das Geld wird in den 26 Thilmann-Filialen verdient. 120 Angestellte arbeiten dort. Dennoch will Guido Thilmann-Föhr seine Verkaufswagen noch lange nicht in Rente schicken. "Ich betrachte das auch als eine soziale Verantwortung. Ich kann die Menschen, die uns jahrzehntelang die Treue gehalten haben, nicht so einfach vor den Kopf stoßen", sagt er. Er weiß: "Viele unsere Kunden sind nicht mehr mobil. Und für viele ist der Kontakt zu den Verkaufsfahrern manchmal der einzige zur Außenwelt am ganzen Tag. Das ist zum Teil echte Seelsorgearbeit."

    Doch es sind nicht nur betagte Senioren, die jeden Freitag auf der Rheinroute von Wolfgang Marx auf das Klingelzeichen des Brotautos warten. Gleichwohl sind es vor allem die älteren Menschen, die das Angebot schätzen. 25 Kilometer geht es zunächst über die A 61 und danach die Serpentinen-Landstraße hinunter nach Boppard. In Kreuzberg steht ein weißhaariger Mann bereits hinter dem Fenster, als Marx in dem verlassen wirkenden Stadtteil stoppt. "Ich bin schon einen guten Teil über 80 und so froh, dass ich ein Brot jede Woche frisch bekomme und nicht in die Stadt fahren muss", sagt der Rentner. "Vor allem auch im Winter kann ich das gar nicht mehr", sagt er, packt sein Frischkorn-Roggenbrot unter den Arm und geht die Treppe hinauf zu seinem Haus.

    Buttermilchbrot und Mitgefühl

    Marx schließt die Seitenwand - weiter geht es hinunter in die Stadt. Manchmal sind es nur wenige Meter in der gleichen Straße, die Marx zurücklegt, bevor er wieder anhält. "Für Leute, die nicht mehr gut laufen können, sind auch 50 Meter zu weit", ist er sich bewusst. Deshalb stoppt er lieber einmal zu viel als zu wenig. 10.30 Uhr ist es mittlerweile. In einem beschaulichen Wohngebiet, dessen Architektur verrät, dass die Häuser wohl in den 1950er-Jahren entstanden sind, kommt eine Frau mit einem Stoffbeutel zum Verkaufswagen. Brot und Brötchen wandern in die Tasche. Zu Marx sagt sie in saarländischem Dialekt: "Isch bin die nächste zwo Woche todsicher nit do." Es geht in Richtung Madeira, verrät die Kundin. "Da fahr ich mit", scherzt Marx. Vorher aber fährt Marx erst einmal weiter in Richtung Bopparder Innenstadt. Vor dem Friseursalon von Elfi Minning ist der nächste Halt. Die Geschäftsfrau, die zu den jüngeren Kunden gehört, hat den Thilmann-Wagen schon erwartet. "Klar könnte ich mein Brot auch im Supermarkt kaufen. Aber ich unterstütze zum einen ganz bewusst den lokalen Handel und zum anderen ganz bewusst dieses Verkaufswagenangebot, damit es erhalten bleibt. Ich werde schließlich auch einmal alt", sagt sie.

    Nussbrote, Käsestangen, Puddingteilchen - bis in die Mittagsstunden lichten sich die Verkaufsregale von Wolfgang Marx immer mehr. Mittlerweile ist er in Buchenau angelangt - ein Buttermilchbrot wandert hier bei einer älteren Dame über den Tresen. "Wie geht es ihrem Mann?", fragt Marx, der später erklärt: "Der Mann der Frau hat Krebs. Sie hat mir schon oft von seinem Leid erzählt."

    14 Uhr. Marx fährt jetzt durch Brey, hält in einer Seitenstraße. Zwei Kunden kommen zum Wagen, ein jüngerer Mann kauft ein paar Teilchen. "Den regionalen Handel muss man unterstützen. Sonst gibt es ein solches Angebot irgendwann nicht mehr", ist sich Hartmund Schütt bewusst. Für Marx nähert sich die Freitagstour derweil langsam dem Ende. In Rhens warten noch ein paar Kunden. Danach geht es zurück nach Wolken - die Retouren auspacken, den Wagen putzen, das Wochenende steht vor der Tür. Marx freut sich aber schon auf Montag. Dann fährt er die Koblenz-Tour.

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