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  • Koblenz: Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, dauert meist Jahre

    Koblenz. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist vielleicht die größte Baustelle, wenn es darum geht, wie Flüchtlinge Fuß fassen können in Deutschland. Unternehmer, Arbeitsagentur, Kammern und Co. sehen hier ein wichtiges Ziel, ebenso wie die Flüchtlinge selbst. Und doch macht sich eine Erkenntnis breit, die niemandem gefällt: Es dauert in der Regel Jahre, bis Asylbewerber in Deutschland in einen Beruf einsteigen können. Das haben auch die Berater und Vermittler im Lotsenhaus in Koblenz erfahren.

    Im Lotsenhaus werden seit einigen Monaten Flüchtlinge bei ihrem Einstieg in die Arbeitswelt beraten und unterstützt. Die meisten von ihnen haben eine gute Bleibeperspektive, etwa Menschen aus Syrien.
    Im Lotsenhaus werden seit einigen Monaten Flüchtlinge bei ihrem Einstieg in die Arbeitswelt beraten und unterstützt. Die meisten von ihnen haben eine gute Bleibeperspektive, etwa Menschen aus Syrien.
    Foto: Sascha Ditscher

    Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann

    "Die Vermittlung der Flüchtlinge ist zehnmal aufwendiger als von anderen Arbeitslosen", sagt Marco Lohn, Leiter des Lotsenhauses in Koblenz, in dem mehrere Organisationen Flüchtlinge bei der beruflichen Orientierung beraten und unterstützen. Und eine rasche Vermittlung ist in der Regel nicht möglich: "Schnell funktioniert nicht", betont Joachim Höllen, Teamleiter im Koblenzer Jobcenter. Jens Fiedermann von der Handwerkskammer (HwK) Koblenz ergänzt: "Bis eine Ausbildung abgeschlossen ist, dauert es fünf bis sechs Jahre."

    Berater der verschiedenen Partner sitzen seit der Eröffnung des Lotsenhauses Ende November regelmäßig im Erdgeschoss der Koblenzer Arbeitsagentur und bemühen sich, Flüchtlinge beim Einstieg in den Arbeitsmarkt zu helfen. Schlüssel ist dafür die Sprache - und oft auch das größte Hindernis. "Jemand, der gerade erst in Deutschland ist, kann fast nie richtig Deutsch", sagt Gregor Hülpüsch, der für die Caritas im Lotsenhaus arbeitet. Ungewöhnlich viele Betriebe seien zwar willig, Flüchtlinge auszubilden oder zu beschäftigen - die Bereitschaft ist riesig, heißt es -, aber ohne Deutsch kommen diese nicht weit, erst recht nicht in der Berufsschule. Deshalb müssen die Arbeitswilligen erst einmal intensiv Deutsch lernen. Und das dauert Monate.

    Ein Instrument, das ihnen beim Start ins Berufsleben helfen soll, ist die Einstiegsqualifizierung: Hat ein Bewerber einen wie auch immer gearteten Nachholbedarf - und das gilt nicht nur für Flüchtlinge -, arbeitet er vor einer Ausbildung sechs bis zwölf Monate im Betrieb und besucht auch die Berufsschule, quasi als Testphase. Ziel ist letztlich die Lehre. Für diese wird im Lotsenhaus ohnehin intensiv geworben: "Das Prinzip der dualen Ausbildung müssen wir dann erst einmal erklären", sagt Jens Fiedermann von der HwK. Automatisch ist den meisten Flüchtlingen nicht klar, dass es sinnvoll ist, zuerst eine Lehre zu machen, wenn sie in Hilfsjobs erst einmal mehr verdienen als in der Ausbildung. Befristete, ungelernte Jobs wie bei Amazon, die in den vergangenen Wochen bereits vermittelt wurden, sind eher gute Einblicke in das Berufsleben, aber kein Ersatz für eine richtige Ausbildung. Diese kennen aber die allerwenigsten aus ihrer Heimat. Häufig haben sie hier zwar lange in einem Beruf gearbeitet, diesen aber nicht strukturiert gelernt - eine Voraussetzung, um in Deutschland mehr zu machen als Hilfsarbeiten.

    "Grundsätzlich ist es viel Arbeit zu klären, was jemand in seinem Heimatland gemacht und gelernt hat", sagt Gregor Hülpüsch von der Caritas - eine Aufgabe der Berater im Lotsenhaus. Die Caritas zum Beispiel berät zur Anerkennung von Abschlüssen, die Kammern haben einen engen Draht zu Betrieben, die Jobcenter kommen dann ins Spiel, wenn ein Flüchtling eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hat. Im ersten Schritt aber werden die Flüchtlinge, die ins Lotsenhaus kommen - und zwar unabhängig davon, ob ihr Asylantrag noch läuft oder schon genehmigt ist -, von einem Berater der Arbeitsagentur empfangen, die hier ständig präsent sind und auch Sprachen wie Arabisch oder Farsi beherrschen. Sie führen ein erstes Gespräch, erfassen Daten und klären ihr Anliegen. Danach werden die Flüchtlinge je nachdem, was bei ihnen konkret ansteht, auch an Ansprechpartner der anderen Institutionen vermittelt.

    Wie viele Menschen schon im Lotsenhaus beraten wurden, kann nicht so einfach gesagt werden: 350 Personen wurden allein in die Datenbank der Arbeitsagentur aufgenommen, bei den anderen Partnern sind es weitere. Die Fallzahlen jedenfalls steigen - und das Arbeitsamt stockt bereits die Zahl seiner Berater auf, von fünf auf acht.

     

    Das Lotsenhaus für Flüchtlinge in der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, Rudolf-Virchow-Straße 5, ist per E-Mail an koblenz-mayen.fluechtlingslotsen@arbeitsagentur.de zu erreichen. Montags ist es von 7.30 bis 16 Uhr, dienstags, mittwochs und freitags von 7.30 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 7.30 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet.

    Verschiedene Partner bieten hier erstmals zusammen unter einem Dach eine abgestimmte Hilfe zur beruflichen Integration für Flüchtlinge: die Bundesagentur für Arbeit, der Caritasverband Koblenz, die Handwerkskammer Koblenz, die Industrie- und Handelskammer Koblenz, die Jobcenter der Stadt Koblenz und des Landkreises Mayen Koblenz, der Kreis Mayen-Koblenz und die Stadt Koblenz. Seit Kurzem arbeitet auch das Deutsche Rote Kreuz in Koblenz mit dem Lotsenhaus zusammen.

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    Nina Borowski

    Nina Borowski

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