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    Teil 18: Fürchterliche Jahre für Koblenz

    Koblenz - Der Westfälische Frieden beendete zwar den Dreißigjährigen Krieg und beruhigte den konfessionellen Dauerkonflikt, doch machte er das Reichsgebiet endgültig zu einem Flickenteppich von kleinen und kleinsten Territorien, in denen die Landesherren machen konnten, was sie wollten. Habsburg war geschwächt, Frankreich und Schweden konnten als Garanten des Friedens fast nach Belieben schalten und walten. Dazu kam das Ausscheiden der Schweiz und der Niederlande aus dem Reichsgebiet. Das Alte Reich war zum todkranken Patienten geworden, dessen Siechtum sich allerdings noch bis 1806 hinziehen sollte.

    Die Mehlgasse – eine typische Altstadtgasse? Oder vielleicht doch nicht? Fest steht: Der Straßenzug wird zwar bereits in mittelalterlichen Urkunden genannt, ist aber das Ergebnis der Baumaßnahmen im 18. und 19. Jahrhundert – und der Sanierung der 80er-Jahre.
    Die Mehlgasse – eine typische Altstadtgasse? Oder vielleicht doch nicht? Fest steht: Der Straßenzug wird zwar bereits in mittelalterlichen Urkunden genannt, ist aber das Ergebnis der Baumaßnahmen im 18. und 19. Jahrhundert – und der Sanierung der 80er-Jahre.
    Foto: Reinhard Kallenbach

    Koblenz - Der Westfälische Frieden beendete zwar den Dreißigjährigen Krieg und beruhigte den konfessionellen Dauerkonflikt, doch machte er das Reichsgebiet endgültig zu einem Flickenteppich von kleinen und kleinsten Territorien, in denen die Landesherren machen konnten, was sie wollten. Habsburg war geschwächt, Frankreich und Schweden konnten als Garanten des Friedens fast nach Belieben schalten und walten. Dazu kam das Ausscheiden der Schweiz und der Niederlande aus dem Reichsgebiet. Das Alte Reich war zum todkranken Patienten geworden, dessen Siechtum sich allerdings noch bis 1806 hinziehen sollte.

    Die Festungsstadt Koblenz und Ehrenbreitstein um 1688. Der nach Vorlage von Joseph Eipelt entstandene Kupferstich von Gabriel Bodenehr zeigt die Residenzstädte vor Beginn der französischen Beschießung.
    Die Festungsstadt Koblenz und Ehrenbreitstein um 1688. Der nach Vorlage von Joseph Eipelt entstandene Kupferstich von Gabriel Bodenehr zeigt die Residenzstädte vor Beginn der französischen Beschießung.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

     

    Auch für Kurtrier hatte sich die Situation nicht entspannt. Die Ostgrenze Frankreichs war bedrohlich nähergerückt. Das Elsass, die Bistümer Metz, Toul und Verdun gehörten jetzt zu diesem mächtigen Königreich. Und mit Ludwig XIV. sollte ein erfolgshungriger König heranreifen. 1643 im Alter von vier Jahren inthronisiert, sollte er im Laufe der Zeit unter der Regentschaft seiner Mutter Anna von Österreich mithilfe der mächtigen Kardinäle Richelieu und Mazarin Schritt für Schritt an große Aufgaben herangeführt werden. Und das sollte für die Nachbarländer vor allem eins bedeuten: Krieg.

     

    Unsichtbare Feinde lauern

    In jenen Jahren, als sich neue große Konflikte abzeichneten, muss das Leben für die Koblenzer schrecklich gewesen sein. Weite Teile der Stadt lagen noch immer in Trümmern, viele Bürger waren tot. Und diejenigen, die überlebt hatten, mussten sich nicht nur durch einen entbehrungsreichen Alltag plagen, sondern auch gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen, gegen den sie kaum eine Chance hatten: die Pest. Die todbringende Seuche sollte im 16. und 17. Jahrhundert ein ständiger Begleiter der Koblenzer sein. Epidemien sind aus den Jahren 1581, 1597/98, 1611 bis 1613, 1621 bis 1623 und letztmals aus der Zeit von 1666 bis 1668 überliefert. Auch wenn exakte Zahlen nicht überliefert sind, spricht vieles dafür, dass die letzte Epidemie auch die schlimmste war. Vor den Toren der Stadt wurden Massengräber angelegt. Das erst jüngst konservierte und neu aufgestellte Pestkreuz von 1669 lässt auf das Gebiet der Oberen Löhr als Hauptstandort dieses Notfriedhofs schließen. Doch nicht nur die Pest war eine Bedrohung. Oft waren es die weniger spektakulären Seuchen, die viele Todesopfer forderten – so wütete zum Beispiel in den Kriegsjahren 1632 und 1636 der Typhus in der Stadt. Bei der Ursachensuche tappte die Obrigkeit im Dunkeln. Allgemein verbreitet war damals der Glaube, die verheerenden Krankheiten würden durch schädliche Ausdünstungen aus dem Boden entstehen, die sich dann über die Luft verbreiteten. Genau deshalb ist in den Ratsprotokollen oft von „sterbend luft“ die Rede.

     

    Rat machte Druck

    Auch wenn dieser Ansatz im wahren Sinne des Wortes aus der Luft gegriffen war, schärfte er erstmals den Sinn für hygienische Missstände. So verbot der Rat bereits 1607/1608, Abwässer in die Rinnsteine der Gassen zu leiten. Darüber hinaus wurden die Bürger verpflichtet, die in den Boden eingelassenen hölzernen Fässer durch steinerne Sickerschächte zu ersetzten. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass Brunnen, Mistgruben und Aborte weiterhin eng beieinander lagen. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Stadtväter den Fleischständen auf dem Plan. Am 17. Mai 1607 wurde deren Abschaffung wegen „sterbend luft” beschlossen, am 23. Dezember 1607 ihre Neuerrichtung sogar vorübergehend verboten. Auch später befahlen Stadtrat und Landesherr immer wieder, den Platz sauber zu halten. So wird im März 1669 der kurfürstliche Befehl bekannt gegeben, den „[...] Plan, alß die furnembste platze dieser Stat zu säuberen, und hinführo sauber zu halten […]“

    Betriebsverbote erließ man auch für die Badstuben in der Stadt, deren Zahl sich heute nicht mehr eindeutig ermitteln lässt. Eine dieser Anstalten befand sich in einer südlichen Nebenstraße der Kastorgasse in unmittelbarer Nähe des Hofes der Zisterzienserabtei Himmerod. Trotz der Pestepidemien bestand sie noch 1659. Erst zehn Jahre später wurde der Platz verkauft. Das geeignetste Mittel zur Verhütung von Krankheiten sah man eher darin, die Bürger immer wieder zur Säuberung der Straßen zu verpflichten. Körperpflege mit Wasser wurde dagegen immer öfter als gesundheitsschädlich angesehen.

     

    Die Karmeliter kommen

    Wegen des enormen Aderlasses war im Koblenz des 17. Jahrhunderts – sieht man einmal von Provisorien ab – die private Bautätigkeit fast zum Erliegen gekommen. Aber es gab Ausnahmen. So gestatteten der kurtrierische Amtmann, Bürgermeister und Rat 1659 den fünf Jahre zuvor von Neuburg an der Donau nach Koblenz übergesiedelten Karmelitern, Terrain und Material des verfallenen Roten Turmes beim Bau eines Klosters zu nutzen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass die städtischen Gremien nichts mehr allein beschließen durften. Das entscheidende Wort hatte die landesherrliche Verwaltung, die im Namen der Kurfürsten immer wieder auf die Behebung städtischer Missstände drängte.

     

    Baumaßnahmen reglementiert

    So wurde 1669 bei neuen Bauten der Überbau von Gebäuden verboten. Wer die Vorschrift missachtete, musste damit rechnen, dass sein Haus abgerissen wurde. Und nicht nur das: Die Obrigkeit drohte damit, Grundstücke einzuziehen, wenn die Eigentümer nicht bauen konnten oder wollten. Andererseits gingen die Landesherren dazu über, private Bauvorhaben durch Steuererleichterungen, Abmilderung der Bürgerpflichten sowie durch Bevorzugung der Bauwilligen bei der Holzbeschaffung zu fördern. Eine entsprechende Verordnung wurde am 10. Mai 1677 vom Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck (1676– 1711) erlassen, um die Bebauung der „Firmung“ zu fördern. Bis dahin war es in Koblenz üblich gewesen, die überwiegend in Fachwerk gebauten Brandgiebel lediglich mit Lehm auszufachen. Das wollte die Obrigkeit ändern; von jetzt an konnten auch diejenigen Steuervorteile und die Befreiung von bürgerlichen Wach- und Einquartierungspflichten in Anspruch nehmen, die sich zum Aufbau steinerner Brandgiebel an ihren bestehenden Häusern verpflichteten.

    Aus heutiger Sicht darf bezweifelt werden, dass die Mischung aus Zwang und Belohnung etwas brachte. Dem finanzschwachen Kurfürstentum und erst recht der Stadt fehlten die Mittel. Außerdem zeichnete sich ein neuer großer Konflikt ab, in dem das Kurfürstentum zum Spielball der großen Mächte wurde: Der Konflikt um die Erbansprüche der Herzogin Charlotte von Orleans auf Teile der Pfalz, die Ludwig XIV. für seine Schwägerin erhob, sollte für Koblenz schlimme Folgen haben. Der Streit eskalierte, als 1686 die „Augsburger Allianz” gegründet wurde. Diese war ein Defensivbündnis zwischen Österreich, Spanien, Schweden, Bayern und den Reichsständen. Die Antwort des Sonnenkönigs: ein Krieg der „verbrannten Erde“, der Schwaben und Franken besonders hart traf. Bereits in der Frühphase des Krieges, im Herbst 1688, rollte die Zerstörungswelle durch das Kurfürstentum Trier.

    Bereits Kurfürst Carl Caspar von der Leyen (1652–1676) hatte den Konflikt mit Frankreich kommen sehen und deshalb den Ausbau von Koblenz und Ehrenbreitstein zur stärksten Landesfestung vorangetrieben. Das neue Befestigungssystem war zwischen 1655 und 1668 nach Plänen des Düsseldorfer Baumeisters Johann Lollio (genannt Saddeler) gebaut worden. Unter Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck wurde der Ausbau auch auf der Lützeler Seite vorangetrieben. Dort wurde vor der Balduinbrücke ein sternförmig angelegtes Bollwerk errichtet. Die Folgen für Lützel waren gravierend: Wegen der Befestigung musste ein Teil der Häuser abgerissen werden – und auch die Kirche St. Peter, in der einst die Ära der staufischen Könige und Kaiser begann.

     

    Der Zeitdruck war groß

    Die Arbeiten erfolgten offenbar in großer Hektik und unter dem Eindruck der anrückenden französischen Truppen. Dass zeigt auch ein Brief der Gemeinde Neuendorf an den Kurfürsten Franz Ludwig von Neuburg (1716–1729) von 1718, der sich genau auf das Jahr bezieht „alß zu Zeithen der Coblenzer bombardirung daß so genantes Lüzer Coblenz gleich an der Steinern brücken gelegen umb besserer Defension wegen [...] demolirt und abgebrochen worden.“

    In einem anderen Schreiben der Gemeinde Neuendorf an den Erzbischof heißt es, dass die Kirche in Lützelkoblenz acht Tage vor der französischen Beschießung abgebrochen worden sei. Und über die gibt es neue Erkenntnisse.

     

    Blutige Zeiten

     

    1652 Kurfürst Philipp von Sötern stirbt in der Ehrenbreitsteiner Philippsburg.

    1663 Koblenz und Ehrenbreitstein verbindet eine Schiffsbrücke, die auf Höhe

    der Kastorkirche gebaut wird. Die Anlage besteht nur sieben Jahre. Sie wird durch Eisgang zerstört.

    1665 Englisch-Niederländischer Krieg, der nach zwei Jahren mit dem Sieg Englands endet.

    1667 Frankreich greift nach dem Tod des spanischen Königs Philipp IV. im Rahmen des sogenannten Devolutionskrieges Flandern und Brabant an.

    1672 Die französischen Armeen überrennen das südliche Holland. Der Niederländische Krieg sollte dennoch bis 1678 dauern.

    1674 Der Stadtrat verlegt seinen Sitz vom Rathaus Monreal am Eingang zur Braugasse in das Alte Kaufhaus am Florinsmarkt.

    1675 Nach der siegreichen Schlacht von Fehrbellin in Brandenburg beginnt der militärische Aufstieg Preußens. Die Schweden werden besiegt und verdrängt.

    1680 Eine „fliegende“ Brücke verbindet Koblenz und Ehrenbreitstein.

    1683 Beginn des Türkenkriegs, der bis 1699 dauern sollte. Die Türken stehen sogar vor den Toren Wiens, werden aber durch ein europäisches Heer unter Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski geschlagen.

    1688 Wilhelm von Oranien, dem Erbstatthalter der Niederlande, wird die englische Krone angetragen. Es entsteht eine starke Allianz gegen Frankreich.

    1692 Frankreichs Flotte wird in der Seeschlacht von La Hogue vernichtet. England hat jetzt die Seeüberlegenheit.

    1697 Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges mit dem Frieden von Rijswijk. Erster Verlustfrieden Ludwigs XIV., der alle eroberten Gebiete zurückgeben muss. Das Elsass bleibt jedoch französisch.

    1699 Der Türkenkrieg wird mit dem Frieden von Karlowitz beendet. Ungarn fällt fast komplett an das Habsburgerreich.

    1700 Karl II., der letzte spanische Habsburger, stirbt. Herzog Philipp von Anjou, ein Enkel Ludwigs XIV., zieht in Madrid ein. Eine große europäische Koalition bildet sich gegen Frankreich, der Erbfolgekrieg beginnt.

    1701 Der preußische Kurfürst Friedrich III. wird zum preußischen König gekrönt.

    1704 England erobert Gibraltar und Menorca.

    1713 Der Spanische Erbfolgekrieg endet am 11. April mit dem Frieden von Utrecht. Ergebnis: Der Bourbone Philipp V. bleibt spanischer König. Allerdings wird eine Personal- und Realunion mit Frankreich untersagt. Spanien behält seine Kolonien, aber seine Besitzungen in Italien und in den Niederlanden werden österreichisch. Sizilien geht an Savoyen. Großbritannien erhält endgültig Gibraltar und Menorca.

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