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    Teil 17: Grauen des Krieges erreicht Koblenz

    „Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret, das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun, ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret“: Diese traurige Bilanz, die Andreas Gryphius (1616–1664) in seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes” zog, betrifft im besonderen Maße auch Koblenz. Denn im 17. Jahrhundert wurde die Stadt zum Spielball der großen Mächte.

    Die in den Jahren von 1613 bis 1617 erbaute Jesuitenkirche um 1930. Auch dieses Gotteshaus wurde 1944 zerstört. Die heutige Citykirche wurde 1958/59 nach Plänen von Gottfried Böhm wiederaufgebaut. 
    Die in den Jahren von 1613 bis 1617 erbaute Jesuitenkirche um 1930. Auch dieses Gotteshaus wurde 1944 zerstört. Die heutige Citykirche wurde 1958/59 nach Plänen von Gottfried Böhm wiederaufgebaut. 
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

    „Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret, das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun, ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret“: Diese traurige Bilanz, die Andreas Gryphius (1616–1664) in seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes” zog, betrifft im besonderen Maße auch Koblenz. Denn im 17. Jahrhundert wurde die Stadt zum Spielball der großen Mächte.

    Der zeitgenössische Grafiker Wenzel Hollar hat die Gefechte um Stadt und Festung Ehrenbreitstein im Mai 1636 festgehalten. Die Philippsburg und die zerstörten Häuser sind deutlich zu erkennen.
    Der zeitgenössische Grafiker Wenzel Hollar hat die Gefechte um Stadt und Festung Ehrenbreitstein im Mai 1636 festgehalten. Die Philippsburg und die zerstörten Häuser sind deutlich zu erkennen.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

    Dabei waren in Koblenz die Voraussetzungen anfangs sehr gut, unbeschadet durch die unruhigen Zeiten zu kommen. Die Kurfürsten hatten sich eindeutig gegen die Reformation und auf die Seite des Kaisers gestellt, das Wirken der Jesuiten trug dazu bei, die Menschen ruhig zu halten. Der neue Orden hatte nicht nur das Tor zu einer höheren Schulbildung geöffnet, sondern sogar eine kleine Hochschule für das theologisch-philosophische Studium gegründet. Begleitet wurde all dies von einer umfassenden Bautätigkeit.

    Die ab dem späten 17. Jahrhundert errichteten neuen Gebäude des Jesuitenkollegs in einem Stich von Antonius Reuter von 1695.
    Die ab dem späten 17. Jahrhundert errichteten neuen Gebäude des Jesuitenkollegs in einem Stich von Antonius Reuter von 1695.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

    Als die konfessionellen und politischen Konflikte nach dem symbolträchtigen Prager Fenstersturz von 1618 eskalierten, wussten die Koblenzer das bestenfalls vom Hörensagen. Noch ahnten sie nicht, dass eine Tragödie, die später der Dreißigjährige Krieg genannt werden sollte, auch ihre Stadt in eine Katastrophe stürzen würde.

    Die Ursachen für den furchtbarsten Dauerkonflikt, den das Reich bis dahin erlebt hatte, sind vielfältig. Es ging dabei weniger um die Religion, sondern vielmehr um ein Kräftemessen der damaligen Großmächte. Egal, ob das habsburgische Spanien, Schweden oder Frankreich im Spiel waren, für die Menschen war es immer gleich: Grausamen Söldnerheeren, die nach der Devise „der Krieg ernährt den Krieg“ handelten, folgten Obdachlosigkeit, Armut und Seuchen. Der Hunger muss derartige Dimensionen angenommen haben, dass es sogar vereinzelt Fälle von Kannibalismus gegeben haben muss – auch am Mittelrhein.

    Ging es in der älteren Forschung meist um die politischen Hintergründe der Katastrophe, liefern heute auch wirtschaftliche Argumente Erklärungsansätze. Denn der Konflikt hat eine Vorgeschichte, wie das Beispiel des fast schon chronisch finanzschwachen Kurtriers zeigt. Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts verschlechterte sich der Geldwert erheblich, weil man den Metallgehalt der Kleinmünzen senkte, um mehr Geld in Umlauf bringen zu können.

    Zwar war es den Erzbischöfen Lothar von Metternich (1599 – 1623) und Philipp Christoph von Sötern (1623–1652) zunächst gelungen, den Krieg aus ihrem Territorium herauszuhalten, doch gingen sie Verpflichtungen ein. So mussten sie teure Söldnerheere bezahlen. Veränderungen der Waagen sollten deshalb den geringeren Wert geprägter Münzen verschleiern und damit auch, dass das Kurfürstentum finanziell am Ende war.

     

    Geldmenge außer Kontrolle

    Geldentwertung und Manipulationen betrafen das ganze Reich. Aber besonders die relativ kleinen rheinischen Territorien steckten in einer Misere: Trotz aller Tricks konnten sie die Geldmengen nicht selbst steuern, weil viele fremde, oft minderwertige Münzen im Umlauf waren. Die Folge: Kurtrier konnte nur unter großen Anstrengungen Kriegsbeiträge an den Kaiser leisten. Kurfürst Philipp Christoph von Sötern war deshalb bereit, die Seiten zu wechseln. Man sieht: Die katholische Sache spielte eine untergeordnete Rolle. Es ging vielmehr darum, fremde Truppen aus Kurtrier herauszuhalten. Der Erzbischof verhandelte deshalb mit Frankreich und erreichte, dass sein Land 1632 für neutral erklärt wurde. Der Preis für den Vertrag war hoch: Der Kurfürst war gezwungen, die Besetzung strategisch wichtiger Punkte durch französische Truppen hinzunehmen, die zuvor Trier für ihn „befreit“ hatten. Dazu gehörte auch die Festung Ehrenbreitstein. Eine weitere Konsequenz: Philipp von Sötern musste sogar die Anwesenheit der protestantischen Schweden hinnehmen. Grundlage war ein Neutralitätsvertrag von 1631.

    Mit seinen Zugeständnissen hatte der Kurfürst Koblenz endgültig zur Zielscheibe gemacht. Die Bürger spürten das, die alten Konflikte mit der Obrigkeit flammten wieder auf. Offenbar in Verkennung der Tatsachen sahen die Koblenzer ihre Chance zur Unabhängigkeit. Sie riefen die kaiserlich-spanische Armee um Hilfe. Damit handelten sie sich jedoch eine Belagerung durch schwedische Truppen ein.

    Da es eine moderne Befestigung bestenfalls nur in Ansätzen gab, hatten die Koblenzer keine Chance. Am 1. Juli 1632 nahmen die Schweden die Stadt ein, die dann den (katholischen!) Franzosen überlassen wurde. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Vier Jahre später schlugen kaiserliche Truppen zurück. Nach Dauerbeschuss der Stadt im Mai 1636 gelang es ihnen, die Franzosen auf die Festung Ehrenbreitstein zurückzutreiben.

     

    Ehrenbreitstein ausgelöscht

    Folge der grausamen Gefechte: die weitgehende Zerstörung von Koblenz – und Ehrenbreitstein. Das frühere Philippstal wurde nach einem Ausfall der Franzosen am 2. Juli 1636 regelrecht ausgelöscht. Zu dieser Zeit war der Kurfürst bereits in Haft. Nach der Rückeroberung Triers durch die Kaiserlichen wurde er festgenommen. Das Domkapitel übernahm die Regierung. Erst 1645 sollte Philipp von Sötern zurückkehren. Da er noch eine Rechnung offen hatte, verhandelte er mit Frankreich über die Herauslösung Kurtriers aus dem Reichsverband – ohne Erfolg.

    Die Kriegsfolgen waren schrecklich. In Trier, das mit seinen ursprünglich 10 000 Einwohnern zu den größeren deutschen Städten gehörte, lebten 1649 nur noch 3500 Menschen. Ähnlich schlimm muss es im damals noch wesentlich kleineren Koblenz gewesen sein. In einem Ratsprotokoll vom August 1636 kann man lesen, dass „der halbe theil heußer ruinirt” und „umb die Stadt alles gewächß ahn wein, fruichten [...] verkommen.“

    Die Spuren der Verwüstungen waren 1665 noch nicht beseitigt. Davon zeugt ein Brief des Dechanten und des Kapitels von St. Kastor. Darin ist zu lesen, dass „diese Stadt Coblenz durch mehrmalige [...] von freundt und feindlichen armeen beschehener gewalt, zur einnehmunge, plunderungen, einquartierungen, undt anderen Verwüstungen, welche der Kriegh nach sich führet” getroffen wurde und zugleich auch die Stiftsgebäude „in verderbliche desolation gesetzt“.

     

    Schriftliche Quellen fehlen

    Über die tatsächlichen Zerstörungen in Koblenz können nur vage Angaben gemacht werden: In den Ratsprotokollen sind keine Bestandsaufnahmen der Beschädigungen zu finden. Listen mit den zerstörten Gebäuden sind verschwunden. Ursprünglich muss es diese Dokumente gegeben haben, denn 1638 hatte der Stadtrat den Stadtschreiber dazu bestimmt, Schäden festzustellen. So viel steht fest: Es dauerte Jahre, bis sich die Koblenzer erholt hatten. Und schon drohte eine neue Tragödie: die Pest.

     

    Das 17. Jahrhundert

     

    1588 In Koblenz beginnt unter Leitung des Baumeisters Georg von Monreal aus Plaidt der Bau des ersten Jesuitenkollegs auf dem Gelände des alten Zisterzienserinnenklosters. Der Südflügel wird bereits ein Jahr später fertiggestellt. In den Jahren von 1591 bis 1593 folgt der Bau des Westflügels.

    1607 Besetzung der protestantischen Reichsstadt Donauwörth, die anschließend rekatholisiert wird. Damit wird der Augsburger Religionsfrieden von 1555 gebrochen.

    1608 Eklat beim Reichstag tag zu Regensburg. Die protestantischen Reichsstände scheren unter anderem wegen der Vorgänge von Donauwörth aus und gründen unter Führung von Christian von Anhalt die Union.

    1609 Als Gegengewicht zur protestantischen Union formiert sich die katholische Liga. Die Initiative geht von Maximilian I. von Bayern aus. Das Bündnis bekennt sich zum habsburgischen Spanien.

    1609 Erster Vorbote eines großen europäischen Konfliktes ist der Jülich-Klevische Erbfolgekrieg, in den sich Frankreich und Spanien einmischen. Im gleichen Jahr erreicht der Bruderstreit der Habsburger Rudolf und Matthias um die Krone einen Höhepunkt. Rudolf gewährt den böhmischen Ständen schließlich Religionsfreiheit. Dagegen wird Matthias von den österreichischen, ungarischen und mährischen Ständen zum König gewählt.

    1617 Ohne Zustimmung der böhmischen Stände wird Erzherzog Ferdinand König von Böhmen. Protestantische Kirchen werden zerstört, die böhmischen Stände wehren sich. Der Aufstand gegen den Habsburger gipfelt ein Jahr später im Fenstersturz von Prag. Unter Führung des Grafen Heinrich Matthias von Thurn ziehen die Aufständischen gegen Wien.

    1619 Der Habsburger Ferdinand II. (der bis 1637 herrschen sollte) wird zum Kaiser gewählt. Die böhmischen Stände verweigern die Anerkennung und wählen Friedrich V. von der Pfalz („Winterkönig“) zum Gegenkönig.

    1620 In der Schlacht am Weißen Berg bei Prag treffen Union und Liga am 8. November aufeinander. Die Union verliert, der „Winterkönig“ muss nach Holland fliehen.

    1629 Die katholischen Heerführer eilen von Erfolg zu Erfolg. Es kommt zum sogenannten Restitutionsedikt. Alle geistlichen Gebiete, die nach 1552 in protestantischen Besitz gelangt sind, müssen zurückgegeben werden.

    1630 In Gustav II. Adolf von Schweden greift in den Konflikt ein. Die protestantischen Reichsstände schließen sich dem Monarchen an, der zwei Jahre später in der für Schweden siegreichen Schlacht von Lützen fällt.

    1634 Albrecht von Wallenstein wird in Eger ermordet. Der zum Katholizismus zurückgekehrte Feldherr stammte aus dem böhmischen Adel und hatte dem Kaiser ein Heer zur Verfügung stellen können. Im gleichen Jahr verlieren die Schweden nach der Schlacht von Nördlingen Süddeutschland.

    1635 Im Frieden von Prag wollen Katholiken und Protestanten gemeinsam eine Armee aufstellen, die fremde Mächte vertreiben soll.

    1648 Der Westfälische Frieden beendet den Dreißigjährigen Krieg.

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